Antwort des ÖRK-Generalsekretärs auf den Trump-Netanjahu-Plan für Palästina und Israel

29. Januar 2020

Gestern, am 28. Januar, haben der US-amerikanische Präsident Donald Trump und der israelische Ministerpräsident Netanjahu einen Vorschlag für Frieden in Israel und Palästina vorgelegt – „Frieden für Wohlstand: Eine Vision für ein besseres Leben des palästinensischen und israelischen Volkes“. Dieser Vorschlag wurde ohne eine zielführende Beteiligung des palästinensischen Volkes entwickelt und folgt in erster Linie den seit langer Zeit bekannten Zielen Israels. Er ist eher ein Ultimatum als eine realistische, nachhaltige oder gerechte Lösung. Weder dem palästinensischen noch dem israelischen Volk kann dieser Plan einen gerechten Frieden bringen.

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) hat sich bisher immer für einen gerechten Frieden in Israel und Palästina eingesetzt und wird diesem Grundsatz auch in Zukunft folgen. Dieser Frieden muss auf einem Prozess des Dialogs und der Verhandlungen und auf den fundamentalen Grundsätzen internationalen Rechts sowie auf der Anerkennung der gleichen  Rechte und der Würde des israelischen und des palästinensischen Volkes basieren. Letztlich wird jede ‚Lösung‘, die nicht auf Gerechtigkeit und einem verhandelten Abkommen beruht, als Übergriff und als Instrument der Unterdrückung verstanden.

Der ÖRK wird sich weiterhin intensiv mit dem Plan befassen und die Analysen und Reaktionen der Mitgliedskirchen und der Partner in der Region zur Kenntnis nehmen. Dieser Vorschlag verleiht aber einer Seite – der israelischen – eindeutig Rechte, die sie nach Völkerrecht nicht hat, während die andere Seite – das palästinensische Volk – zum Teil noch das Wenige, das ihnen verblieben ist, verlieren. Das gilt selbst für die völkerrechtliche Anerkennung des Status als besetztes Land und die Hoffnung auf einen lebensfähigen unabhängigen Staat mit Ostjerusalem als Hauptstadt – und nicht einem östlich von Jerusalem gelegenen Vorort hinter der Betonabsperrung zwischen Israel und den Palästinensergebieten. Dieser Vorschlag folgt dem Prinzip des Rechts des Stärkeren und ignoriert Grundsätze des internationalen Rechts, Gerechtigkeit und Rechenschaftspflicht.

Die dem palästinensischen Volk nach diesem Plan ‚zugeteilten‘ Territorien sind kein zusammenhängendes Gebiet, sondern von israelischen Siedlungen durchzogen und nur durch Umgehungsstraßen unter israelischer Kontrolle miteinander verbunden. Aus unseren historischen Erfahrungen als ökumenische Bewegung und unserem Engagement in Südafrika wissen wir, wie ein solches System aussieht. Dieser Plan macht aus der Zersplitterung des palästinensischen Gebietes innerhalb einer unter israelischer Kontrolle stehenden Matrix eine vollendete Tatsache, vergleichbar mit den Bantustans des südafrikanischen Apartheidsystems. Wir wissen, dass dies nicht zum Frieden oder zur Gerechtigkeit führen kann.

Obwohl es das ungezügelte Wachstum und die Ausbreitung israelischer Siedlungen immer unwahrscheinlich werden lassen, so hält der ÖRK die ‚Zwei-Staaten-Lösung‘ nach wie vor für den besten Weg zu einem friedlichen Zusammenleben sowohl für das palästinensische als auch das israelische Volk. Dies muss aber eine echte Zwei-Staaten-Lösung sein und die Gründung eines lebensfähigen, unabhängigen und selbstverwalteten palästinensischen Staates ermöglichen, wie er in einschlägigen UN-Resolutionen vorgesehen ist, und nicht einfach das derzeitige System von Besetzung und Kontrolle zum palästinensischen ‚Staat‘ umetikettieren.

