Titelblatt

Leseproben

Inhaltsverzeichnis (seit 2003)

 

zurück zur Startseite

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aktuelle Informationen

Termine

Links

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 420/421                      September/Oktober 2018

 

 

 

ZUM TOD VON URI AVNERY

Von Adalbert Krims

Es gibt wohl kaum einen weltpolitischen Konflikt, der so unlösbar erscheint wie der israelisch-palästinensische Konflikt. Dennoch hat Uri Avnery, der sich 70 Jahre für eine friedliche Lösung engagierte, nie die Hoffnung aufgegeben. „Pessimismus ist immer bequem, dann braucht man nichts zu machen“, sagte Avnery vor 4 Jahren anlässlich seines 90. Geburtstages. Und so meinte er bis zuletzt, er werde sein Ziel einer Zwei­staatenlösung mit Jerusalem als gemeinsamer Hauptstadt noch erleben. Das war ihm leider nicht gegönnt: am 20. August 2018 starb der große israelische Friedensaktivist nach einem Schlaganfall in einem Jerusalemer Krankenhaus, drei Wochen vor seinem 95. Geburtstag.

Uri Avnery wurde am 10. September 1923 als Helmut Ostermann in der westfälischen Kleinstadt Beckum geboren. Kurz nach seinem Übertritt ans Kaiserin-Auguste-Victoria-Gymnasium in Hannover floh seine Familie 1933 mit ihm vor der NS-Diktatur nach Palästina. Nach mehreren Na­menswechseln nahm er mit 19 die hebräische Version Uri Avnery an, nachdem er erst den Vornamen seines 1941 als Soldat der britischen Armee im Zweiten Weltkrieg gefallenen Bruders Werner zu Avner hebraisiert hatte.

Von 1938 bis 1942 war er Mitglied der Irgun. Avnery trat nach eigenen Angaben der Untergrundorganisation bei, um für die Freiheit gegen die britische Mandatsmacht zu kämpfen, er verließ jedoch die Organisation aus Protest gegen ihre „anti-arabischen und reaktionären Ansichten und Terrormethoden“. Im Palästinakrieg 1948 war Avnery Soldat der Israelischen Verteidigungsstreitkräfte. Er diente in der Einheit „Schu’alei Schimschon“ der Giv’ati-Brigade und wurde schwer verwundet. 1949 veröffentlichte er sein Kriegstagebuch „In den Feldern der Philister“ über die Geschehnisse während des Krieges, das zu einem Bestseller wurde, sowie 1950 seine Kriegserinnerungen „Die Kehrseite der Medaille“, die wegen der Schilderung der Gräueltaten boykottiert wurden und Avnery bei weiten Teilen der Bevölkerung zum Geächteten machten.

Der Krieg von 1948 führte Avnery zum Umdenken, indem er bekannte, dass „den Arabern die gleichen nationalen Rechte zustehen wie uns Ju­den“. Dieser Satz wurde zur politischen Maxime seines weiteren Lebens. Von 1950 bis 1990 war Uri Avnery Herausgeber und Chef­re­dakteur des Nachrichtenmagazins „haOlam haZeh“ („Diese Welt“ – im Unterschied zum Jenseits, der „kommenden Welt“). Außerdem  war er in drei Le­gislaturperioden (zwischen 1965 – 1974 und 1979 – 1981) als Parlamentsabgeordneter für unterschiedliche linke Kleinparteien wie bei­spiels­weise Meri in der Knesset vertreten.

Sowohl in seiner journalistischen als auch seiner politischen Arbeit trat Avnery für sein großes Vorhaben: Frieden mit den Palästinensern und Grün­dung eines unabhängigen Staates neben Israel ein. Unmittelbar nach dem Sechstagekrieg 1967 richtete er einen Offenen Brief an den da­ma­li­gen israelischen Ministerpräsidenten Levy Eshkol, in dem er vor der dauernden Besetzung der neu eroberten Gebiete Westjordanland und Ga­za­streifen warnte und forderte, dort einen unabhängigen Palästinenserstaat zu schaffen. Schon Jahre zuvor suchte er auch den Kontakt zur Pa­lästi­nensischen Befreiungsorganisation (PLO), die damals als Terrorgruppe eingestuft wurde. 1982 traf Avnery während des israelischen Liba­non-­Krieges in Beirut als erster Israeli PLO-Chef Yassir Arafat, obwohl er damit ausdrücklich gegen das israelische Strafrecht verstieß. Es kam so­gar zu weiteren Treffen, über die Avnery in dem Buch „Mein Freund, der Feind“ schrieb.

1993 gründete Avnery den Friedensblock „Gusch Schalom“, dessen Sprecher er bis zu seinem Tod blieb. Das Hauptziel von Gusch Schalom war und ist, die israelische öffentliche Meinung in Richtung von Frieden und Versöhnung mit den Palästinensern zu beeinflussen. Beson­ders scharf kritisiert die Friedensorganisation die israelische Siedlungspolitik, die sie als „langsamen Völkermord“ bezeichnet. Gusch Schalom wurde – zusammen mit dem Ehepaar Avnery – 1997 mit dem Aachener Friedenspreis und 2001 mit dem Alternativen Nobelpreis (Right Livelihood Award) ausgezeichnet. Uri Avnery erhielt darüber hinaus u. a. 1997 den Bruno-Kreisky-Preis für Menschenrechte sowie 2008 die Carl-von-Ossietzky-Medaille.

Seine letzten Jahre hat Avnery der Friedensarbeit von „Gush Schalom“ und dem Schreiben gewidmet. In seiner wöchentlichen Kolumne in der links­liberalen israelischen Tageszeitung „Haaretz“ und seinen Büchern, die auch im deutschsprachigen Raum ein großes Leserpublikum fanden, kri­­tisierte er die verhängnisvolle Politik seines Staates ohne Scheuklappen und Tabus und vermittelte dem Publikum ein ganz anderes Bild von Israel, als es in den meisten  Medien verbreitet wird. Trotz seiner scharfen Kritik an der israelischen Regierung liebte er sein Land, auch wenn er von vielen Israelis als „Verräter“ abgelehnt wurde.

Im Dezember 2012 sagte Avnery in Bezug auf die angesichts der israelischen Siedlungspolitik schwindenden Chancen für die Zwei­staa­ten­lösung: „Die Amerikaner und die Europäer ignorieren diese Tatsache, weil sie keine Lust haben sich mit Israel auseinanderzusetzen. Bei den Ame­­rikanern ist es wegen des ungeheuerlichen Einflusses der pro-israelischen Lobby. Diese Lobby hilft aber nicht den wirklichen Interessen Israels, sondern nur den Interessen einer rechten Regierung. Für jeden vernünftigen Menschen muss doch klar sein, dass Israel den Frieden braucht und keine Siedlungen. Frieden mit dem palästinensischen Volk und auch mit der restlichen arabischen Welt.“ Für Avnery liegt der Schlüs­sel für einen Nahostfrieden letztlich in Washington: „Was die Europäer tun, beeindruckt Netanjahu sicherlich nicht. Aber einen echten amerikanischen Druck könnte er nicht ignorieren.“ Allerdings, so schrieb Avnery im Mai 2018: „Wenn du in diesen Tagen in Israel lebst, be­kommst du den Eindruck, dass der riesige Staat Israel seinem amerikanischen Vasallen sagt, was er tun soll. Präsident Donald Trump hört zu und fügt sich.“

Trotz dieser aussichtslos erscheinenden Situation blieb Avnery bis zu seinem Tod dabei: „Ich bin nie pessimistisch. Ich sehe nur, ob die Lage besser wird oder schlechter. Man kämpft weiter, wenn es besser wird, oder wenn die Lage schlechter wird. Pessimisten erreichen nie etwas. Man muss Optimist sein, um zu kämpfen“.

 

 

Walter Sauer:

ENTDECKE MADIBA IN DIR

Zum 100. Geburtstag von Nelson Mandela

In aller Welt feierte man am 18. Juli den hundertsten Geburtstag des Freiheitskämpfers und Friedensnobelpreisträgers Nelson Mandela. „Entdecke Madiba in Dir“ war ein Motto, das die Nelson-Mandela-Stiftung in Johannesburg für das Jubiläum vorgeschlagen hatte. In Wien fand die traditionelle Kulturwanderung zum Nelson-Mandela-Platz im Entwicklungsgebiet Seestadt statt. Die Vereinten Nationen hatten vor einigen Jahren den 18. Juli zum Tag des Gedenkens an den 2013 verstorbenen süd­afrikanischen Politiker erklärt.

Zur Erinnerung: Nelson Rohlihlala Mandela wurde 1918 in einem Dorf in der Transkei, einer ländlichen Region im Osten Südafrikas, ge­boren. Als Angehöriger der Königsfamilie der amaThembu hatte er die Möglichkeit, die damals einzige höhere Bildungsstätte für Schwarze in Fort Hare zu besuchen. Als er sowohl mit der konservativen Schulleitung als auch mit dem heimatlichen Traditionalismus in Konflikt kam, flüchtete er 1941 nach Johannesburg. Er fand Anschluss an die Bürgerrechtsbewegung der diskriminierten Schwarzen, den Afrikanischen Na­­­tionalkongress (ANC), in dem er eine politische Rolle zu spielen begann. 1952 wurde er zum Vizepräsidenten der Organisation gewählt und engagierte sich in der sog. Widerstandskampagne gegen die Verschärfung der Rassengesetze (seit 1948 regierte in Südafrika die Natio­na­le Partei, eine Schwesterorganisation der NSDAP). Als der ANC und alle anderen Widerstandsorganisationen 1960 nach einem Massaker der Polizei an unbewaffneten Demonstrant/inn/en verboten wurden, ging Mandela in den Untergrund. 1962 wurde er verhaftet, zwei Jahre später wegen Hochverrats zu lebenslanger Haft verurteilt.

Während der mehr als 27 Jahre der Gefangenschaft, die er und seine Mithäftlinge in weitgehender Isolierung erst auf der Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt, dann in Hochsicherheitsanstalten auf dem Festland verbrachten, regenerierte sich der Widerstand gegen die Ras­sen­diktatur der sog. Apartheid. Insbesondere der Schüler/innenaufstand von Soweto leitete 1976 eine Periode der Instabilität in Süd­afri­ka ein; Massendemonstrationen und -streiks im Inneren des Landes, bewaffnete Aktionen des ANC aus dem Ausland sowie internationale Sank­tionen gegen das Regime in Pretoria führten zu dessen Schwächung. Im Februar 1990 sahen sich die Machthaber zur Legalisierung aller ver­botenen Organisationen, zur Freilassung Mandelas und zur Aufnahme von Verhandlungen über eine neue Verfassung gezwungen. Nach Überwindung vieler Schwierigkeiten, die nicht zuletzt dem Verhandlungsgeschick und dem Charisma Mandelas zu verdanken war, fanden im April 1994 die ersten freien Wahlen in der Geschichte Südafrikas statt. Am 10. Mai 1994 wurde Mandela in Pretoria als erster demokrati­scher Präsident des Landes angelobt.

Seine fünfjährige Amtszeit war gekennzeichnet einerseits durch eine Politik der Vergangenheitsbewältigung und einer „nationalen Versöh­nung“ zwischen den bisher privilegierten Weißen und den diskriminierten Schwarzen, Farbigen und Indern. Andererseits begannen tiefgrei­fen­der wirtschaftliche, soziale und politische Reformen, um die aus der Zeit des Kolonialismus und der Apartheid stammenden Wurzeln des Rassismus zu beseitigen. Auch wenn 1999, als Mandela die Präsidentschaft geordnet an seinen Nachfolger Thabo Mbeki weitergab, dies­be­züg­lich noch vieles offengeblieben war, hatte sich Südafrika in den wenigen fünf Jahren gravierend verändert: Es hatte die wesentlichen ersten Schritte auf dem Weg in eine nicht-rassistische, offene Gesellschaft mit einer stabilen Demokratie, einer ausgebauten Sozialpolitik und einer auf Frieden, Entwicklung und Entspannung ausgerichteten Außenpolitik getan.

Als einer der großen Menschenrechtskämpfer des 20. Jahrhunderts – wir erinnern uns im Gleichklang etwa an Mahatma Gandhi oder Martin Luther King – hat Nelson Mandela den Lauf der Weltgeschichte zum Besseren verändert. Das Gedenken an ihn ist aber weit mehr als eine verdiente Anerkennung für sein Lebenswerk. Man sollte auch daran erinnern, dass Mandelas Vision eines gleichberechtigten Zu­sam­men­lebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlicher Religionen oder unterschiedlichen Aussehens noch nicht eingelöst ist – in Südafrika nicht und weltweit schon gar nicht.

Welche Sprengkraft würde beispielsweise eine „nationale Versöhnungspolitik“ von Juden und Palästinensern für die Neugestaltung der staat­­lichen und gesellschaftlichen Verhältnisse im Nahen Osten entwickeln! Welche Konsequenzen würde die Absage an ethnische Dis­kri­mi­nie­rung für das Zusammenleben mit Kriegs-, Armuts- und Umweltflüchtlingen in Europa nach sich ziehen? Wie könnte eine Umverteilungs­politik im Geiste Mande­las das immer weiter auseinanderklaffende Wohlstandsgefälle zwischen Arm und Reich im Weltmaßstab (die sog. glo­bale Apartheid) verringern? Das sind Fragen, mit denen uns „wir“ im verhältnismäßig wohlhabenden Norden dieser Erde aus Anlass des hun­dertsten Geburtstags Mandelas auseinandersetzen sollten.

Doch auch in Südafrika ist das Vermächtnis „Madibas“ (wie Mandela freundschaftlich und ehrfürchtig zugleich genannt wurde) noch kei­nes­­wegs eingelöst. Zwar hat sich seit 1994 eine breite schwarze Mittelschicht gebildet, doch immer noch lebt etwa die Hälfte der Bevöl­ke­rung in Armut. Gleichzeitig ist der Reichtum einer Minderheit – die hauptsächlich aus Weißen sowie aus wenigen Schwarzen besteht – im Ein­klang mit internationalen Trends gestiegen, sodass Südafrika nach wie vor zu jenen Staaten gehört, in denen die soziale Ungleichheit am größ­ten ist. Eine Bereitschaft der Wohlhabenden, den aufgrund jahrhundertelanger Unterdrückung zustande gekommenen Reichtum mit den Armen zu teilen, ist derzeit nicht absehbar.

Von vielen Weißen – die den weitgehend unblutig verlaufenen Übergang zur Demokratie mit Erleichterung zur Kenntnis nahmen – wurde Man­delas Versöhnungspolitik vielmehr als Freibrief missverstanden, ihre wirtschaftlichen Privilegien zu erhalten. Seine mit Augenmaß be­gon­nene Landreform oder die Ansätze zu einer umverteilenden Steuerpolitik stagnierten nach einem erfolgreichen Anfang. Nachteilige Han­dels­­verträge mit der Europäischen Union und eine allzu rasche Öffnung der Volkswirtschaft haben zu Kapitalflucht und Globalisierungs­schocks geführt, in deren Folge sich die Arbeitslosigkeit nicht verringert hat. Eine Folge der anhaltenden Armut ist verbreitete Korruption, wel­che die Umsetzungskapazität der staatlichen Verwaltung schwächt. Unzufriedenheit und Radikalisierung sind daher verbreitet und wer­den durch linke wie rechte Populisten noch angeheizt.

Die Errungenschaften der Ära Mandela zu erhalten und gleichzeitig die liegengebliebenen Reformen durchzuführen, ist fast eine Quadratur des Kreises. Cyril Ramaphosa, der seit wenigen Monaten regierende neue Staatspräsident, ist mit dieser Mammutaufgabe konfrontiert. Dass er sich damit populär machen wird, ist freilich nicht anzunehmen – weder bei den pseudolinken Populisten und den Konservativen im eige­nen Land, noch bei der internationalen Lobby der Neoliberalen. Die Berichterstattung der bürgerlichen Presse rund um den Mandela-Ge­burts­tag hat das auch in Österreich deutlich gemacht. Mandela als einen zahnlosen freundlichen alten Herrn darzustellen – das haben sie gern gemacht. Sich aber auch mit der Sprengkraft der von Mandela (und vielen anderen) vertretenen Ideale von Nicht-Rassismus und sozialer Ge­rech­tigkeit auseinanderzusetzen – das war (mit wenigen Ausnahmen) nicht geplant. Im Gegenteil: Im Vergleich zu Cyril Ramaphosa, der an die Ansätze von Mandelas Umverteilungspolitik anzuknüpfen versucht, wirke Presidente Maduro in Venezuela „geradezu wie ein An­fän­ger“, schrieb Josef Urschitz z. B. in der „Presse“ vom 2. August 2018. Das sei typisch für die „Africonomy“, so die rassistische Ver­all­ge­mei­ne­rung eines der prominentesten Wirtschaftsjournalisten des Landes. Wahrscheinlich werden wir uns in den kommenden Monaten auf mehr Po­lemik dieser Art einstellen müssen.

Mandela ist 2013 verstorben, und was er in dieser Situation getan hätte, darüber kann man nur spekulieren. Wohl aber sind seine Grundsätze geblieben, zum Beispiel: „Die Armut zu besiegen, ist keine Sache von Wohltätigkeit, sondern ein Akt der Gerechtigkeit.“ Diese seine Vision Wirklichkeit werden zu lassen, ist Aufgabe von uns allen.

 

Jussuf Windischer

VERKