500 Jahre Reformation: Festakt im Wiener Musikverein

Reformationsempfang mit Bundespräsident Van der Bellen und Kardinal Schönborn

Wien (epdÖ) – Mit dem Reformationsempfang im Goldenen Saal des Wiener Musikvereins erreichten die Feierlichkeiten der Evangelischen Kirchen zum Jubiläum „500 Jahre Reformation“ am Dienstag, 24. Oktober, ihren offiziellen Höhepunkt. Bundespräsident Alexander Van der Bellen und Kardinal Christoph Schönborn richteten Grußworte an die rund 1500 Gäste im bis auf den letzten Platz gefüllten Musikverein, darunter zahlreiche Repräsentanten der Kirchen im In- und Ausland sowie des politischen, kulturellen, wirtschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Lebens in Österreich. Als Festrednerin sprach Büchner-Preisträgerin Sibylle Lewitscharoff über die Reformation als Sprachereignis.

Luther habe mit seinen 95 Thesen eine Aufbruchstimmung in Europa angestoßen, die alle gesellschaftlichen Bereiche erfasst habe und deren Auswirkungen bis heute zu spüren seien, sagte der evangelisch-lutherische Bischof Michael Bünker. Auch heute brauche es Reformation. Freiheit und Verantwortung – unter diesem Motto steht das Jubiläumsjahr – seien dabei jene beiden Pole, an denen sich evangelisches Leben orientiert, sie bestimmten auch den Beitrag der Evangelischen „für das Ganze der Gesellschaft“, so der Bischof. Dieser Beitrag geschehe in „guter reformatorischer Tradition“ in erster Linie durch Diakonie und Bildung und verwirkliche sich im Engagement der Evangelischen für ein friedliches und auf gegenseitiger Achtung beruhendes Zusammenleben in der Vielfalt der heutigen Gesellschaft.

Van der Bellen: Kirchen als Lobby für jene, die keine haben

Das Mündig-Werden des Einzelnen, der Ruf nach individueller und politischer Freiheit habe eine seiner Wurzeln in der Reformation, erklärte Bundespräsident Alexander Van der Bellen bei dem Festakt. Ob Luther selber das wollte, sei eine andere Frage, jedenfalls sei diese Entwicklung ein „Kollateralnutzen der Reformation“ und ein „kostbares Erbe“, an das man sich dankbar erinnere. Der Weg von der Kirchenspaltung bis heute sei „lang und steinig“ gewesen, es sei „nicht selbstverständlich, dass der evangelische Bischof und katholische Kardinal heute nebeneinander sitzen“. Die Ökumene habe in Österreich „riesige Fortschritte“ gemacht, es gebe unzählige Brücken zwischen den Konfessionen und eine persönliche Vertrauensbasis, die lange undenkbar war. Heute, so der Bundespräsident, arbeiten fast alle Kirchen miteinander ohne dass es notwendig wäre, divergierende theologische Fragen vorher zu klären. Konkret erinnerte Van der Bellen etwa an das gemeinsame Sozialwort der Kirchen oder auch an deren Engagement für Flüchtlinge: Die große Flüchtlingsbewegung von 2015 wäre ohne das vielfach ehrenamtliche Engagement der Kirchen, der Diakonie, der Caritas und der Zivilgesellschaft „nicht zu bewältigen gewesen“.

Während frühere Reformationsjubiläen oft politisch überhöht und missbraucht worden seien, sei 2017 ein „Fest der Besinnung“, aber auch des Religionsfriedens in der allgemeinen Akzeptanz eines religiösen Pluralismus. Religionsfriede entstehe nicht automatisch. „Im Namen Gottes Menschenrechte zu verletzen, ist ein zentraler Angriff auf mühsam erworbene Menschen- und Bürgerrechte“, warnte Van der Bellen. Diese Freiheitsrechte gelte es immer zu verteidigen, die Kirchen leisteten, so der Bundespräsident, dazu einen wesentlichen Beitrag, ebenso wie für die europäische Idee. Van der Bellen: „In meinen Augen besteht die Rolle der Kirchen darin, sich für jene einzusetzen, die keine Lobby haben.“

Schönborn: Gemeinsame Verantwortung für den gesellschaftlichen Auftrag

Dass Luther nicht die Gründung einer neuen Kirche oder Konfession im Sinn gehabt habe, sondern ihn „allein das Zeugnis für die Kraft des Evangeliums bewegt“ habe, betonte Kardinal Christoph Schönborn vor den Festgästen. Mit unermüdlicher Energie habe Luther den Kern des Evangeliums verkündigt und verteidigt. Die große Kirchenspaltung habe nicht zuletzt Luther selbst erschreckt. Heute sei zwischen den Kirchen „Neues, Hoffnungsvolles in der Vielheit“ gewachsen, im gemeinsamen Hören auf das Evangelium, in der gegenseitigen Vergebungsbitte und im gemeinsamen Besinnen auf die jüdischen Wurzeln des Christentums. Die Kirchen verbinde 500 Jahre nach der Reformation die „gemeinsam getragene Verantwortung für den gesellschaftlichen, sozialen, karitativen Auftrag“. Schönborn: „Heute geht es um das gegenseitige Lernen, was es heißt, Christ zu sein.“

In ihrer Festrede ging die Berliner Autorin und Religionswissenschaftlerin Sibylle Lewitscharoff auf die Rolle Martin Luthers als Bibelübersetzer und Sprachgestalter ein: „Die Bibel hatte jahrhundertelang im trüben Wasser gelegen, bis Martin Luther kam und sie barg.“ Dass Luther sich dabei auf das Alte, nämlich das textliche Original der Bibel, zurückbezog, um Neues zu gestalten, sieht die Büchner-Preisträgerin von 2013 nicht als Widerspruch: „Wer sich an das Neue wagt, bedarf immer der Würde des Alten. Auch Luther hatte den Mut, sich an das Alte zu wagen.“ Sein aggressives Verhalten gegenüber Juden sei eine „beklagenswerte“ Seite des Reformators, ihn deswegen als Vorläufer der Nationalsozialisten zu sehen, bezeichnete Lewitscharoff als „absurd“. Vielmehr habe er mit seiner Übersetzung des Alten Testaments versucht, den jüdischen Teil der Bibel und das Neue Testament enger miteinander zu verschweißen.

Musikalische Höhepunkte im berühmten, vom evangelischen Architekten Theophil Hansen erbauten Gebäude des Musikvereins waren die „Reformations-Sinfonie“ von Felix Mendelssohn Bartholdy sowie Werke von Aaron Copland, Max Reger und Martin Zeller. Am Dirigentenpult standen im Goldenen Saal des Musikvereins Matthias Krampe, Hanns Stekel und Martin Zeller. Zu hören waren das Orchester und das Bläserensemble der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien, der Albert Schweitzer Chor Wien, die Kantorei Oberschützen, die Wiener Evangelische Kantorei mit Kirchenchören aus Wien, der Klausenburger Kammerchor sowie das Ensemble Capella Ars Musica.

Bei der Aufführung des dritten Satzes von Zellers eigens für das Reformationsjubiläum komponierter „Reformationskantate“ war das Publikum eingeladen, zur Melodie von „Ein feste Burg ist unser Gott“ selbst die Stimme zu erheben. Zeller – er leitet die Wiener Evangelische Kantorei – war anlässlich des Jubiläumsjahres von der evangelischen Diözese Wien mit der Komposition der Reformationskantate beauftragt worden. Der beim Reformationsempfang präsentierte dritte Teil der Kantate widmet sich der „Kraft des Glaubens in einer Welt der Bedrängnis und Angst“, erklärte der Komponist.

Das musikalische Programm beschloss das internationale „Peace Drums Project“, bei dem Jugendliche aus Israel und Palästina gemeinsam mit dem Orchester der Johann Sebastian Bach Musikschule Wien auf Steeldrums spielten.

Im Jahr 2017 erinnern die drei Evangelischen Kirchen in Österreich, die lutherische, die reformierte und die methodistische Kirche, an den Beginn der Reformation vor 500 Jahren. 1517 hatte der Wittenberger Theologe und Mönch Martin Luther 95 Thesen zur Erneuerung der Kirchen veröffentlicht und damit maßgebliche Veränderungen in allen Bereichen der Gesellschaft angestoßen.

Fotos vom Reformationsempfang finden Sie unter foto.evang.at

 

 

Wiener Zeitung

20. 9. 17

 

Religion

Katholische Protestanten

 

Von Mathias Ziegler

·         Michael Bünker, Bischof der evangelischen Kirche in Österreich, über die Entwicklung der Ökumene, Martin Luther und den Wahlkampf.

"Wiener Zeitung": Der katholische Erzbischof Christoph Schönborn residiert am Stephansplatz, Ihr Büro liegt im 18. Bezirk am Stadtrand im Grünen. Ist das symbolisch für die Situation der evangelischen Kirche in Wien?