Der ÖRK fordert die Mitglieder der internationalen Gemeinschaft nachdrücklich auf, diesen Vorschlag nicht zu unterstützen oder seine Umsetzung anzuerkennen, sofern und bis nicht ein besserer Plan mit Beauftragten des palästinensischen Volkes verhandelt und vereinbart wurde, der den Grundsätzen des internationalen Rechts im Hinblick auf eine kriegerische Okkupation entspricht und die Menschenrechte respektiert.

Wir fordern die Regierung Israels und die palästinensische Autonomiebehörde auf, zu einem Prozess des Dialogs und der Verhandlungen auf diesen Grundlagen zurückzukehren. Wir bekräftigen die essenzielle Rolle der Vereinten Nationen bei der Förderung eines Dialogs auf den Grundsätzen des Völkerrechts und für gemeinsame Initiativen, um eine nachhaltige Lösung für einen gerechten Frieden für alle zu finden. Wir fordern ebenfalls die Regierung der Vereinigten Staaten auf, einen solchen Prozess zu ermutigen, zu unterstützen und zu begleiten und dabei nicht die Interessen nur einer Seite bevorzugt zu behandeln.

Wir stehen Seite an Seite mit anderen Kirchenleitenden weltweit und teilen unsere große  Sorge mit, dass dieser Plan nicht zum Frieden führt, sondern vielmehr neue Unruhen und Gewalt provozieren wird und nur zur Folge hat, dass extreme Ansichten und Aktionen auf beiden Seiten eskalieren werden.

Wir beten für Frieden in Jerusalem als eine Stadt der  zwei Völker und drei Glaubensrichtungen. Wir beten für die christlichen Gemeinschaften im Heiligen Land, für das palästinensische und das israelische Volk und für alle Völker in der Region, auf dass sie einen auf Gerechtigkeit beruhenden Frieden in Anerkennung der von Gott gegebenen, für alle Menschen in gleicher Weise geltenden Würde und Menschenrechte erleben mögen.

Genf, 29. Januar 2020
Olav Fykse Tveit,
Generalsekretär

 

Vatican News, 12. 12. 19

Papst Franziskus warnt vor dem „nuklearen Abgrund“

Papst Franziskus hat seine Absage an ein Gleichgewicht des Schreckens bekräftigt. Man solle sich „nicht einbilden, dass wir die Stabilität in der Welt durch die Angst vor der Vernichtung aufrechterhalten können“, schreibt er in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag, die an diesem Donnerstag veröffentlicht wurde.

 

Stefan von Kempis – Vatikanstadt

Der von Papst Paul VI. eingerichtete kirchliche Weltfriedenstag wird jedes Jahr am 1. Januar begangen; die Botschaft, die der Papst jedes Jahr dazu verfasst, wird vom Vatikan Staatschefs und Regierungen in aller Welt zugeleitet.

In dem jetzt veröffentlichten Text zeigt sich Franziskus, der in der zweiten Novemberhälfte mit Hiroshima und Nagasaki die Schauplätze der ersten Abwürfe der Atombombe besucht hat, besorgt über eine „derzeit vorherrschende Dynamik des Misstrauens“ in den internationalen Beziehungen. Ein Gleichgewicht des Schreckens, wie es Westen und Osten jahrzehntelang während des Kalten Kriegs herstellten, nennt der Papst „höchst instabil“; es führe an den „Rand des nuklearen Abgrunds“.

„Denkweisen der Vergangenheit dürfen nicht wieder salonfähig werden“

Franziskus ruft nach einer „echten Geschwisterlichkeit“: „Der Wunsch nach Frieden ist tief in das Herz des Menschen eingeschrieben, und wir dürfen uns mit nichts Geringerem als diesem abfinden.“ Als „Weg der Hoffnung“ müsse Frieden auf Dialog, Versöhnung und ökologischer Umkehr errichtet werden. Krieg sei in Wirklichkeit „Brudermord“, davon zeugten die Überlebenden der Atombombenangriffe auf Japan mit ihren anrührenden Erzählungen über das Grauen von 1945.

