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12. 5. 20

 

Corona: Amazonas-Bischof Kräutler befürchtet Auslöschung von Indigenen

 

Wien/Brasilia, 12.05.2020 (KAP) Der emeritierte Bischof der brasilianischen Amazonas-Diözese Xingu, Erwin Kräutler, befürchtet, dass das Corona-Virus ganze Völker auslöschen könnte. "Die Immunität der Indigenen ist nicht so hoch wie normalerweise bei der anderen Bevölkerung", sagte der aus Vorarlberg stammende Kräutler am Montag auf Ö1. Er befürchtet, dass das Corona-Virus in die Gebiete der indigenen Völker eingeschleppt werde. Es gehe darum, dass Holzfäller, Bergwerksgesellschaften, große Viehzuchtunternehmen in die indigenen Gebiete vordringen. Wenn einer sich anstecke, gehe die Ansteckung weiter und es könne dazu kommen, dass ein ganzes Volk stirbt. Kräutler spricht von einem "brutalen Kollaps".

Kritik übte der Bischof auch an der anti-indigenen Haltung der brasilianischen Regierung von Präsident Jair Bolsonaro. "Der meint, Amazonien muss erschlossen werden für nationale und internationale Gesellschaften." Eigentlich dürften die Gebiete der Indigenen nicht geöffnet werden, doch Bolsonaro wolle, so Kräutler, die brasilianische Verfassung dahin gehend verändern. Die Katholische Kirche in Brasilien hat nun den Kongress aufgefordert, der entsprechenden Gesetzesnovelle nicht zuzustimmen.

Kräutler sieht auch ein zusätzliches Problem: Nicht nur Bolsonaro verharmlose das Corona-Virus, sondern auch evangelikale Freikirchen. "Das ist eigentlich auch eines der größten Probleme. Man kann ja nicht sagen, der liebe Gott wird das lösen und wir tun überhaupt nichts mehr", so der Bischof.

Auch die Umweltschutzorganisation Greenpeace warnt vor einem neuen Gesetz in Brasilien, das tiefgreifende Folgen für den Amazonas-Regenwald hätte. Inmitten der Covid-19-Krise könnte der brasilianische Kongress noch in diesen Tagen im Eiltempo den von Bolsonaro bereits Ende vergangenen Jahres unterzeichneten Erlass "MP 910" per Online-Abstimmung verabschieden. Das Gesetz würde Eigentum auf öffentlichem Land legalisieren, das vor 2018 illegal abgeholzt und unrechtmäßig besetzt wurde. Millionen Hektar Fläche wären von dem von Greenpeace als "Landraubgesetz" bezeichneten Erlass betroffen.

 

 

 

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28. 4. 20

 

BRASILIEN

 

Kirchenvertreter fordern Amtsenthebung Bolsonaros

 

Anstatt das Land im Kampf gegen Corona zu vereinen, "predige" Brasiliens Präsident den Konflikt.

In Brasilien fordern Kirchenvertreter die Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen Präsident Jair Bolsonaro. Der Nationalrat der christlichen Kirchen Brasiliens (CONIC) und die kirchliche Kommission "Iustitia et Pax" werfen dem Staatschef in einer gemeinsam veröffentlichten Erklärung völlig unverantwortliches Handeln in der vom Coronavirus ausgelösten aktuellen "beispiellosen Krise" vor.

Anstatt das Land im Kampf gegen die Krankheit zu vereinen und anzuführen, "predige" Bolsonaro den Konflikt, setze auf Desinformation und leugne den wissenschaftlichen Wert von Gesundheitsbehörden empfohlener Maßnahmen, so die Vertreter mehrerer christlicher Kirchen, darunter Katholiken, Lutheraner, Orthodoxe und Anglikaner, in dem laut Kathpress auf der CONIC-Website abrufbaren Schreiben.

Kritisch verweisen die Kirchenvertreter auf die "ständige Opposition" Bolsonaros gegen von Gouverneuren und Bürgermeistern gesetzte Schritte zum Schutz vor einer weiteren Ausbreitung des Virus. Auch habe der Präsident sein Veto gegen ein Gesetz zur Nothilfe für Bedürftige eingelegt. Demokratische Institutionen und Zivilgesellschaft müssten sich nun klar positionieren und zur Verteidigung der Demokratie rasch handeln, heißt es in dem Aufruf, in dem auf die verschiedenen verfassungsmäßigen Möglichkeiten zur Abberufung eines Staatspräsidenten Bezug genommen wird.

Als zentralen juristischen Hebel für eine Amtsenthebung nennen die Kirchenvertreter eine Demonstration in Brasilia, bei der zuletzt ein Militärputsch sowie die Schließung des Kongresses und des Obersten Gerichts gefordert wurden. Präsident Bolsonaro hatte selbst an der Demonstration teilgenommen. In der Causa ermittelt bereits das Oberste Gericht, das wissen will, wer die Demonstrationen organisiert hat. Brasilianische Medien sehen hier die Söhne Bolsonaros verantwortlich, von denen einer auch Abgeordneter im Bundesparlament ist.

Vor wenigen Tagen entließ Bolsonaro den moderaten Gesundheitsminister Luiz Henrique Mandetta, weil dieser sich für Ausgangsbeschränkungen einsetzte. Im politischen Chaos des Landes trat zuletzt am Freitag Justizminister Sergio Moro unter schweren Anschuldigungen gegen Bolsonaro zurück. Der Präsident versuche, Ermittlungen gegen sich und seine Söhne zu stoppen, so Moros Vorwurf, den Bolsonaro freilich zurückweist. Zuvor hatte der Präsident den Leiter der brasilianischen Bundespolizei entlassen, der aber dem Justizministerium untersteht.

Die christlichen Kirchen warnten derweil in ihrer gemeinsamen Erklärung vor der sozioökonomischen Krise, die sich durch die Pandemie weiter vertiefe. Arbeitslosigkeit und Hunger in Brasilien würden sich auf alarmierende Weise verschlimmern. Die Priorität der Regierung Bolsonaro jedoch liege bei Banken und Großunternehmern, so die Kritiker.

In Brasilien gab es am Montag 63.100 bestätigte Coronavirus-Erkrankungen, darunter 28.662 weiter aktive; 4.286 Menschen sind bisher an der Covid-19-Infektion verstorben, womit das größte Land Lateinamerikas auch das in absoluten Zahlen am meisten von der Krise betroffene ist. (apa)

 

 

 

Evangelischer Pressedienst

 

25. März 2010

Wien: Religionsvertreter rufen gemeinsam zu Solidarität auf

Vertreter der Kirchen und Religionen, die gemeinsam am Projekt „Campus der Religionen“ arbeiten, veröffentlichen Youtube-Botschaft zur Coronakrise

Wien (epdÖ) – Vertreter von acht Kirchen und Religionsgemeinschaften in Österreich rufen in einem Video anlässlich der aktuellen Coronakrise zum gesellschaftlichen Zusammenhalt, zur Solidarität über alle religiösen und ideologischen Grenzen hinweg und zum Gebet auf. „Es soll ein freundschaftliches und verbindendes Zeichen sein, wenn acht Religionsgemeinschaften in dieser herausfordernden Zeit gemeinsam die Stimme erheben“, so der Initiator der gemeinsamen Grußbotschaft, der Wiener evangelische Superintendent Matthias Geist zum Anliegen des neuen Kurzvideos.

Zu sehen und zu hören sind in dem auf Youtube

veröffentlichten Video neben dem Wiener Superintendenten Geist und Superintendentialkuratorin Petra Mandl der katholische Bischofsvikar Dariusz Schutzki, Nikolaus Rappert (Orthodoxe Kirche), Gemeinderabbiner Schlomo Hofmeister, Imam Ramazan Demir, Walter Hessler (Neuapostolische Kirche), Gursharan Singh Mangat (Sikhs) und Gerhard Weißgrab (Buddhistische Religionsgesellschaft).

Die Vertreter der Religionen arbeiten seit rund fünf Jahren im Projekt „Campus der Religionen“ in der Wiener Seestadt (Aspern) zusammen. Hier soll in den kommenden Jahren in einem Neubaugebiet auf einem rund 10.000 Quadratmeter großen Grundstück ein Campus entstehen, in dem die einzelnen Kirchen und Religionsgemeinschaften jeweils eigene religiöse Stätten und Versammlungsräume errichten können.

 

Evangelischer Pressedienst

 

6. März 2020

Evangelische Kirchenvertreter: „Europa verliert Seele an EU-Außengrenze“

Chalupka, Hennefeld und Schröckenfuchs fordern Neustart für europäische Asylpolitik

Wien (epdÖ) – In einer gemeinsamen Stellungnahme angesichts der Flüchtlingssituation in Griechenland und der Türkei haben der evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka, der evangelisch-reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld und der evangelisch-methodistische Superintendent Stefan Schröckenfuchs Österreich und die Europäische Union dazu aufgerufen, sich nicht am politischen Spiel auf dem Rücken von Flüchtlingen zu beteiligen. „Europa verliert seine Seele an der EU-Außengrenze zwischen Griechenland und der Türkei und auf den griechischen Inseln“, warnen die Repräsentanten der drei evangelischen Kirchen. Die Ereignisse an der griechisch-türkischen Grenze zeigten „ein bis dato nicht dagewesenes Ausmaß der Gewalt gegen Menschen auf der Flucht“.

Werte, auf denen unser Europa gebaut ist, werden verraten

„Die Werte, auf denen unser Europa gebaut ist, werden verraten, wenn gegen schutzsuchende Menschen – Kinder, Frauen, Männer – mit militärischen Mitteln vorgegangen, Tränengas eingesetzt und der Einsatz von Warnschüssen diskutiert wird.“ Damit würden die europäische Nachkriegsordnung und die europäische Rechtsordnung, die auf Menschenwürde und Menschenrechten fuße, außer Kraft gesetzt. Die Rede von illegalen Migranten sei ebenso völlig verfehlt wie der Fokus auf Grenzschutz. „Hunderttausende Menschen fliehen vor dem Krieg, vor Bomben und Raketen, versuchen ihre nackte Existenz zu retten. Wir haben es mit einer humanitären Krise zu tun. Die Humanisierung der Geschichte, und unsere eigene Menschlichkeit stehen auf dem Spiel“, betonten die Repräsentanten der evangelischen Kirchen.

Keine Beteiligung an gewaltsamen Einsätzen

„So zynisch und menschenverachtend es ist, wenn die Türkei schutzsuchende Menschen als politischen Spielball missbraucht, die EU und Österreich dürfen dieses Spiel nicht mitspielen“, heißt es in der Stellungnahme. Griechenland und die EU werden aufgefordert, den Einsatz von Tränengas und Wasserwerfern gegen Schutzsuchende zu stoppen. Österreich dürfe sich auf keinen Fall mit Polizisten an gewaltsamen Einsätzen an der EU-Außengrenze beteiligen. Verlangt werden zudem eine Evakuierung der Flüchtlingslager auf den griechischen Inseln, humanitäre Korridore für Schutzsuchende, Resettlementprogramme sowie eine Bereitstellung von Mitteln aus dem österreichischen Auslandskatastrophenfonds.

Neustart für europäische Asylpolitik

„Wir fordern einen Neustart der europäischen Asylpolitik, bei dem die Interessen der Mitgliedstaaten und der Schutzsuchenden gleichermaßen berücksichtigt werden“, so Chalupka, Hennefeld und Schröckenfuchs. „Hot Spots“ an den europäischen Außengrenzen seien kein gangbarer Weg: Asylsuchende zu inhaftieren verstoße ebenso gegen geltendes europäisches Recht, wie sie einfach zurückzuschicken. „Als Christinnen und Christen appellieren wir an alle Verantwortungsträger, Flüchtlinge als das zu betrachten und zu behandeln, was sie sind: Menschen.“

 

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Pax-Christi-Sprecher: Cardenal bleibt Impulsgeber für Christen

 

Österrreichischer Publizist Krims: Aufhebung der vatikanischen Sanktionen durch Papst Franziskus war auch für Cardenal von hoher Bedeutung

 

Wien, 02.03.2020 (KAP) Der am Sonntag 95-jährig verstorbene Dichter, Befreiungstheologe und Ex-Kulturminister Ernesto Cardenal hat zeitlebens die Auffassung verfolgt, "dass sich Christen in der Gesellschaft aktiv - und auch politisch - für die Verwirklichung von Gerechtigkeit einsetzen müssen": Das hat der Vizepräsident von Pax Christi Österreich, der Publizist Adalbert Krims, am Montag im Interview mit der Nachrichtenagentur "Kathpress" dargelegt.


Krims stand seit 1978 in Kontakt mit Cardenal, unterstützte den Schriftsteller und späteren Politiker u.a. durch Spendenaktionen aus Österreich und begegnete ihm mehrmals in Nicaragua wie auch in Österreich. Wiederholt lieferte Cardenal auch Beiträge für die von Krims herausgegebene Zeitschrift "Kritisches Christentum".


Cardenal sei davon überzeugt gewesen, "dass die Erfüllung dessen, was wir glauben, nicht erst im Jenseits, sondern bereits das Diesseits geschieht", erklärte Krims im "Kathpress"-Gespräch. "Poetisch, nicht wissenschaftlich" sei dabei dessen Aussage zu bewerten, der Kommunismus und die Verwirklichung des Reiches Gottes seien ein und dasselbe. Mit seiner Vorstellung einer gerechteren Gesellschaft habe Cardenal der lateinamerikanischen Befreiungstheologie wichtige Impulse geliefert - "und zwar nicht auf stringente, theologisch abgesicherte Weise, sondern dichterisch-bildlich", so Krims.


Als Kulturminister in NIcaragua habe Cardenal Projekte wie eine Dichterwerkstätte ins Leben gerufen, mit der er die Landbevölkerung für die Poesie zu aktivieren versuchte - "wobei er Kultur nicht als Genuss, sondern als Aktivierung des Menschen als kulturelles Subjekt verstand", erklärte Krims. Cardenal sei auch als Politiker "direkt aus dem Glauben inspiriert" gewesen, und habe sich dabei weder auf Kompromisse noch auf politische Strategie oder Taktik eingelassen.


Dass Cardenal mit diesem Zugang in Konflikt mit der Realpolitik kommen musste und Anfang der 1990er Jahre schließlich mit dem Sandinismus brach, zu dessen Wegbereitern er zählte, sei "ebenso wie sein Bruch mit Rom tragisch wie auch Ausdruck seiner idealistischen Gesinnung", befand Krims. Papst Johannes Paul II. (1978-2005) hatte Cardenal wegen dessen politischen Engagements 1985 die Ausübung des Priesterdienstes verboten.


Dass Papst Franziskus im Februar 2019 alle Sanktionen wieder aufhob, ist Krims zufolge nicht hoch genug einzuschätzen: "Anders als sein Bruder Fernando hatte Ernesto Cardenal bis zuletzt nie um die Aufhebung der Suspendierung gebeten, da er von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt war. Dass sich dann der Papst über alle Konventionen hinwegsetzte, aus eigener Initiative auf Cardenal zuging und den Nuntius als seinen persönlichen Vertreter zu ihm ins Spital schickte, um mit ihm Messe zu feiern, war für ihn zweifellos doch eine große Sache", betonte der Pax-Christi-Sprecher. Cardenal habe in Franziskus, als erster Papst aus Lateinamerika und aufgrund seines Einsatzes für die Armen, schon seit Beginn des Pontifikats große Hoffnungen gesetzt.

Als bleibendes Erbe des Poeten, Priesters und Politikers bezeichnete Krims neben dessen Gedichten auch Cardenals "Vision eines gewaltfreien Weges, der Christentum und Sozialismus vereint". Diese Vision bleibe bis heute aktuell - "auch wenn sich die Politik heute davon noch viel ferner als in den 70er- und 80er-Jahren entwickelt hat".

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3. 3. 20

 

Ernesto Cardenal:

Adios, compañero!

Der nicaraguanische Befreiungstheologe Ernesto Cardenal ist tot. Was bleibt, ist seine Dichtung und die Einsicht, dass keine Revolution ohne Liebe gelingen kann.

 

Von Andreas Öhler

 

3. März 2020

 

Der Dichterpriester Ernesto Cardenal ist tot95 Jahre alt wurde er. Keine Revolution schafft so ein Alter, die sozialen Utopien halten etwas länger. Allein der Poesie ist es vergönnt, zu überdauern. So werden sich die Menschen in Lateinamerika und weit darüber hinaus an den Verstorbenen auch noch erinnern, wenn der von ihm geprägte Begriff "Befreiungstheologie" ebenso ein historischer Begriff geworden ist wie das erste Konzil von Niccäa oder die Hexenverbrennung. 

Ernesto Cardenal gehörte zu den Dichtern, der die Revolution in seinem Lande dichterisch befeuerte, statt sie lediglich lyrisch zu begleiten. Dazu muss man wissen, dass die Dichtung in den lateinamerikanischen Ländern eine ganz andere, viel höhere Gewichtung hat. Die Kunst der Poesie wird in den lateinamerikanischen Mythen als eine Göttergabe gedeutet – als Feuer, das vom Himmel an die Begnadeten weitergereicht wird. Deshalb klingen Texte aus diesen Breiten für europäische Ohren immer etwas zu pathetisch.

Was verliert die Welt mit diesem Mann? Einen großen Theologen, der immer zuerst den Menschen im Blick hatte, ihn über die klerikale Ordnung stellte, der das soziale Gewissen in den Mittelpunkt der Kirche rückte. Und der in uns die Erkenntnis weckte, dass Glaube und Freiheit keine unüberwindbaren Gegensätze bleiben müssen. Die Politik des Papstes Franziskus wäre heute eine andere, womöglich eine mehr entweltlichte. Maria 2.0 und die Debatte zur Abschaffung des Zölibats sind womöglich die Früchte des Zorns und der Hoffnung von Ernesto Cardenal, dass der Mensch sich wandeln kann und die Zustände veränderbar sind. 

In Deutschland gibt es einen Kardinal, der Marx heißt, in Nicaragua wurde ein Marxist mit dem Nachnamen Cardenal zum Priester, Politiker und Dichter. Ernesto Cardenal Martinez wurde am 20. Januar 1925 in Granada/Nicaragua in eine wohlhabende Oberschichtenfamilie hineingeboren. Revolutionäre, die aus solchen gehobenen Kreisen stammen, haben oft eine romantisch gefärbte Vorstellung von den Zuständen der unterdrückten Klasse, die in der Folge zu politischen Missverständnissen führt: Gerät das Volk nicht so, wie es sich die Revolutionäre in ihren kühnsten Visionen ausmalen, fällt es in Ungnade und muss die Folgen dann auch leider alleine ausbaden.

Nicht so bei Ernesto Cardenal. Sein Bruder Fernando war Jesuit – die Familie war christlich orientiert und so dominierte dort ein Barmherzigkeitsbegriff, der aus der Bergpredigt herrührte: Der Mensch ist fehlbar, ein Sünder, das darf er auch sein, das hat Gott so angelegt. Deswegen hat er uns auch seinen eingeborenen Sohn geschickt, dass er uns beisteht. In der Dichtung Ernesto Cardenals klingt das so: "Gott braucht den Menschen nicht, um glücklich zu sein, und doch liebt er ihn so, als ob er ohne ihn ewig unglücklich wäre."

Er beteiligte sich an der nicaraguanischen April-Revolution 1954

Schon als Jugendlicher fühlte er in sich den Dichter, versuchte sich an elegischer Liebeslyrik. Die Anrufung an Gott gerichtet, heißt Gebet. Und solchen Anrufungen blieb er zeitlebens treu. Folgerichtig studierte er Literaturwissenschaft und Philosophie in Mexiko, danach noch drei Jahre an der Columbia State University in New York. Als Bildungsbürger bereiste er damals Italien, Spanien und die Schweiz. In Italien lag der Faschismus Benito Mussolinis 1949 längst am Boden, in Spanien baute er unter General Franco seine Macht weiter aus. Das kann einen politischen Menschen wie Ernesto Cardenal nicht kalt gelassen haben. Vielleicht studierte er dort am realen Subjekt die Verführbarkeit des Menschen, mag sein, dass ihn diese Reise dazu bewog, 1950 ein Theologiestudium in Mexiko und Kolumbien anzufangen. Es ist historisch verbürgt, dass er sich als junger Poet in Lyrikerkreisen tummelte, wo man, wie das dort eben immer so ist, berauscht vom Wein und den eigenen Worten, die Menschheit retten will.

Ernesto Cardenal war allerdings noch einen Zacken konsequenter, er war Mitglied renitenter literarischer Zirkel, schloss sich sogar einer revolutionären Jugendbewegung an. Dass er sich dann aber auch noch aktiv in der nicaraguanischen April-Revolution 1954 beteiligte – damals ging es um den Sturz des Diktators Anastasio Somoza Garcia – hätte ihn beinahe, wie vielen seiner Companeros den Kopf gekostet. Aber er konnte, so schreiben es die Annalen, im letzten Moment einem staatlich verordneten Massaker entrinnen. Er hatte als Christ nicht zur Waffe gegriffen, stattdessen mit Worten gekämpft, im Wissen, dass auf lange Sicht so ein Angriff viel wirkungsvoller ist.

Als politischer Flüchtling ging er 1956 ins Exil und wählte, für einen Dichter ungewöhnlich, erst einmal das öffentliche Schweigen, dachte aber nicht daran, das Dichten sein zu lassen. 1957 trat er in Kentucky in ein Trappistenkloster ein. Es ist sicher kein Zufall, dass sein Novizenmeister in dieser geistigen und geistlichen Sammlungsphase der als Dichtermönch bekannte Thomas Merton war. Unter seinem Einfluss ließ er das Verfassen von politischen Schmähgedichten bleiben und verlegte sich auf das, was das Christentum seit Paulus verkündet, auf Glaube, Liebe und Hoffnung. Und da die Liebe die Höchste unter diesen Dreien ist, schrieb er dort sein erstes lyrisches Hauptwerk Das Buch von der Liebe, das 1971 auf dem deutschen Buchmarkt erschien und die deutsche Linke sehr ansprach. In den folgenden Jahren wechselte er in ein mexikanisches Benediktinerkloster, widmete sich tiefer der katholischen Theologie und unterrichtete als Lehrer.

Sein in diesen Jahren entstandenes Werk Psalmen gilt als das lyrische Manifest einer Bewegung, die später als "Befreiungstheologie" firmierte und die römische Amtskirche erschütterte. Wie ein auffliegender Zugvogelschwarm verbreiteten sich seine Verse in der Welt und waren nicht mehr einzufangen. Das Buch wurde in zwanzig Sprachen übersetzt. 

Nach seiner Priesterweihe 1965 schlug er aber nicht einfach eine klerikale Laufbahn ein, die ihm sicher eine veritable Bischofskarriere eingebracht hätte. Lieber gründete er eine Kommune – ein Horror für das katholische Kirchenverständnis jener Zeit. Dort entstand sein Hauptwerk Das Evangelium der Bauern, das vor allem im bauernkriegsgeschädigten Deutschland auf besondere Resonanz stieß. Sonst hat kaum ein christlich angehauchtes Werk bei den kirchenfernen Kaffeehaus-Revoluzzern soviel Nachhall gefunden. Von da an war der Zauselbart mit der schwarzen Baskenmütze eine linke Ikone.

Für Papst Johannes Paul II. war Cardenal ein Spalter

Als Cardenal 1970 nach Kuba ging, stand das System Fidel Castros mit seinen letztlich doch verbrecherischen Praktiken bei den antiamerikanischen Genossen noch hoch im Kurs. Hat er es gemerkt? Der realexistierende Sozialismus wurde von den linken Großbürgern, zu denen Cardenal nun mal zeitlebens gehörte, leider länger völlig verblendet gefeiert. Anders als bei niederen Ständen, die unter ein neues Joch gerieten und denen man nichts vormachen konnte. Revolutionstouristen, die für ein paar Monate das Land bereisen, bleiben solche Feinheiten verborgen. 1973 kam der Dichterpriester nach Deutschland. Er füllte Säle wie heute der Dalai Lama.

Ernesto Cardenal blieb der Zutritt in sein Heimatland Nicaragua weiterhin verwehrt. Als Exilant hielt er sich in Costa Rica auf und schloss sich der sandinistischen Befreiungsfront an. Als die FSLN 1979 in Nicaragua den Diktator Anastasio Somoza Debayle stürzte, konnte er zurückkehren und ließ sich zum Kulturminister küren. Doch eine verkommene Funktionärskarriere, wie sie in der DDR etwa der Dichter Johannes R. Becher machte, war dann doch nichts für ihn. Er plädierte – ganz christlich – gegen eine "Revolution der Rache", zu seinen Verdiensten zählt in dieser Zeit die breit angelegte Alphabetisierungskampagne. Fast Dreiviertel der Bevölkerung konnten damals weder lesen noch schreiben. Auch dass er mehrmals den iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini  besuchte, sogar noch an dessen Sterbelager stand, ist heute kaum noch nachzuvollziehen. Wollte er eine verlorene Seele retten oder für humanere Bedingungen eintreten? Die Gründe dafür liegen im Dunkeln.

Das alles störte den polnischen Papst Johannes Paul II. gehörig. Er selbst hatte mit seiner spirituellen Unterstützung der Danziger Gewerkschaftsbewegung "Solidarnosc" die Regierung in seinem Heimatland zum Wanken gebracht und letztlich damit den ersten Dominostein geliefert, der das ganze kommunistische System sowjetischer Prägung zum Einsturz gebracht hat. Gegen totalitäre Systeme war er allergisch.

Der Papst hatte Ernesto Cardenal dafür verantwortlich gemacht, dass er bei einem Besuch in der nicaraguanischen Hauptstadt Managua von den siegestrunkenen Sandinisten niedergebrüllt wurde. Für ihn war der Befreiungstheologe ein Spalter. Das Tischtuch zwischen Rom und ihm war seitdem zerschnitten. Er enthob Cardenal kurzerhand des Priesteramtes. Dieser versuchte sich vergebens dagegen zu wehren. Auch sein Bruder Fernando, der unter den Sandinisten als Erziehungsminister diente, wurde aus dem Jesuitenorden ausgeschlossen. Beide gründeten eine linksgerichtete Volkskirche, nachdem Ernesto Cardenals Kultusministerium aufgelöst wurde und man ihn als Politiker kaltstellte. Zum Bruch mit dem sandinistischen Revolutionsführer Daniel Ortega kam es dann endgültig 1994, weil er längst diktatorische Züge angenommen hatte. Von der Idee eines sozialistischen Humanismus aber distanzierte sich Cardenal nie. Zeitlebens pochte er darauf, "Sandinist, Christ und Marxist" zu sein. 

Der Politiker wurde wieder zum Dichter. Im Reich der Worte gibt es keine Diktatur, weil die Poesie nicht die Gehirne der Menschen besetzen will, sondern ihre Herzen zu gewinnen sucht. In den Neunziger Jahren verfasste er die Gesänge des Universums. Der Cántico Cósmico blieb unvollendet, zählt aber heute zu den Meilensteinen der lateinamerikanischen Literatur. Der Dichter ließ nicht nach, Daniel Ortegas Amtsführung zu kritisieren, die von Nepotismus und Korruption geprägt war. Aus Angst vor politischer Verfolgung hielt er sich in den Nullerjahren dieses Jahrtausends vorwiegend in Europa auf, bestritt seinen Unterhalt mit Lesereisen und Engagements in internationalen sozialen Projekten. Erst mit dem Machtverlust Ortegas konnte er wieder in sein Heimatland zurückkehren. 

Anfang Januar 2019 wurde Ernesto Cardenal mit einer schweren Lungenentzündung in Managua in ein Krankenhaus eingeliefert. Es sah nicht danach aus, dass er seinen 95. Geburtstag noch erleben würde. Vielleicht bewegte sein nahender Tod Papst Franziskus dazu, ihm entgegenzukommen. Am Krankenbett erfuhr Ernesto Cardenal, dass die Suspendierung aus dem Priesteramt aufgehoben werden würde. Das hat ihn offenbar so beflügelt, dass er wie ein Wunder aufstand und wandelte. Im Februar 2019 war er wieder offiziell berufener katholischer Priester – ein gutes Jahr später verstarb er nun am 1. März.

Ob er den Ausgang der Amazonas-Konferenz, der viele fortschrittliche Theologen tief enttäuschte, mit Bitternis zur Kenntnis nahm oder sich schon auf seine Begegnung mit Gott vorbereitete, darüber wurde nichts vermeldet. Ewigkeit auf Erden erlangt er allein über seine Verse. Sie erheben sich über die Zeiten und Menschen, die immer wieder neu leiden und lieben. Die Kirche muss nun ohne diesen großen Ermutiger auskommen, der die politischen Verhältnisse mit alttestamentarischem prophetischem Zorn anging und die Welt mit neutestamentarischer Güte zu versöhnen suchte.

 

Antwort des ÖRK-Generalsekretärs auf den Trump-Netanjahu-Plan für Palästina und Israel

29. Januar 2020

Gestern, am 28. Januar, haben der US-amerikanische Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Netanjahu einen Vorschlag für Frieden in Israel und Palästina vorgelegt – „Frieden für Wohlstand: Eine Vision für ein besseres Leben des palästinensischen und israelischen Volkes“. Dieser Vorschlag wurde ohne eine zielführende Beteiligung des palästinensischen Volkes entwickelt und folgt in erster Linie den seit langer Zeit bekannten Zielen Israels. Er ist eher ein Ultimatum als eine realistische, nachhaltige oder gerechte Lösung. Weder dem palästinensischen noch dem israelischen Volk kann dieser Plan einen gerechten Frieden bringen.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat sich bisher immer für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina eingesetzt und wird diesem Grundsatz auch in Zukunft folgen. Dieser Frieden muss auf einem Prozess des Dialogs und der Verhandlungen und auf den fundamentalen Grundsätzen internationalen Rechts sowie auf der Anerkennung der gleichen  Rechte und der Würde des israelischen und des palästinensischen Volkes basieren. Letztlich wird jede ‚Lösung‘, die nicht auf Gerechtigkeit und einem verhandelten Abkommen beruht, als Übergriff und als Instrument der Unterdrückung verstanden.

Der ÖRK wird sich weiterhin intensiv mit dem Plan befassen und die Analysen und Reaktionen der Mitgliedskirchen und der Partner in der Region zur Kenntnis nehmen. Dieser Vorschlag verleiht aber einer Seite – der israelischen – eindeutig Rechte, die sie nach Völkerrecht nicht hat, während die andere Seite – das palästinensische Volk – zum Teil noch das Wenige, das ihnen verblieben ist, verlieren. Das gilt selbst für die völkerrechtliche Anerkennung des Status als besetztes Land und die Hoffnung auf einen lebensfähigen unabhängigen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt – und nicht einem östlich von Jerusalem gelegenen Vorort hinter der Betonabsperrung zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Dieser Vorschlag folgt dem Prinzip des Rechts des Stärkeren und ignoriert Grundsätze des internationalen Rechts, Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht.

Die dem palästinensischen Volk nach diesem Plan ‚zugeteilten‘ Territorien sind kein zusammenhängendes Gebiet, sondern von israelischen Siedlungen durchzogen und nur durch Umgehungsstraßen unter israelischer Kontrolle miteinander verbunden. Aus unseren historischen Erfahrungen als ökumenische Bewegung und unserem Engagement in Südafrika wissen wir, wie ein solches System aussieht. Dieser Plan macht aus der Zersplitterung des palästinensischen Gebietes innerhalb einer unter israelischer Kontrolle stehenden Matrix eine vollendete Tatsache, vergleichbar mit den Bantustans des südafrikanischen Apartheidsystems. Wir wissen, dass dies nicht zum Frieden oder zur Gerechtigkeit führen kann.

Obwohl es das ungezügelte Wachstum und die Ausbreitung israelischer Siedlungen immer unwahrscheinlich werden lassen, so hält der ÖRK die ‚Zwei-Staaten-Lösung‘ nach wie vor für den besten Weg zu einem friedlichen Zusammenleben sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk. Dies muss aber eine echte Zwei-Staaten-Lösung sein und die Gründung eines lebensfähigen, unabhängigen und selbstverwalteten palästinensischen Staates ermöglichen, wie er in einschlägigen UN-Resolutionen vorgesehen ist, und nicht einfach das derzeitige System von Besetzung und Kontrolle zum palästinensischen ‚Staat‘ umetikettieren.

Der ÖRK fordert die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft nachdrücklich auf, diesen Vorschlag nicht zu unterstützen oder seine Umsetzung anzuerkennen, sofern und bis nicht ein besserer Plan mit Beauftragten des palästinensischen Volkes verhandelt und vereinbart wurde, der den Grundsätzen des internationalen Rechts im Hinblick auf eine kriegerische Okkupation entspricht und die Menschenrechte respektiert.