Michael Bünker: (lacht) Naja, das ist historisch gewachsen. Die Wiener waren bis ins 17. Jahrhundert mehrheitlich evangelisch, in der Stadt hat es aber so gut wie keine evangelischen Gottesdienste gegeben. Die Protestanten sind in die Vorstädte ausgelaufen. Erst das Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. 1781 hat das geändert. Er hat der evangelischen Kirche ein säkularisiertes Kloster in der Dorotheergasse zur Verfügung gestellt. Als dort jemand ein Hassposting gegen die Evangelischen und gegen den Kaiser an die Tür genagelt hat, war die Reaktion des Kaisers eigentlich genial: Er hat es nachdrucken lassen und den Verkaufserlös den evangelischen Gemeinden zur Verfügung gestellt.

Sie sind jetzt seit zehn Jahren evangelischer Bischof in Österreich und Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa. Wie hat sich die Ökumene in dieser Zeit aus Ihrer Sicht entwickelt?

Die Ökumene speziell in Österreich ist ja unter sehr guten Voraussetzungen und mit sehr viel Elan gestartet und etabliert worden, besonders seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. Das war ein wichtiger Türöffner und Impulsgeber. Das hängt auch mit den handelnden Personen zusammen, in erster Linie Kardinal Franz König und Metropolit Michael Staikos. Die Ökumene hat sich in Österreich sehr positiv und dynamisch entwickelt, bis in die frühen 2000er Jahre, wo das Ökumenische Sozialwort ein Höhepunkt war, das es so in anderen europäischen Ländern nicht gegeben hat.

Es hat dann aber auch Ernüchterungen im Miteinander gegeben, etwa im Zusammenhang mit "Dominus Jesus", dem Dokument der Glaubenskongregation, in dem den Evangelischen mitgeteilt wurde, sie wären nicht Kirche im eigentlichen Sinn des Wortes. Auch manche Äußerungen von evangelischer Seite haben dazu beigetragen, dass die Rede von Stillstand oder sogar Eiszeit oder Rückwärtsgang war. Die evangelisch-katholische Ökumene hat aber in zentralen Punkten wirklich erstaunliche Einigkeit gefunden, etwa bei der gemeinsamen Rechtfertigungslehre 1999 oder der gemeinsamen Darstellung der Reformationsgeschichte. Das setzt neue Maßstäbe. Und auch jetzt beim Reformationsjubiläum sind Dinge erstmalig in 500 Jahren Protestantismus passiert: Der Papst war in Lund und Stockholm, wir sind von der Katholischen Bischofskonferenz zu einer Klausurtagung eingeladen worden.

Hat das auch mit der Person von Papst Franziskus zu tun?

Das glaube ich schon. Nach dem deutschen Dogmatiker Benedikt XVI., der sehr auf die Lehrgrundlagen bedacht war, ist Franziskus ein charismatischer Öffner der eigenen Kirche und fragt eher nach unserem gemeinsamen Auftrag in einer zunehmend religionspluralen und säkularen Umgebung in Europa. Er spricht selber sehr oft von der versöhnten Verschiedenheit - diese Formulierung kommt eigentlich aus der evangelischen Tradition. Wir bereichern uns auch sonst gegenseitig. Die katholische Tradition hat wichtige Impulse ins evangelische kirchliche Leben gegeben, umgekehrt kommen die Hochschätzung der Bibel, Gottesdienste in der Volkssprache oder die Beteiligung der Mitglieder in der Kirche aus der evangelischen Tradition. Insofern sehe ich die ökumenische Entwicklung nüchtern positiv.

Die größten von außen sichtbaren Unterschiede sind Frauenpriestertum und Zölibat. Könnte die evangelische Kirche ohne Frauenpriestertum und mit Zölibat genauso gut funktionieren?

Nein. Und sie würde es auch gar nicht wollen, weil in beidem nach ihrer Überzeugung etwas von dem zum Ausdruck kommt, was die Kirche ausmacht: Die Ablehnung des Zölibats bedeutet, dass evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer nicht einen geistlichen Stand bilden, der sich - wie in der katholischen Tradition - durch eine eigene Weihe von den Gläubigen unterscheidet, sondern dass sie mit einer besonderen Berufung und Qualifikation ausgestattet, aber immer im Auftrag des gesamten Kirchenvolkes tätig sind und daher auch nicht andere Lebensbedingungen haben sollen.

Der Zölibat hat sich ja auch erst im Laufe der Zeit in der Kirche durchgesetzt und ist gar nicht so dogmatisch begründet. Und zum Thema Frauenordination hat Martin Luther gesagt: "Was aus der Taufe kriecht, mag sich rühmen, es sei zum Priester, Bischof, Papst geweihet." Das ist das allgemeine Priestertum aller Getauften, also auch der Frauen. Und auch wenn er es selbst noch nicht verwirklicht hat und vielleicht auch in seiner mittelalterlichen Welt noch nicht sehen konnte, ist damit die Gleichberechtigung der Frauen in allen kirchlichen Funktionen begründet.

Luther ist heute nicht ganz unumstritten, was manche Ansichten, etwa zu Judentum und Islam betrifft. Wie geht seine Kirche damit um?

Wir schätzen selbstverständlich seine großen Leistungen - man denke nur an die Bibelübersetzung, Bildungsreformen und manches andere, wo Luther ein Stück weit wirklich Neuland beschritten hat, das sich bis in die Gegenwart ausgewirkt hat. Dass er im mittelalterlichen Denken verhaftet war, sieht man an einem massiven Dämonen- und Teufelsglauben, den wir heute natürlich so nicht mehr teilen. Ebenso seine schrecklichen Äußerungen gegen Juden und seine Missdeutung des Islam - den Koran konnte er ja nur auszugsweise in einer lateinischen Übersetzung zur Kenntnis nehmen, das alles unter der Überschrift "Türkengefahr", schließlich stand das türkische Heer vor Wien. Wir haben als Kirche schon vor Jahren zu einigen seiner Äußerungen die starke Formulierung gefunden: "Wir verwerfen seine Ansichten." Luther ist für uns kein Heiliger. Aber er ist eine beeindruckende Persönlichkeit in einer Zeit des Umbruchs, die sehr viel geleistet hat und mir große Bewunderung abringt, vor allem seine Standhaftigkeit gegen die Obrigkeit auch unter Lebensgefahr. Und heute ist er die meistverbreitete Playmobil-Figur.

Wie gehen Sie als Bischof mit den beiden innerkirchlichen Polen Liberal und Evangelikal um?

Als Bischof ist meine Aufgabe, zu verbinden und nicht zu polarisieren. Brücken zu bauen, nicht Mauern zu errichten. Gleichzeitig erwartet man zurecht eine klare und deutliche eigene Positionierung. Das muss nicht bedeuten, das in einen solchen Gegensatz zu treiben, dass die eine Seite der anderen den Glauben abspricht. Es hat allerdings schon Diskussionen in unserer Kirche gegeben, wo die einen den anderen das Austreten angeraten haben - nur würde am Schluss dann niemand mehr übrig bleiben. Das entspricht nicht dem Geist einer Kirche. Eine Kirche ist keine Gesinnungsgemeinschaft, da muss man unterschiedliche Meinungen und Positionen aushalten können. Die innere Vielfalt - das betrifft auch andere Kirchen - ist freilich immer eine Herausforderung. Und in manchen Fragen wissen wir genau, dass wir uns als Evangelische mit einigen Geschwistern in der katholischen Kirche besser verstehen als die sich mit ihren eigenen Glaubensgeschwistern. In der Flüchtlingsfrage etwa kann ich die Positionen des Wiener Erzbischofs und des Papstes 100-prozentig unterschreiben. Da haben wir innerhalb unser beider Kirchen Widerspruch und Kritik.

Sehen Sie als Bischof darin einen Vorteil oder einen Nachteil, dass es keinen evangelischen Papst gibt?

Für die Mediengesellschaft ist es ein Nachteil. Die braucht ja immer ein Gesicht und eine Person. Für innerkirchliche Entscheidungen ist es ein Vorteil. Wir haben das presbyterial-synodale Prinzip - ein demokratisches Wahl- und Entscheidungsverfahren, das wir als Kirche schon lange hatten, bevor es Demokratien gab. Da wird stufenweise von unten nach oben gewählt, auch der Bischof wird von der Synode, also quasi vom Kirchenparlament, gewählt und braucht eine Zweidrittelmehrheit, das ist eine hohe Hürde. Entscheidungen fallen auf diesem Weg. Sie brauchen manchmal etwas länger, werden heftiger diskutiert - aber ich habe den Eindruck, am Ende sind sie akzeptierter, weil sie auf einer breiteren Basis stehen. Für unser Kirchenverständnis wäre eine zentrale globale Leitung einfach nicht passend.

Das bringt aber wohl auch mit sich, dass jeder Bischof in seinem Land sein eigenes Süppchen kocht.

Ja, was manchmal Probleme schafft, keine Frage. Theologisch könnte man sagen: Die evangelischen Kirchen müssten mehr entdecken, dass sie auch katholisch - im eigentlichen Wortsinn von "allumfassend" - sind und keine für sich alleine Wege beschreiten kann, ohne die Gemeinschaft der anderen zu berücksichtigen.

Trotz allem wirkt die evangelische Kirche von außen insgesamt harmonisch. Können Sie das erklären?

Wichtig ist immer die persönliche Verantwortung für den eigenen Glauben. Das ist eine evangelische Urüberzeugung: Niemand muss fürchten, dass ihm ein anderer sagt, was er glauben soll, sondern das muss jeder in der Gemeinschaft vor Gott und vor sich selbst klären. Dieses Grundprinzip kann man auf der einen Seite ein bisschen als Schwäche sehen - auf der anderen Seite ist es auch eine gewisse Stärke, weil die Evangelischen, die bewusst ihren Glauben leben, das meistens mit einer großen Selbstverständlichkeit und Überzeugung tun. Und weil sie es auch sehr gut aushalten, dass der Nachbar in der Kirchenbank es anders tut. Und durch ihre geringe Größe ist die evangelische Kirche in Österreich auch nicht zu stark belastet mit wirtschaftlichen Fragen. Das gibt ein bisschen mehr Freiraum. Die Minderheit hat manchmal größere Spielräume als die Mehrheit.

Sie haben 2016 den protestantischen FPÖ-Präsidentschaftskandidaten Norbert Hofer kritisiert. Wie halten Sie es jetzt im Wahlkampf?

Ich habe den Eindruck, dass es diesmal nicht so explizit um eine Verwendung von religiösen Inhalten geht. Aber wir stehen vor zentralen Herausforderungen, eine der wichtigsten ist die Pflege. Ich höre hier zu wenig. Auch der Klimawandel ist eine ganz existenzielle Zukunftsfrage, bis hin zu Klimaflüchtlingen. Da würde ich mir von der Politik mehr erwarten. Das hängt alles auch ein Stück weit damit zusammen, dass wir bei humanitärer Hilfe immer noch weit hinten sind. In Österreich sind es 2,70 Euro pro Kopf, andere Länder geben das Vierzigfache aus. In Afrika sind Millionen auf der Flucht. Auch wenn nur eine Minderheit nach Europa kommt, sieht man erst dann das Problem, wenn sie an unseren Grenzen sind, und reagiert. Aber man könnte schon jetzt mehr tun.

Sie kommen aus einer protestantischen Familie. Hätten Sie wohl als Katholik auch die geistliche Laufbahn eingeschlagen?

Das ist eine interessante Frage. Als evangelisches Pfarrerskind war ich natürlich unmittelbar mit der Tradition des Protestantismus und mit dem Beruf vertraut. Das wäre ja in der katholischen Kirche so nicht möglich gewesen. Insofern wäre eine Laufbahn als katholischer Geistlicher wohl sehr unwahrscheinlich gewesen. Die Theologie hat mich fasziniert, und der Beruf des Pfarrers war für mich - nach einer gewissen Ablösungsphase, die man als junger Mensch braucht - immer der Traumberuf. Das ist er auch heute noch. Dass ich jetzt als Bischof quasi ein Pfarrer für ganz Österreich bin - was will man mehr?

 

14. Mai 2017

LWB GIBT ÖFFENTLICHE ERKLÄRUNG ZUR VERSÖHNUNG IM ZUSAMMENHANG MIT DEM VÖLKERMORD IN NAMIBIA AB

Unterstützung für namibisch-deutschen Versöhnungsprozess

 

Die Zwölfte Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) hat bei ihrem Treffen in Windhuk, Namibia eine Öffentliche Erklärung zur Versöhnung im Zusammenhang mit dem Völkermord in Namibia abgegeben.

„Das Schicksal der Herero, Nama und anderer Ureinwohner unter deutscher Kolonialherrschaft am Anfang des 20. Jahrhunderts bereitet den Völkern Namibias und Deutschlands bis heute Schmerzen“, so die Erklärung. „Es ermutigt uns zu wissen, dass die Regierungen Namibias und Deutschlands diesen Schmerz aufgegriffen haben und einem Prozess verpflichtet sind, in dem die Wahrheit gesagt und Gerechtigkeit getan werden wird.“

“Der LWB weiß aus ähnlichen Erfahrungen rund um die Welt, dass schmerzhafte Erinnerungen nicht verschwinden, bis sie ausgesprochen sind. Erst wenn die Wahrheit gesagt und Gerechtigkeit gesucht ist, kann tatsächliche Versöhnung über den Schmerzen der Vergangenheit stattfinden.”

Die Erklärung würdigt die Rolle, die insbesondere die Kirchen und zivilgesellschaftliche Vereinigungen in den Prozessen “der Versöhnung und der Heilung der kollektiven Erinnerung“ gespielt haben. Sie betont, dass dieser Versöhnungsprozess zwischen NamibierInnen und Deutschen stattfinden muss, der LWB verpflichtet sich jedoch, „Begleitung und Unterstützung zu leisten, sollte diese von unseren jeweiligen Ansprechpartnern angefordert werden.“

 

 

 

KATHPRESS, 18. 3. 2017

 

NS-Opfer Mayr-Nusser in Bozen seliggesprochen

 

Bozen, 18.03.2017 (KAP) Der wegen seines Widerstands gegen den Nationalsozialismus zum Tode verurteilte Südtiroler Josef Mayr-Nusser (1910-1945) ist in Bozen zum Seligen der katholischen Kirche erklärt worden. Der Präfekt der römischen Heiligsprechungskongregation, Kardinal Angelo Amato, würdigte ihn bei einem Festgottesdienst am Samstagvormittag im Bozener Dom als "Märtyrer des Glaubens in der dunklen Zeit der Nazi-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs". Unter den Mitfeiernden war auch eine große Gruppe aus Österreich, darunter die Diözesanbischöfe von Linz und Feldkirch, Manfred Scheuer, und Benno Elbs, der Innsbrucker Diözesanadministrator Jakob Bürgler sowie die beiden Linzer Altbischöfe Maximilian Aichern und Ludwig Schwarz.

Der aus Bozen stammende Mayr-Nusser war nach dem deutschen Einmarsch 1944 zum Dienst bei der Waffen-SS eingezogen worden. Wegen seiner Weigerung, den SS-Eid abzulegen, wurde er zum Tod verurteilt. Auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau starb er am 24. Februar 1945 an den Folgen der Misshandlungen und der Entkräftung während seiner Haft.

Amato hob die Aktualität des Vorbilds Mayr-Nussers hervor, sich "den Götzen seiner Zeit entgegenzustellen". Christen seien heute die am stärksten verfolgte Religionsgemeinschaft weltweit, so der Kardinal laut dem "Kathpress" vorliegenden Predigtskript. Das Christentum sei Hass, Verfolgung und Widerspruch ausgesetzt; das Evangelium werde verspottet, Gläubige ausgegrenzt und das christliche Auffassungen über Mann und Frau, Ehe, Leben und Tod lächerlich gemacht. Amato sprach von einer "tödlichen Umzingelung".

Personen wie Mayr-Nusser erinnerten hingegen an den "auch humanen Wert der christlichen Tugenden". Er ermutige dazu, "Liebe zur Wahrheit und Respekt vor dem eigenen Gewissen zu zeigen", so Amato. Das Beispiel Mayr-Nussers vermittle jene Freude eines konsequenten Glaubens, "die die Gesellschaft von den Krankheitskeimen des Bösen entgiftet". Der neue Selige habe "allen, Freunden und Feinden, gezeigt, wie man die christliche Identität verteidigt, indem man dem eigenen Gewissen folgt", sagte der Kardinal.
 

Papst: Allein Christus als Herrn anerkannt

Papst Franziskus nannte Mayr-Nusser in einer schriftlichen Würdigung, aus der Amato zitierte, einen "Laien, Familienvater, Gläubigen, der getreu dem Taufversprechen allein Christus als seinen Herrn anerkannte und dessen Zeuge er bis zur Hingabe seines Lebens war".

Ein Martyrium sei kein Zufall, sagte Amato. Mayr-Nusser habe sich von zahlreichen theologischen Büchern prägen lassen, unter anderem auch den Briefen, die der englische Lordkanzler Thomas Morus (1478-1535), angeklagt und später hingerichtet wegen seines Widerstands gegen Heinrich VIII., aus dem Gefängnis geschrieben hatte. Die Verweigerung des Treueeids von Thomas Morus gegenüber Heinrich VIII. sei für Mayr-Nusser "zweifellos eine Inspiration für das schließliche 'Nein' gegen Hitler" gewesen, so Amato.

Mayr-Nusser war nach den Worten Amatos "stolz auf seine Identität als Katholik. Für ihn war der Katholizismus nicht eine formale, äußerliche Sache, sondern Quelle seines inneren Adels, Jünger Jesu und Sohn der Kirche zu sein." Nach Mayr-Nussers eigener Aussage sei für ihn das christliche Zeugnis "zugleich unsere Aufgabe und unsere Waffe" gewesen.

In seiner Predigt erinnerte der Kardinal an das Zeugnis des damaligen SS-Wachmanns Fritz Habicher, der seinerzeit den Gefangenentransport nach Dachau begleitete. Mayr-Nusser, schon schwer gezeichnet von der Entkräftung, habe kein Wort der Klage hören lassen, sondern für jede Hilfe seiner Begleiter mit einem "Vergelt's Gott" gedankt. Habicher schrieb später an die Witwe Mayr-Nussers, er habe das Gefühl, die zwei Wochen unter unmenschlichen Bedingungen mit einem Heiligen verbracht zu haben. "Jetzt ist er mein großer Fürsprecher bei Gott", zitierte Amato aus dem Brief Habichers.

Delegation aus Österreich feierte mit

Nach einem rund elfjährigen kirchenamtlichen Verfahren hatte Papst Franziskus im Juli 2016 Mayr-Nusser als Märtyrer anerkannt. Am Gottesdienst zur Seligsprechung im Dom von Bozen nahmen neben Kardinal Amato als dem Gesandten des Papstes auch Diözesanbischof Ivo Muser und zahlreiche weitere Bischöfe und Priester teil. Aus Österreich waren Leser der Innsbrucker Kirchenzeitung "Tiroler Sonntag" angereist, die zu einer Tagesfahrt unter der Führung von Diözesanadministrator Bürgler eingeladen hatte, weiters eine 30köpfige Delegation von Pax Christi Österreich.

Der Gedenktag für Mayr-Nusser soll künftig der 3. Oktober sein, der Jahrestag seiner Eidesverweigerung.

 

 

 

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25. 12. 16

 

Leonardo Boff im Interview „Papst Franziskus ist einer von uns“

 

Von Joachim Frank

 

Berlin - Der Brasilianer Leonardo Boff, geboren 1938, ist Sohn italienischer Einwanderer. 1959 trat er dem Franziskanerorden bei und studierte fünf Jahre in Deutschland.

In den 1980er-Jahren geriet Boff als Hauptvertreter der Befreiungstheologie und wegen seiner Kritik an der Amtskirche in Konflikt mit dem Vatikan und dessen oberstem Glaubenswächter Joseph Ratzinger. Nachdem ihm zwei Mal ein Publikationsverbot auferlegt worden war, trat Boff 1992 aus dem Orden aus und legte sein Priesteramt nieder.

Herr Boff, mögen Sie Weihnachtslieder?

Was glauben Sie wohl? (singt): „Sti-hil-le Nacht, heilige Nacht...“ In jeder Familie, die Weihnachten feiert, wird das gesungen. Bei uns in Brasilien ist das ebenso Tradition wie bei Ihnen in Deutschland.

Kommt Ihnen diese Art von Weihnachten nicht verkitscht und kommerzialisiert vor?

Das ist von Land zu Land verschieden. Natürlich ist Weihnachten ein großes Geschäft geworden. Aber in alledem ist und bleibt doch die Freude lebendig, das Zusammensein mit der Familie, bei vielen auch das Moment des Glaubens. Und wie ich Weihnachten in Deutschland erlebt habe, ist es ein Fest des Herzens, sehr stimmungsvoll, wunderbar.

Wie passt ein Glaube, der zu Weihnachten von einem „Gott des Friedens“ spricht, zum Unfrieden, den wir allerorten erleben?

Das meiste am Glauben ist Verheißung. Ernst Bloch sagt: „Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden.“ Die Freude der Weihnacht liegt in dieser Verheißung: Die Erde und die Menschen sind nicht dazu verdammt, dass es immer so weiter geht, wie wir es erleben – mit all den Kriegen, der Gewalt, dem Fundamentalismus. Uns ist im Glauben versprochen, dass am Ende alles gut sein wird; dass wir trotz aller Irrtümer, Irrwege und Rückschläge einem guten Ende entgegen gehen. Die eigentliche Bedeutung von Weihnachten liegt nicht darin, dass „Gott Mensch geworden ist“, sondern dass er gekommen ist, um uns zu sagen: „Ihr Menschen gehört zu mir, und wenn ihr einmal sterben werdet, dann kommt ihr nach Hause.“

Weihnachten heißt: Gott kommt, um uns abzuholen?

Ja. Menschwerdung heißt, etwas von uns ist schon göttlich, verewigt. Das Göttliche liegt in uns selbst. In Jesus hat es sich am deutlichsten gezeigt. Aber es ist in allen Menschen. In einer evolutiven Sicht kommt Jesus nicht von außen zur Welt, sondern wächst aus ihr heraus. Jesus ist die Erscheinung des Göttlichen in der Evolution – aber nicht die einzige. Das Göttliche erscheint auch in Buddha, in Mahatma Gandhi und anderen großen Glaubensgestalten.

Das klingt nicht sehr katholisch.

Sagen Sie das nicht. Die ganze franziskanische Theologie des Mittelalters hat Christus als Teil der Schöpfung begriffen – nicht nur als den Erlöser von Schuld und Sünde, der von oben in die Welt kommt. Inkarnation ist auch Erlösung, ja. Aber zuerst und vor allem ist sie eine Verherrlichung, eine Vergöttlichung der Schöpfung. Und noch etwas ist an Weihnachten wichtig. Gott erscheint in Gestalt eines Kinds. Nicht als alter Mann mit weißem Haar und langem weißem Bart…

So wie Sie...

Also, wenn überhaupt, dann ähnele ich doch eher Karl Marx. Worum es mir geht, ist folgendes: Wenn wir uns am Ende unseres Lebens einmal vor dem göttlichen Richter verantworten müssen, dann stehen wir vor einem Kind. Ein Kind aber verurteilt niemanden. Ein Kind will spielen und mit anderen zusammen sein. Diese Seite des Glaubens muss man neu betonen.

Die lateinamerikanische Befreiungstheologie, zu deren prominentesten Vertretern Sie gehören, ist durch Papst Franziskus zu neuen Ehren gekommen. Eine Rehabilitation auch für Sie persönlich nach den jahrzehntelangen Kämpfen mit Papst Johannes Paul II. und seinem obersten Glaubenswächter Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI?

Franziskus ist einer von uns. Er hat die Befreiungstheologie zum Allgemeingut der Kirche gemacht. Und er hat sie ausgeweitet. Wer von den Armen spricht, muss heute auch von der Erde reden, weil auch sie ausgeplündert und geschändet wird. „Den Schrei der Armen hören“, das bedeutet, den Schrei der Tiere, der Wälder, der ganzen gequälten Schöpfung zu hören. Die ganze Erde schreit. Also, sagt der Papst und zitiert damit den Titel eines meiner Bücher, müssen wir heute zugleich den Schrei der Armen und der Erde hören. Und beide müssen befreit werden. Ich selbst habe mich in jüngerer Zeit sehr mit dieser Ausweitung der Befreiungstheologie beschäftigt. Und das ist auch das grundsätzlich Neue in „Laudato si“…

… der „Öko-Enzyklika“ des Papstes von 2015. Wie viel Leonardo Boff steckt in Jorge Mario Bergoglio?

Die Enzyklika gehört dem Papst. Aber er hat viele Experten konsultiert.

Hat er Ihre Bücher gelesen?

Mehr noch. Er hat mich um für „Laudato si“ um Material gebeten. Ich habe ihm meinen Rat gegeben und einiges von dem geschickt, was ich geschrieben habe. Das hat er auch verwendet. Manche Leute haben mir gesagt, sie hätten beim Lesen gedacht, „das ist doch Boff!“ Übrigens hat Papst Franziskus zu mir gesagt: „Boff, bitte schick die Papiere nicht direkt an mich.“

Wieso das denn nicht?

Er sagte: „Sonst fangen die Sottosegretari (Mitarbeiter in der Vatikanverwaltung, d.Red.) sie ab, und ich bekomme sie nicht. Schick die Sachen lieber dem argentinischen Botschafter, zu dem habe ich einen guten Draht, dann gelangen sie sicher in meine Hände.“ Dazu muss man wissen, dass der derzeitige Vatikan-Botschafter ein alter Bekannter des Papstes aus dessen Zeit in Buenos Aires ist. Sie haben öfters miteinander Mate getrunken. Einen Tag vor der Veröffentlichung der Enzyklika hat der Papst mich dann noch anrufen lassen, um mir seinen Dank für meine Hilfe auszurichten.

Eine persönliche Begegnung mit dem Papst steht aber noch aus?

Er hat die Versöhnung mit den wichtigsten Vertretern der Befreiungstheologie gesucht, mit Gustavo Gutierrez, Jon Sobrino und eben auch mit mir. Ich habe ihm mit Blick auf Papst Benedikt – respektive Joseph Ratzinger – gesagt, „aber der andere lebt doch noch!“. Das hat er nicht gelten lassen. „Nein“, hat er gesagt, „il Papa sono io“ – „der Papst bin ich“. Wir sollten also ruhig kommen. Da sehen Sie seinen Mut und seine Entschiedenheit.

Warum hat es dann noch nicht geklappt mit Ihrem Besuch?

Ich hatte eine Einladung und war sogar schon in Rom gelandet. Doch just an diesem Tag, unmittelbar vor Beginn der Familiensynode 2015, probten 13 Kardinäle – unter ihnen der deutsche Kardinal Gerhard Müller, Präfekt der Glaubenskongregation – den Aufstand gegen den Papst mit einem an ihn gerichteten Brief , der dann aber auch – o Wunder! – in der Zeitung stand. Der Papst war wütend und sagte zu mir: „Boff, ich habe keine Zeit. Ich muss vor der Synode für Ruhe sorgen. Wir sehen uns ein andermal.“

Auch das mit der Ruhe hat nicht wirklich hingehauen, oder?

Der Papst spürt die Schärfe des Gegenwinds aus den eigenen Reihen, besonders aus den USA. Dieser Kardinal Burke, Leo Burke, der jetzt – zusammen mit Ihrem Kölner Alt-Kardinal Meisner – schon wieder einen Brief geschrieben hat, ist der Donald Trump der katholischen Kirche. (lacht) Aber anders als Trump, ist Burke in der Kurie jetzt kaltgestellt. Gott sei Dank. Diese Leute glauben tatsächlich, sie müssten den Papst korrigieren. Als ob sie über dem Papst stünden. So etwas ist ungewöhnlich, wenn nicht beispiellos in der Kirchengeschichte. Man kann den Papst kritisieren, mit ihm diskutieren. Das habe ich auch oft genug getan. Aber dass Kardinäle den Papst öffentlich der Verbreitung von theologischen Fehlern oder gar Irrlehren bezichtigen, das – meine ich – ist zu viel. Das ist ein Affront, den der Papst sich nicht gefallen lassen kann. Der Papst kann nicht verurteilt werden, das ist Lehre der Kirche.

Bei all Ihrer Begeisterung für den Papst – was ist mit den Kirchenreformen, die sich viele Katholiken von Franziskus erhofft hatten, wo aber faktisch noch nicht so viel passiert ist?

Wissen Sie, soweit ich ihn verstehe, ist das Zentrum seines Interesses gar nicht mehr die Kirche, schon gar nicht der innerkirchliche Betrieb, sondern das Überleben der Menschheit, die Zukunft der Erde. Beides ist in Gefahr, und man muss fragen, ob das Christentum einen Beitrag leisten kann, diese große Krise zu überwinden, an der die Menschheit zugrunde zu gehen droht.

Franziskus kümmert sich um die Umwelt, und derweil fährt seine Kirche vor die Wand?

Ich glaube, es gibt für ihn eine Hierarchie der Probleme. Wenn die Erde zugrunde geht, haben sich alle anderen Probleme auch erledigt. Aber was die innerkirchlichen Fragen angeht, warten Sie’s mal ab! Erst neulich hat Kardinal Walter Kasper, ein enger Vertrauter des Papstes gesagt, es werde demnächst große Überraschungen geben.

Was erwarten Sie?

Wer weiß? Vielleicht doch den Diakonat der Frau. Oder die Möglichkeit, dass verheiratete Priester wieder in der Seelsorge eingesetzt werden können. Das ist eine ausdrückliche Bitte der brasilianischen Bischöfe an den Papst, besonders seines Freundes, des emeritierten brasilianischen Kurienkardinals Claudio Hummes. Ich hörte, der Papst wolle dieser Bitte – zunächst für eine Experimentierphase in Brasilien – entsprechen. Dieses Land mit seinen 140 Millionen Katholiken sollte wenigstens 100000 Priester haben. Es gibt aber nur 18000. Institutionell gesehen, ist das eine Katastrophe. Kein Wunder, dass die Gläubigen in Scharen zu den Evangelikalen und den Pfingstlern überlaufen, die das personelle Vakuum füllen. Wenn nun die vielen Tausend verheirateten Priester ihr Amt wieder ausüben dürften, wäre das ein erster Schritt zur Besserung der Lage – und zugleich ein Impuls, dass die katholische Kirche die Fessel des Pflichtzölibats löst.

Wenn der Papst in diesem Sinne entscheiden würde – würden Sie als ehemaliger Franziskanerpater auch selber wieder priesterliche Aufgaben übernehmen?

Ich persönlich brauche eine solche Entscheidung nicht. Sie würde für mich nichts ändern, weil ich bis heute das tue, was ich immer getan habe: Ich taufe, ich beerdige, und wenn ich in eine Gemeinde ohne Priester komme, dann feiere ich zusammen mit den Leuten auch die Messe.

Ist es sehr „deutsch“, zu fragen: Dürfen Sie das denn?

Bisher hat kein Bischof, den ich kenne, das je beanstandet oder gar verboten. Die Bischöfe freuen sich sogar und sagen mir: „Das Volk hat ein Recht auf die Eucharistie. Mach also ruhig weiter!“ Mein theologischer Lehrer, der leider vor wenigen Tagen verstorbene Kardinal Paulo Evaristo Arns, zum Beispiel war da von ganz großer Offenheit. Er ging so weit, dass er verheiratete Priester, die er während der Messe in der Bank sitzen sah, zu sich nach vorne an den Altar holte und gemeinsam mit ihnen die Eucharistiefeier zelebrierte. Das hat er oft gemacht und gesagt. „Sie sind doch immer noch Priester – und Sie bleiben es!“

 

 

 

 

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Papst Franziskus wird 80 Jahre alt

 

Keine Zeit zu feiern

 

Papst Franziskus wird 80 Jahre alt. Bei vielen Menschen ist er enorm beliebt, doch in der Kirche formiert sich Widerstand. Was steht ihm bevor? Die wichtigsten Fragen und Antworten. 

 
VON CLAUDIA KELLER

Foto: Imago/ZUMA Press

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Am heutigen Samstag wird Papst Franziskus 80 Jahre alt. Vielleicht wird er zur Feier des Tages eine Stunde länger schlafen, die Frühmesse, zu der er die Kardinäle einlädt, die gerade in Rom sind, beginnt erst um acht Uhr und nicht wie sonst um sieben. Ansonsten wird es für ihn ein normaler Arbeitstag. Geburtstagfeiern ist nicht so seine Sache. Und doch ist der 80. Geburtstag ein markantes Datum. Franziskus ist seit März 2013 im Amt und ungemein beliebt. Er verhilft der katholischen Kirche zu neuer Glaubwürdigkeit. Doch je älter er wird, umso drängender stellt sich die Frage: Wie steht es um die Veränderungen, die er in seiner Kirche angestoßen hat? Zeit für eine Bilanz.

Was prägt Franziskus und sein Pontifikat?

Franziskus’ Herz schlägt für Flüchtlinge. Denn auch er selbst hat „Migrationshintergrund“. 1922 verließen seine Großeltern Italien, um in Argentinien ein besseres Leben zu suchen. Das Schiff, mit dem sie eigentlich übersetzen wollten, erlitt Schiffbruch und hunderte Passagiere ertranken. Glücklicherweise hatte sich die Auswanderung der Bergoglios verzögert, sie kamen heil an. Sohn Jorge Mario wurde 1936 in Buenos Aires geboren, wo er 62 Jahre später zum Erzbischof geweiht wurde. Täglich erlebte er den krassen Gegensatz zwischen Reich und Arm und schlug sich auf die Seite der Bedürftigen. Seine Kritik am Kapitalismus gipfelte 2013 in der Aussage: „Diese Wirtschaft tötet.“ An Jorge Mario Bergoglio ist auch der argentinische Machismo nicht spurlos vorbeigegangen. Ab und zu bricht er sich Bahn in derben Sprüchen, etwa in seinem Rat, die Katholiken müssten sich nicht „wie die Karnickel“ vermehren.

Wodurch wirkt Papst Franziskus?

Während die Schriften seines Vorgängers Regalmeter füllen, wirkt dieser Papst vor allem durch seine Gesten und Handlungen, etwa wenn er Gründonnerstag Frauen und Muslimen die Füße wäscht. Er wünscht sich eine „arme Kirche für die Armen“, geißelt den „theologischen Narzissmus“ seiner Kirche, die zu sehr um sich selbst kreise, und versucht vorzuleben, was er predigt. So verzichtet er weitgehend auf den höfischen Pomp, der den Vatikan prägt, wohnt nach wie vor im Gästehaus und besucht auf Reisen Gefängnisse und soziale Brennpunkte.

Wie verändert Franziskus die Kirche?

Er hat mit Korruption und Geldwäsche in der Vatikanbank aufgeräumt und will eine Kurienreform angehen. Auch versucht er, synodale Elemente in das hierarchische System des Vatikans einzuführen, etwa indem er den nationalen Bischofskonferenzen mehr Freiheiten zugesteht. Die Glaubenslehre hat Franziskus bisher nicht angetastet. Er forderte seine Priester aber auf, mehr als bisher die konkrete Situation der Menschen bei der Auslegung der traditionellen Lehre zu berücksichtigen und eine grundsätzliche Haltung der Barmherzigkeit walten zu lasen. Sein erklärtes Ziel ist es, „produktive Unruhe“ zu stiften und Debatten anstoßen. Künftig dürfen die Priester zum Beispiel Frauen von der „schweren Sünde einer Abtreibung“ lossprechen – doch gleichzeitig bleibt eine Abtreibung nach katholischer Lehre eine Sünde. Auch was das Verbot von Verhütungsmitteln angeht, hat Franziskus die Lehre nicht umgeschrieben. Doch um die Ausbreitung von Aids zu vermeiden, dürfen Katholiken nun Kondome benutzen. Auch was den kirchlichen Umgang mit Homosexualität angeht, sprach sich Franziskus für mehr Barmherzigkeit aus. In seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ (Freude der Liebe) vom April 2016 beließ er es aber bei der traditionell unerbittlichen Haltung gegenüber schwulen und lesbischen Paaren.

 

Wie kommen seine Reformansätze an?

 

Viele Gläubige und Menschen, die der Kirche fernstehen, haben große Sympathie für seinen Kurs. Doch viele Bischöfe, die die Impulse aufnehmen und etwas daraus machen könnten, sind verunsichert – und nicht alle auf „produktive“ Art, wie es sich Franziskus wünscht. Die Reaktionären bezichtigten Franziskus mittlerweile offen als Häretiker. Mitte November veröffentlichten vier Kardinäle, darunter der frühere Kölner Erzbischof Joachim Meisner, einen Brief, in dem von einer „großen Verwirrung“ die Rede ist, die Franziskus mit seinem Lehrschreiben „Amoris Laetitia“ gestiftet habe. Sie verlangen Klarheit darüber, ob wiederverheiratete Geschiedene künftig zum Abendmahl zugelassen werden dürfen. Nach der katholischen Lehre sind sie von den Sakramenten ausgeschlossen, „Amoris Laetitia“ deutet aber an, dass es in „gewissen Fällen“ doch möglich wäre. Die Kardinäle wollen wissen, ob es für Franziskus noch „absolute moralische Normen“ gibt oder ob alles eine Frage der Gewissensfreiheit sein soll. Zwischen den Zeilen wird deutlich, dass das, was sie als Zweifel und Fragen formulieren, ihre schlimmsten Befürchtungen sind: Dieser Papst stellt alles zur Disposition und gefährdet die „Disziplin in der Kirche“. Der amerikanische Kardinal Raymond Burke (siehe Kasten) drohte sogar, Kardinäle und Bischöfe müssten die „schweren Fehler“ des aktuellen Papstes korrigieren, sollte dieser sie nicht widerrufen. Der Vorgang ist in der jüngeren Kirchengeschichte ohne Beispiel. Fast täglich melden sich nun Gegner und Verteidiger des Papstes zu Wort, Franziskus selbst schweigt zur Sache.

Wird sich Franziskus durchsetzen?

Seine Strategie, vieles in der Schwebe zu halten in der Hoffnung auf fruchtbare Debatten, in deren Verlauf man sich schon einigen werde, scheint nicht aufzugehen. Dafür hängt in der katholischen Kirche zu viel vom Machtwort des Papstes ab – ob Franziskus das lieb ist oder nicht. Die synodal-demokratischen Elemente, die er eingeführt hat, sind noch zu schwach. Reformfreudige Bischöfe wünschen sich mittlerweile, Franziskus würde seine Kritiker mal klar und deutlich in die Schranken weisen.

Wie viel Zeit bleibt ihm noch?

„Ich glaube, dass man genügend Zeit braucht, um die Grundlagen für eine echte, wirksame Veränderung zu legen“, sagte Franziskus zu Beginn seines Pontifikats. Nicht nur der frühere Mainzer Erzbischof, Kardinal Karl Lehmann, sorgt sich, dass Franziskus die Zeit davonläuft und „der richtige Zeitpunkt für Reformen verpasst“ wird. Doch alleine auf ein Durchgreifen von Franziskus zu warten, ist auch nicht die Lösung. „Manchmal muss man nicht erst darauf warten, bis sich der ganz große Tanker der gesamten Kirche bewegt“, sagte Lehmann neulich in der Universität Freiburg, und forderte seine Kollegen auf, „neue Wege zu erkunden“. Franziskus hat die nationalen Bischofskonferenzen dezidiert aufgefordert, „in jedem Land oder jeder Region inkulturierte Lösungen zu suchen, welche die örtlichen Traditionen und Herausforderungen berücksichtigen“. Ob sich der von Franziskus angestoßene Wandel nachhaltig durchsetzt, hängt auch davon ab, wie schnell die reformbereiten Bischöfe den Mut finden und die neue Freiheit nutzen. Auch die Deutsche Bischofskonferenz ist da bislang nicht gerade vorgeprescht. Die Sehnsucht nach Harmonie ist (noch) größer als die Bereitschaft, echte Debatten auszutragen. Die Traditionalisten in der Kirche jedenfalls scheuen sich nicht, um die Hoheit der Debatte zu kämpfen – mit allen Mitteln.

 

 

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Caritas zu Integrationsbericht: „Wir brauchen nachhaltige Lösungen und keine kurzfristigen Notmaßnahmen!“

16.08.16

 

Landau: „Österreich ist als Land sehr gut aufgestellt, bei uns herrscht kein Notstand. Für die Zukunft ist ein Gesamtkonzept für Flucht, Migration und Integration nötig.“

 

„Flucht und Migration sind Grundrealitäten menschlichen Lebens. In einer Welt, die sich immer schneller dreht und die immer weiter zusammenwächst, brauchen wir in Österreich und in Europa dringend ein Gesamtkonzept zu diesen Fragen“, fordert Caritas Präsident Michael Landau anlässlich der Präsentation des Integrationsberichts. „Viele Menschen spüren aufgrund der aktuellen Veränderungen eine Verunsicherung. Es ist daher umso wichtiger, bei den Fakten zu bleiben. Nur mit Vernunft und Sachlichkeit können wir die Herausforderungen gemeinsam bewältigen.“

Integrationsbemühungen verstärken: wer hier spart, spart teuer!

„Der heute vorgelegte Integrationsbericht merkt positiv an, dass das Integrationsklima in Österreich besser ist als im Vorjahr – ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Österreicherinnen und Österreicher einen differenzierten Blick haben und solidarischer mit Menschen in Not sind, als von Politik und Medien oftmals dargestellt“, so Landau.
„Integration passiert in der konkreten Begegnung zwischen Menschen. Integration passiert zwischen Mitbürgern und Nachbarn, deshalb kommt den Gemeinden hier eine entscheidende Rolle zu. Für eine ausgewogene Verteilung der Geflohenen müssen nicht nur in den Städten, sondern auch auf dem Land Perspektiven geschaffen werden. Wir müssen unsere Anstrengungen, etwa beim Ausbau von Bildungs- und Qualifizierungsangeboten, insbesondere für junge Menschen, intensivieren“, appelliert Landau. „Uns muss bewusst sein, dass kurzfriste Kosten und Investitionen sich mittel- und langfristig rechnen werden. Integration zu erleichtern, heißt Sprachförderung von Anfang an zu ermöglichen. Arbeit ist ein hervorragender Integrationskatalysator. Es ist kurzsichtig, Menschen, insbesondere junge AsylwerberInnen, zum Nichtstun zu zwingen. Denn nur wer Zugang zum Arbeitsmarkt hat, kann einen gesellschaftlichen Beitrag leisten.“ Landau weiter: „Die Bemühungen von Bundesminister Sebastian Kurz und Staatssekretärin Muna Duzdar für ein Integrationspaket sind zu würdigen und der Integrationsbericht macht nicht nur wichtige Projekte sichtbar, sondern auch den Fortschritt deutlich. Aber diesen Weg müssen wir, gerade auch angesichts der aktuell fordernden Situation, entschieden weitergehen.“

Notverordnung gefährdet Menschenrechte

„Es ist nachvollziehbar, wenn Bundeskanzler, Vizekanzler, Außen- und Innenminister dafür Sorge tragen, dass Österreich die Instrumente hat, um mit einer größeren Flüchtlingsbewegung auch dann gut umzugehen, wenn keine europäische Lösung gelingen sollte“, so Landau. „Aber Österreich ist gut aufgestellt. Ich sehe keinen Notstand, auch dort nicht, wo es um Menschen auf der Flucht geht. Die Zahl der verfügbaren Arbeitsplätze ist keine statische Größe. Die Aufnahmefähigkeit des heimischen Arbeitsmarktes ist abhängig von der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes. Die Politik ist an dieser Stelle gefordert, mit Ideen und weniger Bürokratie neue Chancen zu schaffen.“
Wenn jetzt eine Notverordnung in Kraft tritt, würde das einerseits einen nicht vorhandenen Notstand in Österreich konstruieren und andererseits Menschenrechte massiv gefährden, so Landau. Die Notverordnung würde etwa das Recht auf Asyl gefährden, weil die Asylgründe nur noch in wenigen Ausnahmefällen geprüft würden.

Langfristige Lösung: Fluchtursachen bekämpfen

„Es geht darum, Menschen vor Ort in den Krisenregionen dieser Welt zu helfen. Klar ist: Die Hilfe vor Ort hilft nicht von heute auf morgen. Dennoch und gerade auch deshalb können und müssen wir den Menschen bereits heute dabei unterstützen, Sicherheit und Perspektiven für sich und ihre Kinder zu finden. Auch ein kleines Land wie Österreich könnte hier humanitäre Größe beweisen und einen Beitrag leisten, nicht zuletzt im Bereich Entwicklungszusammenarbeit, wo die Bundesregierung trotz geplanter Erhöhungen noch immer weit von ihren selbst gesteckten Zielen entfernt ist“, so Landau.

 

 

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Schuldenerlaß für Griechenland und STOP mit der Verarmungspolitik!

ChristInnen sehen die Geschichte nicht aus der Perspektive der Herrschenden. Weder aus der Perspektive der „Institutionen“ noch aus der Perspektive der deutschen Bundesregierung oder eines Herrn Schäuble. Wir schauen auf die Verhältnisse auch nicht aus der Perspektive der griechischen Oligarchie oder Banken: Den Armen und Schwachen ist die Gerechtigkeit Gottes zugesagt. An uns liegt es, das Recht der Armen durchzusetzen. (Ex 3,7-8)

In Griechenland erleben wir zur Zeit eine Auspressung der Armen, Arbeitslosen und Bedürftigen ohnegleichen. Es ist an der Zeit, darüber zu sprechen, welche Konsequenzen die Politik der EU, allen voran unsere Bundesregierung, den griechischen Menschen aufzwingt. Jede Hilfszahlung an Griechenland kommt bisher zu 80% den Banken und Finanzinverstoren zugute und ist zugleich stählern mit Auflagen verbunden: Rentenkürzungen, Mehrwertsteuererhöhungen, Privatisierung öffentlicher Güter oder Kürzung von Kündigungsfristen.

Die Reform des Gesundheitswesens hat bereits jetzt zu einer Schließung von Krankenhäusern geführt, bis zu einem Drittel der Bevölkerung sind nicht mehr krankenversichert, die Arbeitslosenquote liegt bei ca. 30% und offene und verdeckte Armut breiten sich erschreckend schnell aus. Gerade jetzt hat erneut der IWF sinkende Löhne und weitere Einschnitte in die Rechte von Arbeitnehmern gefordert. Systematisch wurden mit den Auflagen der “Troika” die sozialen Grund- und Menschenrechte außer Kraft gesetzt, wie selbst das Europäische Parlament kritisiert hat.

„Wenn ihr denen leiht, von denen ihr es wieder zu erhalten hofft, welchen Dank habt ihr da? Denn auch Sünder leihen Sündern, um das gleiche zurückzuerhalten. … tut Gutes und leihet ohne zurückzuerwarten, und euer Lohn wird groß sein, und ihr werdet Söhne des Höchsten sein …“( Lk 6,34-35)

Ein gutes Leben ist nur möglich, wenn alle leben können. Oder in ökonomischen Worten: Griechenland wird nur dann genug für alle produ­zieren können, wenn die Menschen nicht zu krank und zu hungrig dazu sind. Im Januar hatte die neue griechische Regierung eine europäische Konferenz zum Schuldenabbau vorgeschlagen: Man könne die Rückzahlungen an eine Wachstumsklausel koppeln (also dann beginnen, wenn ein signifikantes Wirt­schaftswachstum vorliegt). «Wenn ich ein verantwortlicher griechischer Politiker wäre, würde ich keine Debatten über einen Schuldenschnitt führen», reagierte Bundesfinanzminister Schäuble zynisch darauf.

Schulden müssen erlassen werden, wenn sie nicht zurückgezahlt werden können und zu Verelendung und Armut führen. Nach der Bibel besteht die Schuld des Menschen vor Gott darin, unbezahlbare Schulden unerbittlich einzutreiben. Gott erlässt dem Menschen die Schuld, die er bei Gott hat, wenn Menschen die Schulden erlassen, die andere bei ihm haben. Die Bibel enthält die jahrtausende alte Weisheit, die sich auch heute in Griechenland bewahrheitet: Unbezahlbare Schulden zerstören das Leben des Schuldners. Die Vaterunser-Bitte “Und vergib uns unsere Schulden” verlangt Verzicht auf die Erfüllung von Gesetzen, die Menschen umbringen. Um des menschlichen Lebens willen, damit also Schuldner leben können, bittet das Vater-unser um Widerstand gegen das Gesetz, dass die Schulden bezahlt werden müssen.

Gerade Deutschland sollte um diesen Zusammenhang doch wissen. Denn im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde auch uns so ein Neuanfang ermöglicht, in dem viele legitime Reparationszahlungen zunächst zurückgestellt wurden. Dass sie nur vorläufig zurückgestellt wurden, darum wußte auch Horst Teltschik, der 1990 im Zusammenhang der Verhandlungen um die Wiederver­einigung an Helmut Kohl schrieb: „Ein Anspruch unserer ehemaligen Kriegsgegner auf Reparations­leis­tungen könnte erst aufgrund von Verpflichtungen entstehen, die wir im Rahmen eines friedensvertrag­lichen … Abkommens eingehen. Die Übernahme solcher Verpflichtungen wollen wir unter allen Umständen vermeiden.“ Deshalb wurde damals kein formeller Friedensvertrag geschlossen! So also geht Deutschland mit Schuldenrückzahlungen und seiner historischen Verantwortung um!

Im Jahr 2000 haben die christlichen Kirchen einen Schuldenerlaß für Länder der dritten Welt gefordert. Heute, wo es um das eigene Haus Europa geht, schweigen sie, obwohl ein Schuldenerlaß für Griechenland nach ökonomischen und nach christlichen Kriterien ein notwendiger Schritt wäre. Sie schweigen, weil sie sich mit den Profiteuren anlegen müssten und obwohl es, nach all diesen Finanz- und Schuldenkrisen der letzten Jahre und ihren sozialen Verwüstungen vernünftig wäre, diesen neoliberalen Kapitalismus und die europäische Austeritätspolitik anzugreifen.

Machen wir uns nichts vor: Wenn wir jetzt zu Griechenland schweigen, werden die Verwüstungen zunehmen, wird diese Politik der Verarmung und Verelendung in den nächsten Jahren unangefochten sein.

Wir, ChristInnen aus verschiedenen Kirchen, fordern eine Europäische Schuldenkonferenz, damit nicht die Demokratie und der Sozialstaat den Finanzinvestoren geopfert werden. Wir fordern von unserer Regierung und der EU Griechenland die Schulden zu erlassen und die Verelendungspolitik zu beenden!

ErstunterzeichnerInnen:
Prof. em. Dr. Franz Segbers, Sozialethiker an der Universität Marburg – Dr. Kuno Füssel, Theologe und Mathematiker/ Andernach – Dr. Michael Ramminger, Institut für Theologie und Politik/ Münster – Prof. Dr. Ulrich Duchrow/ Heidelberg – Werner Gebert, Pfr. i.R., Plädoyer für eine ökumenische Zukunft – Pfr. em. Norbert Arntz/ Kleve – Ulrich Schmitthenner, Pfr. i. R. – Dr. Katja Strobel, Theologin/ Frankfurt am Main – Jürgen Kaiser, erlaßjahr.de/ Düsseldorf – Prof. DDr. Hermann Steinkamp/ Münster – Prof. Dr. Franz Hinkelammert/ Costa Rica – Günther Salz, ehem. Vorsitzender des Diözesanverbandes KAB-Trier/ Engers – Dr. Julia Lis, Institut für Theologie und Politik/ Münster – Carl-Peter Klusmann, kath. Pfr. i.R./ Dortmund – Prof. Dr. Stylianos Tsompanidis, Prof. für Ökumenische Theologie/ Thessaloniki, Griechenland – Dr. Paul Petzel, Gymnasiallehrer für Kunst u. kath. Religionslehre/ Andernach – Prof. Dr. Heinrich Fink/ Berlin – Ilsegret Fink, evgl. Theologin u. Pastorin i.R. – Jürgen Klute, ehem. Mitglied des Europäischen Parlaments

 

 

 

 

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Laudato si“: Papst ruft zu „ökologischer Bekehrung“ auf

Die Welt steht vor Zukunftsfragen, die keinen Aufschub dulden: Das erklärt der Papst in seiner Öko-Enzyklika „Laudato si“. Die Österreichische Bischofskonferenz nannte die am Donnerstag veröffentlichte Enzyklika ein „epochales Werk“.

Mit den herrschenden Maximen eines rein technologischen Fortschrittsglaubens, gepaart mit einem rein auf Gewinn ausgelegten Wirtschaftssystem und Moralvorstellungen, wonach sich jeder selbst der Nächste ist, fahre die Menschheit die Welt und sich selbst an die Wand, so die Warnung des Papstes. Er ruft die Weltgemeinschaft zu einem fundamentalen Umdenken und jeden Einzelnen zu einem umweltbewussten und nachhaltigen Lebensstil auf.

Großes Interesse an Enzyklika

Die zweite, mit Spannung erwartete Enzyklika von Franziskus trägt den Titel „Laudato si“ (Gelobt seist du) nach dem „Sonnengesang“ des heiligen Franz von Assisi, nach dem sich der Pontifex benannt hat, und den Untertitel „Über die Sorge für das gemeinsame Haus“. Sie umfasst rund 220 Seiten und sechs Kapitel. Zum ersten Mal stellt ein Papst damit ökologische Fragen in den Mittelpunkt eines so verbindlichen päpstlichen Dokuments. Der Papst wendet sich dabei zugleich an „alle Menschen guten Willens“.

Noch nie sei das Interesse an einem Dokument des Papstes so groß gewesen, so der vatikanische Pressesprecher Pater Federico Lombardi bei der Vorstellung des Lehrschreibens. Der Papst habe im vergangenen Monat Auszüge der Enzyklika per Mail an die Bischöfe auf der ganzen Welt gesendet. Das sei davor noch nie geschehen.

Lösung liegt in „Humanökologie“

Kein gutes Haar lässt der Papst an den internationalen Klimakonferenzen. Die Erfolge seien „sehr spärlich“. Auch aus der Finanzkrise habe die Welt nichts gelernt. Die Politik dürfe sich nicht länger dem Diktat der Wirtschaft unterwerfen, sie müsse sich aber auch selbst aus den Vorgaben rein kurzfristiger Perspektiven befreien und endlich über „armselige Reden“ hinauskommen.

Eindeutig spricht sich der Papst auch für starke internationale Institutionen mit Sanktionsmöglichkeiten aus, um die Reduzierung der Umweltverschmutzung bei gleichzeitiger Bekämpfung von Armut in Angriff nehmen zu können. Der Papst übt außerdem Kritik an dem weltweiten Handel mit Emissionszertifikaten, der Mitschuld an dem Klimawandel trage.

Arme am meisten betroffen

Franziskus spricht von einer einzigen, umfassenden sozio-ökologischen Krise: Umweltschutz, Armutsbekämpfung und der Einsatz für Menschenwürde gehörten untrennbar zusammen. Ein wirklich ökologischer Lösungsansatz sei deshalb immer auch ein sozialer Ansatz, „der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussionen aufnehmen muss, um die Klage der Armen ebenso zu hören wie die Klage der Erde“, nicht zuletzt, weil von der Ökokrise die Armen am schlimmsten betroffen seien. Die Lösung kann deshalb für den Papst nur in einer „ganzheitlichen Ökologie“ oder „Humanökologie“ liegen.

Umweltschutz und Abtreibung

Das bedeute aber etwa auch: Wer für die Bewahrung der Natur eintritt, könne deshalb nicht zugleich für Abtreibung oder Experimente mit lebenden menschlichen Embryonen sein. Der Papst findet auch deutliche Worte, um auf die Problematik der Umweltverschmutzung aufmerksam zu machen: „Die Erde, unser Haus, scheint sich immer mehr in eine unermessliche Mülldeponie zu verwandeln.“

Der Klimawandel ist für den Papst ein wissenschaftlich belegtes Faktum und der Wassermangel ein zentrales Thema: „Der Zugang zu sicherem Trinkwasser ist ein grundlegendes, fundamentales und allgemeines Menschenrecht, weil es für das Überleben der Menschen ausschlaggebend und daher die Bedingung für die Ausübung der anderen Menschenrechte ist.“

Konsum senken statt Geburtenrate

Den Armen den Zugang zu Wasser vorzuenthalten heiße, „ihnen das Recht auf Leben zu verweigern, das in ihrer unveräußerlichen Würde verankert ist“. In der Begrenzung der Geburtenrate liege sicherlich keine Lösung begründet, sondern es müsse dem „extremen und selektiven Konsumverhalten“ eines kleinen Teils der Weltbevölkerung entgegengewirkt werden. Der lateinamerikanische Papst sorgt sich auch um die Pflege der kulturellen Reichtümer der Menschheit und um die indigenen Völker. Auch die Sorge um diese Völker sei Teil einer ganzheitlichen Ökologie, wie auch die Verbesserung der Lebensqualitäten eines Großteils der Weltbevölkerung.

Wert von Mensch und Natur verkannt

Franziskus gibt dem „technokratischen Paradigma“ und einer falschen Sicht der Stellung des Menschen („fehlgeleiteter Anthropozentrismus“) und seines Handelns in der Welt (Relativismus) Mitschuld an den Problemen. Dieses dominante technokratische Paradigma nehme die gesamte Realität als Objekt wahr, die man grenzenlos manipulieren kann. Von da aus gelange man leicht zur Idee eines unendlichen und grenzenlosen Wachstums. „Dieses Wachstum setzt aber die Lüge bezüglich der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter des Planeten voraus, die dazu führt, ihn bis zur Grenze und darüber hinaus auszupressen“, schreibt der Papst.

„Wenn man schon in der eigenen Wirklichkeit den Wert eines Armen, eines menschlichen Embryos, eines Menschen mit Behinderung - um nur einige Beispiele anzuführen - nicht erkennt, wird man schwerlich die Schreie der Natur selbst hören.“ Alles sei schließlich miteinander verbunden. Als Konsequenz dieses fehlgeleiteten Anthropozentrismus ortet der Papst einen praktischen Relativismus, bei dem alles irrelevant wird, „wenn es nicht den unmittelbaren eigenen Interessen dient“.

Appell zur Solidarität

Dem hält der Papst das Prinzip des Gemeinwohls entgegen: Ganzheitliche Ökologie oder Humanökologie „ist nicht von dem Begriff des Gemeinwohls zu trennen“. Das beinhalte unter gegenwärtigen Bedingungen vor allem auch einen „Appell zur Solidarität“ und zu einer „vorrangigen Option für die Ärmsten“. Das Gemeinwohl betreffe auch zukünftige Generationen, so der Papst: „Welche Art von Welt wollen wir denen überlassen, die nach uns kommen, den Kindern, die gerade aufwachsen?“

Der Papst nimmt auch die Politik stark in die Pflicht: Wenn die Politik nicht imstande sei, „eine perverse Logik zu durchbrechen“, und wenn sie nicht über „armselige Reden“ hinauskomme, so werde die Menschheit „weitermachen, ohne die großen Probleme der Menschheit in Angriff zu nehmen“. Politik und Wirtschaft müssten sich beide „entschieden in den Dienst des Lebens“ stellen, mahnt der Papst.

Religionen als Dialogpartner

Der Glaube biete „wichtige Motivationen für die Pflege der Natur und die Sorge für die schwächsten Brüder und Schwestern“, hält er fest. Die Verantwortung für die Natur sei Teil des christlichen Glaubens. Die Religionen müssten auch untereinander einen Dialog aufnehmen, „der auf die Schonung der Natur, die Verteidigung der Armen und den Aufbau eines Netzes der gegenseitigen Achtung und der Geschwisterlichkeit ausgerichtet ist“, fordert Franziskus.

Reaktionen: „Epochales Werk“

Als „epochales Dokument“ und als „Gabe und Aufgabe zugleich“ bezeichneten Österreichs Bischöfe die neue Öko-Enzyklika. Das Lehrschreiben biete einen fundamentalen Blick auf die Ursachen der „noch nie in der Menschheitsgeschichte da gewesenen Bedrohungen für das Leben und Überleben auf Erde“, heißt es in der Erklärung der Bischofskonferenz.

Mit „Laudato si“ sei dem Papst ein „Meilenstein“ gelungen, so Kardinal Christoph Schönborn am Donnerstag. Er wolle die Enzyklika in ihrer Tragweite schon jetzt mit der großen Sozialenzyklika „Rerum Novarum“ (1891) von Papst Leo XIII. vergleichen, mit der der Papst damals die Tür für die katholische Soziallehre geöffnet habe. „Laudato si“ werde nun ebenso der ökologischen Bewegung einen enormen Impuls geben, zeigte sich der Vorsitzende der Bischofskonferenz überzeugt.

Schaffelhofer: Hohe Messlatte"

Ein „Gesamtkunstwerk“ zum Thema Zukunft des gesamten Globus und einen Impuls in Richtung einer „ganzheitlichen Ökologie“ nannte der in der Bischofskonferenz für Umweltfragen zuständige Kärntner Bischof Alois Schwarz die Enzyklika. Im kirchlichen Bereich geschehe schon viel in Richtung Nachhaltigkeit, das Papst-Schreiben sei nun ein weiterer Anstoß zu fragen, „wo es etwas besser zu machen gilt“, so Schwarz.

Die Präsidentin der Katholischen Aktion (KAÖ), Gerda Schaffelhofer, sagte, der Papst habe mit seiner Umweltenzyklika eine „hoch gelegte Messlatte der Nachhaltigkeit“ formuliert. „Mit den klaren, unmissverständlichen Worten dieser Enzyklika hat Franziskus nicht nur uns Katholiken, sondern der ganzen Menschheit etwas vorgelegt, an dem wir nicht mehr vorbeikommen“, so Schaffelhofer.

religion.ORF.at/KAP/APA