Es sei wichtig, dass „die gleichen Fehler nicht wieder begangen werden oder die trügerischen Denkweisen der Vergangenheit erneut salonfähig werden“, schreibt der Papst. Mit einem Zitat Pauls VI.‘ lässt er erkennen, dass die „Förderung eines demokratischen Gesellschaftsstils“ aus seiner Sicht viel zum Frieden beiträgt. Demselben Ziele diene auch die Arbeit an einem „gerechteren Wirtschaftssystem“.

„Man erhält keinen Frieden, wenn man ihn nicht erhofft“

Ein ganzer Abschnitt der päpstlichen Friedensbotschaft ist der ökologischen Umkehr gewidmet. Sie solle zu „einem neuen Blick auf das Leben“ führen, so der Papst, der 2015 als erster Petrusnachfolger zum Thema Bewahrung der Schöpfung eine ganze Enzyklika geschrieben hat.

Eindringlich ruft Franziskus dazu auf, sich bei der Suche nach Frieden nicht mit Kompromissen zufriedenzugeben: „Man erhält keinen Frieden, wenn man ihn nicht erhofft.“ Wer nicht „an die Möglichkeit des Friedens“ glaube, könne einer Angst anheimfallen, die selbst „oft Quelle von Konflikten“ sei. „Die Kultur der Begegnung zwischen Brüdern und Schwestern bricht mit der Kultur der Bedrohung.

 

 

 

Epd, 29. Juli 2019

Bünker: Kirchen und Gemeinden müssen beim Klimaschutz vorangehen

Die Evangelische Kirche müsse sich bei Klimaschutz und Schöpfungsverantwortung klar profilieren, sagt Bischof Michael Bünker im Abschiedsinterview. Foto: epd/Uschmann

Die Evangelische Kirche müsse sich bei Klimaschutz und Schöpfungsverantwortung klar profilieren, sagt Bischof Michael Bünker im Abschiedsinterview. Foto: epd/Uschmann

Abschiedsinterview mit evangelischer Zeitung SAAT

Wien (epdÖ) – Eine Vorreiterrolle der Kirchen im Kampf gegen die globale Erwärmung fordert der scheidende evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker ein. Im Abschiedsinterview mit der evangelischen Zeitung SAAT (August-Ausgabe) sagt Bünker: „Der Klimawandel betrifft uns alle in gleicher Weise. Die Bewahrung der Schöpfung ist uns allen ein Anliegen, und die christlichen Gemeinden und die evangelischen Gemeinden müssen hier glaubwürdig selber Schritte setzen, ein Stück weit vorangehen.“ Hier brauche es eine starke Profilierung der Evangelischen Kirche, wie es sie zum Beispiel in der Frage von Asyl und Flucht bereits gebe.

Kirchen und Glaube können gelassener machen

Mehr Gelassenheit wünscht sich Bünker in einer Zeit der um sich greifenden Beschleunigung – dazu könnten der Glaube und Kirchen einen Weg aufzeigen. Digitale Kommunikationswege führten zu einem Anspruch der permanenten Verfügbarkeit, das habe weitreichende Konsequenzen auf berufliches und Privatleben, viele kämen dabei unter die Räder. „Ich denke, Kirchen oder der Glaube können und auch ein Stück weit gelassener machen. Der Glaube an ein ewiges Leben kann diese kurze Zeitspanne, die ich als Mensch hier zur Verfügung habe, auch ein Stück weit relativieren.“

Als Höhepunkte seiner fast zwölfjährigen Amtszeit nennt Bünker im Gespräch mit der SAAT den „europäischen Blick“, den er als Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) gewonnen habe, die Erfahrung ehrenamtlichen Engagements in den österreichischen evangelischen Gemeinden und das Reformationsjubiläum 2017. Zugleich registriert er den anhaltenden Rückgang der Mitgliederzahlen in der Kirche mit Besorgnis: „Dass es nicht gelungen ist, die Menschen davon zu überzeugen, dass Mitglied einer Kirche oder einer Religionsgemeinschaft zu sein wichtig für das Zusammenleben in einer Gesellschaft, und Mitglied in einer Evangelischen Kirche zu sein besonders wünschenswert ist, das muss ich mit Bedauern zur Kenntnis nehmen.“ Als größten persönlichen Fehler stuft er seine erste, verhalten positive, Reaktion auf die aktuelle Karfreitagsregelung ein, die ihm viel Kritik eingebracht hatte: „Ich war froh, dass der halbe Feiertag, so wie er geplant war von der Regierung, weg ist, und habe die Dynamik, die da dahintersteht, wohl nicht ganz richtig eingeschätzt.“

„Die Zukunft ist das, was auf uns zukommt“

Seiner persönlichen Zukunft sieht Bünker entspannt entgegen, „weil ich mich selbst getragen weiß, gewollt und begleitet“ – daher freue er sich auf das, was ihm bevorstehe. „Die Zukunft ist das, was auf uns zukommt, nie das, was ich von heute auf morgen hochrechne, und ich bin sicher, dass auf mich noch die eine oder andere Tätigkeit zukommen wird.“

Michael Bünker ist seit 2008 Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich, von 2007 bis 2018 war er zudem Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Davor war er Oberkirchenrat, Direktor der Evangelischen Religionspädagogischen Akademie und Pfarrer in Wien-Floridsdorf. Ende August tritt Bünker in den Ruhestand. Ihm folgt am 1. September Michael Chalupka im Bischofsamt nach. Der frühere Diakonie-Direktor wurde am 4. Mai von der Synode zum neuen Bischof gewählt.

https://evang.at/buenker-kirchen-und-gemeinden-muessen-beim-klimaschutz-vorangehen/?fbclid=IwAR3rL16oMybEFu2Yt2e5EaPisBXAeJng0wmHq6pk071uRAySzKSAkVwNTy4

 

Epd, 5. 5. 19

Michael Chalupka ist neuer evangelisch-lutherischer Bischof

Chalupka: „Evangelium steht für Gemeinschaft, die niemanden ausgrenzt“

Wien (epdÖ) – Der neue Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Österreich heißt Michael Chalupka. Der 58-jährige Wiener wurde am Samstag, 4. Mai, in Wien von den Delegierten der Synode mit der notwendigen Zweidrittelmehrheit gewählt. Im 12. Wahlgang entfielen auf den früheren Direktor der Diakonie Österreich und aktuellen Geschäftsführer der Diakonie Bildung 47 von 62 Stimmen. Der oberösterreichische Pfarrer und Senior Andreas Hochmeir erhielt 14 Stimmen, eine Stimme war ungültig. Der dritte Kandidat, der Kärntner Superintendent Manfred Sauer, hatte seine Kandidatur nach dem 6. Wahlgang zurückgezogen. Sein Amt als Nachfolger von Bischof Michael Bünker, der in den Ruhestand tritt, wird Chalupka am 1. September antreten.

„Ich nehme die Wahl mit Freude und Dankbarkeit an“, sagte Michael Chalupka kurz nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses und zeigte sich „überwältigt und berührt“ von der „intensiven Auseinandersetzung“ um dieses Leitungsamt. Die evangelische Kirche setze sich aus vielen Traditionen zusammen, gemeinsame Aufgabe sei es, „aufeinander zuzugehen und Brücken zu bauen“.

Andreas Hochmeir gratulierte dem neuen Bischof und bot seine Zusammenarbeit an. Das gemeinsame Ringen um die Entscheidung habe er positiv erlebt. Auch Manfred Sauer gratulierte und wünschte Chalupka „Gottes inspirierenden Geist“ für das Amt.

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz geboren, studierte Theologie in Wien und Zürich, war Pfarrer in Mistelbach, steirischer Fachinspektor für Religionsunterricht, von 1994 bis 2018 Direktor der evangelischen Hilfsorganisation Diakonie Österreich und ist seitdem Geschäftsführer der Diakonie Bildung. Die zunehmende Säkularisierung und das Abdrängen von Glauben und Kirche ins Private hält Chalupka „für eine zentrale Herausforderung, vor der wir als Evangelische Kirche stehen.“ In dieser Situation gelte es zu vergegenwärtigen, dass „unser Glaube nicht unser Eigentum ist, das wir gestalten dürfen wie unser Schrebergärtlein, sondern ein Geschenk Gottes, das uns in Dienst nimmt und befähigt, mutig Kirche in der Diaspora zu sein.“ Die plurale Gesellschaft brauche Orte wie die Kirche, an denen unterschiedlichste Menschen einander begegnen, die sonst nie zusammenkämen, „wie einen Bissen Brot“. Der frühere Diakonie-Direktor verweist zudem auf das notwendige Zusammenspiel von Kirche und Diakonie: Die eine könne es nicht ohne die andere geben, das diakonische Engagement sei „wesentlicher Teil der Kirchenentwicklung“. Um die „rechtlichen, politischen und organisatorischen Herausforderungen“ der Zukunft bewältigen zu können, brauche es „gemeinsam gestaltete Prozesse, in denen alle zu Wort kommen und zu erzielten Ergebnissen stehen können“, so Chalupka.

In der Gesellschaft herrschten zunehmend Angst und Einsamkeit sowie die Propagierung eines „Wir-Gefühls“ vor, das andere ausschließe. Das Evangelium nehme hingegen die Angst und „steht für eine Gemeinschaft, die niemandem ausgrenzt.“ In einer Gesellschaft, „wo wir immer mehr auf das Ich zurückgeworfen werden“ gelte es zu verstehen, „das Leben, die Schöpfung, wir selbst – wir kommen nicht aus uns. Es gibt einen, der uns geschaffen hat.“ Als Bischof versteht sich Chalupka als „Ermöglicher“, die öffentliche Rolle des Bischofs enthalte auch ein geistliches Element: „Wenn der Bischof öffentlich spricht ist es immer ein Akt der Verkündigung.“

 

 

epd, 7. 3. 19

Karfreitag – Bischof Bünker wendet sich in Brief an alle Pfarrgemeinden

3. März 2019 (Sonntag Estomihi)

Liebe Schwestern und Brüder,

entgegen aller Versprechen der Bundesregierung wurde den Evangelischen der Karfreitag als Feiertag genommen. Mit etwas Abstand zu den Ereignissen dieser Woche, die nicht nur mich tief betroffen machen, möchte ich einige Klarstellungen dazu vornehmen:

Wir haben von Anfang an praktikable Lösungen vorgeschlagen, die sowohl der Zusage, dass „niemandem etwas weggenommen werden soll“, als auch dem EuGh-Urteil entsprochen hätten: zum einen den Karfreitag als ganzen Feiertag für alle, zum anderen einen zusätzlichen (individuell festlegbaren) freien Tag. Beides wurde zurückgewiesen.

Stattdessen lag seit dem 19. Februar die Variante mit dem „halben“ Feiertag für alle – ab 14 Uhr – vor. Gegen diese Entscheidung erhob sich berechtigterweise laute Kritik von vielen Seiten. Für uns hätte sie einen unzumutbaren Eingriff in die Religionsausübungsrechte bedeutet, weil Gottesdienste am Vormittag erschwert und an vielen Orten sogar unmöglich gemacht worden wären. Diese Regelung hätte unsere gewachsene Gottesdienstkultur schwer beschädigt, wenn nicht zerschlagen. Daher kam auch von der Evangelischen Kirche massiver Einspruch dagegen. Im Internet haben sich in kurzer Zeit rund 30.000 Menschen gegen diese Lösung ausgesprochen.

Nachdem unsere Positionen lange ignoriert wurden, kam es in Folge dieses Unmuts zu sehr kurzfristig anberaumten Gesprächen. Am Montag, den 25. Februar, begann ein intensiver Austausch der Regierungskoordinatoren mit mir, mit dem Generalsekretär der katholischen Bischofskonferenz, Peter Schipka, und einigen anderen. Ich habe mich in allen diesen Gesprächen für den Karfreitag als Feiertag im Austausch gegen den Pfingstmontag stark gemacht, doch traurigerweise bin ich mit diesem Vorschlag alleine geblieben. Es war auch deshalb ein großer Zeitdruck gegeben, weil der von mir eingebrachte Vorschlag, sich für ausführliche Gespräche mit allen Beteiligten ausreichend Zeit zu nehmen, leider nicht aufgenommen wurde. Dies ist umso bedauerlicher, da das unserer in den Evangelischen Kirchen gepflegten demokratischen Kultur zuwiderläuft.

Der Ausgang der „Verhandlungen“, in denen unsere Lösungsvorschläge keinen Raum bekamen, wurde am Dienstag, den 26. Februar, gegen Mittag veröffentlicht und bereits am Tag darauf im Nationalrat beschlossen. Somit konnte nur das Schlimmste verhindert werden: dass evangelische Familien nicht mehr gemeinsam am Karfreitag Vormittag Gottesdienst haben können. Die für uns inakzeptable Lösung mit dem „halben“ Feiertag, die eine Zerschlagung unsere Gottesdienstkultur am Karfreitag bedeutet hätte, war vom Tisch. Das hat bei mir zunächst Erleichterung ausgelöst.
Allerdings ist der „persönliche Feiertag“, den jeder und jede selbst bestimmen und in Anspruch nehmen kann, kein zusätzlicher freier Tag, sondern muss aus dem bestehenden Urlaubsanspruch genommen werden. Hier wurde einseitig den Interessen der Wirtschaft gefolgt – und ein öffentliches Versprechen gebrochen. Das ist auch für mich eine große Enttäuschung. Von einer Einigung zwischen der Regierung und der Evangelischen Kirche, wie in einigen Medien gefolgert wurde, kann in diesem Punkt nicht die Rede sein.

In einer ersten, sehr eilig entstandenen Stellungnahme habe ich mich bemüht, die positiven Aspekte der geänderten Regierungslinie, die uns eine Feier zur gewohnten Gottesdienstzeit ermöglicht, zu würdigen. Dass dieser unglückliche Versuch als positive Zustimmung zum Gesamtergebnis gedeutet werden konnte, schmerzt mich sehr und tut mir leid. Ich bedanke mich für alle Reaktionen dazu, auch für die offenen kritischen Worte.

Niemand weiß, wie die neue Regelung gelebt werden wird. Dazu kommt eine ganze Reihe von rechtlichen Fragen. Fazit ist, dass damit den Evangelischen ein bisher freier Tag genommen wird. Das wirft ein Licht darauf, wie mit den Interessen religiöser Minderheiten in Österreich derzeit umgegangen wird. Viele Evangelische in Österreich haben sich empört an mich gewandt, weil sie sich jetzt als Bürger und Bürgerinnen zweiter Klasse sehen. Es wird eines starken Zeichens der Wertschätzung durch die Regierung gegenüber den Evangelischen bedürfen, um diese Emotionen wieder ins Lot zu bringen. Und wir werden von unserer Forderung nach einem rechtskonformen freien Karfreitag nicht abgehen.

Der Karfreitag ist für uns Evangelische von zentral wichtiger Bedeutung. Wir sind im Glauben an den gekreuzigten und auferstandenen Herrn verbunden. Feiern wir den Karfreitag heuer besonders bewusst und zahlreich, um gemeinsam seine Bedeutung für uns Evangelische sichtbar zu machen!

Ich bedanke mich für alle Unterstützung dieses Anliegens.

Herzliche Grüße

Bischof Michael Bünker

 

 

 

EPD, 31. Dezember 2018

Reformierte Kirche: Früherer Pfarrer und Oberkirchenrat Balázs Németh verstorben

Landessuperintendent Hennefeld: Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit hatte in seiner Arbeit oberste Priorität

Wien (epdÖ) Die Evangelische Kirche H.B. in Österreich trauert um Balázs Németh. Der langjährige evangelisch-reformierte Pfarrer der Wiener Zwinglikirche, der von 1986 bis 1998 auch als Oberkirchenrat der Kirchenleitung der Evangelischen Kirche H.B. in Österreich angehörte, verstarb am 29. Dezember in Wien im 88. Lebensjahr.

„Balázs Németh wird seiner Kirche fehlen“, sagte der reformierte Landessuperintendent Thomas Hennefeld in einer ersten Reaktion gegenüber dem Evangelischen Pressedienst. Seine Kirche, so Hennefeld weiter, werde ihn „in dankbarer Erinnerung“ behalten, seine „auf das Wohl der Menschen ausgerichtete Theologie wird uns weiter begleiten“.

Als Mitglied der Synode und Generalsynode, als Mitglied des Oberkirchenrates H.B., in diversen Ausschüssen und im Ökumenischen Rat der Kirchen in Österreich habe Balázs Németh die reformierte Kirche in Österreich in den letzten Jahrzehnten stark mitgestaltet und geprägt. „Der Einsatz für Frieden und Gerechtigkeit in der Welt hatte in seiner Arbeit oberste Priorität“, unterstreicht Hennefeld. „Unermüdlich verkündigte er den menschenfreundlichen Gott, der auf der Seite der Unterdrückten, Schwachen und Armen steht.“ In Némeths Theologie haben sich christliches, humanistisches und marxistisches Gedankengut „zu einer fruchtbaren Symbiose“ verbunden. Hennefeld würdigte Németh als Vertreter einer reformierten Theologie auf der Grundlage der reformatorischen Schriften des 16. Jahrhunderts „mit dem zentralen Gedanken, dass sich der christliche Glaube in der Weltgestaltung manifestieren müsse“. Németh habe stets die Untrennbarkeit von Gottes-und Nächstenliebe betont. Seine Theologie, so Hennefeld weiter, war von evangelischen Theologen wie Karl Barth, Dietrich Bonhoeffer oder auch Paul Tillich beeinflusst, ebenso wie von der Theologin und Dichterin Dorothee Sölle oder auch dem Dichter Erich Fried, „also von Menschen, die einen radikalen Humanismus vertraten“. In seiner „unermüdlichen aber nie persönlich untergriffigen Kritik“ habe Németh „ganz im prophetischen Sinn“ die ungerechten wirtschaftlichen Strukturen und einen menschenverachtenden Kapitalismus und Neoliberalismus angeprangert. Die autoritären und teilweise auch faschistoiden Entwicklungen in Europa in den letzten Jahren, so auch in seinem Heimatland Ungarn, habe er „mit großer Sorge“ verfolgt.

Als gebürtiger Ungar hatte Balázs Németh auch stets die Kontakte zur ungarisch-reformierten Schwesterkirche wie auch zu den ungarisch sprachigen Kirchen im Karpatenraum gepflegt. Németh war maßgeblich an der sogenannten „Oberwartkonferenz“ beteiligt, die reformierte KirchenvertreterInnen aus Ost und West in der Zeit des Kalten Krieges aber auch danach zusammenbrachte.

Balázs Németh ging zwar schon 1998 in den Ruhestand, blieb aber bis vor wenigen Monaten aktiv. Er hielt Gottesdienste und Vorträge, machte gelegentlich noch Trauungen, Taufen und Begräbnisse und nahm am Gemeindeleben seiner Gemeinde Wien-West, in der er mehrere Jahrzehnte als Pfarrer wirkte, aktiv teil. „Ich schätzte seinen scharfen Verstand, seine Bescheidenheit und Einfachheit im persönlichen Leben wie sein leidenschaftliches Engagement für eine bessere und gerechtere Welt“, erinnert sich Hennfeld.

Balázs Németh wurde 1931 in Budapest geboren und wuchs in seiner ostungarischen Heimatstadt Nagykörös auf. Als Jugendlicher erlebte er das präfaschistische Horthy-Regime und die deutsche Besatzung. Nach dem Studium der Theologie an der Reformierten Theologischen Akademie von Budapest trat er ins Vikariat. 1956, im Jahr der Niederschlagung des ungarischen Volksaufstands durch die Sowjetunion, verließ er das Land und ging nach Österreich, um hier im Auftrag des Weltkirchenrates in Genf ungarische Flüchtlinge zu betreuen. Seine Studien setzte er in Heidelberg und Wien fort.
In Österreich wurde er 1964 mit der Pfarrstelle an der Zwinglikirche von Wien-West betraut, die er bis zu seiner Pensionierung 1998 betreute. Seit 1986 gehörte er bis zum Pensionsantritt dem Oberkirchenrat H.B. an.
Németh war ab 1969 Redakteur des Reformierten Kirchenblatts und 1975/76 an der Gründung der Zeitschrift Kritisches Christentum beteiligt. Seither sind seine Artikel und Predigten konstitutiver Bestandteil dieser Zeitschrift. Er gehörte dem Vorstand des Herausgebervereins „Aktion Kritisches Christentum“ an und zählte 1984 zu den Gründungsmitgliedern der ökumenischen Aktionsgemeinschaft „Christen für die Friedensbewegung“, bis März 2011 hatte er den stellvertretenden Vorsitz inne. Er war Mitglied der Christlichen Friedenskonferenz und von 1965 bis 1985 als Jugendpfarrer H.B. – im gesamteuropäischen Ökumenischen Jugendrat engagiert.

2001 schloss er seine Dissertation über die „Evangelisch-reformierte Lebensgestaltung zwischen Kontinuität und Wandel – Ungarn im 16. Jahrhundert als Beispiel“ ab, die 2003 in Buchform erschienen ist und auch ins Ungarische übersetzt wurde. 2002 wurde er am Institut für Europäische Ethnologie der Universität Wien promoviert. Bis zu seinem Tod vertrat Balázs Németh die Evangelische Kirche in Österreich im Volksgruppenbeirat der Bundesregierung für die ungarische Volksgruppe.

 

 

 

religion.orf.at, 1. 1. 19

 

Erzbischof von Jerusalem: Chance auf Frieden gegeben

Das Oberhaupt der lateinischen Katholiken im Heiligen Land, Erzbischof Pierbattista Pizzaballa, hat davor gewarnt, die Möglichkeit eines Friedens für die Region zynisch abzutun.

„Wenn wir darauf verzichteten, echte Politiker zu werden - das heißt, positive Architekten und Bauherren unserer Stadt -, würden auch wir zu Gefährdern des Friedens werden“, sagte der Italiener am Dienstag in Jerusalem anlässlich des Weltfriedenstags.

„Frieden gegen verschiedenste Gefahren verteidigen“

Pizzaballa räumte in seiner Predigt ein, dass es neben seit Jahren gescheiterten Verhandlungen, nicht realisierten Friedensplänen und einer stagnierenden Wirtschaft zahlreiche weitere ungelöste Probleme im Heiligen Land gebe.

Dennoch seien alle dazu aufgerufen, „im höchsten Sinne des Wortes Politik zu betreiben“ und den Frieden gegen die verschiedensten Gefahren zu verteidigen, so der Leiter des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem. Dies müsse in den christlichen Häusern, Gemeinschaften und Schulen beginnen.

Gleichzeitig rief der Erzbischof die Gläubigen dazu auf, sich zu Verteidigern der Gerechtigkeit und des Friedens zu machen. „Maßnahmen für Frieden müssen von der ausdrücklichen Ankündigung unseres Bekenntnisses zu ihm begleitet werden“, so Pizzaballa.

religion.ORF.at/KAP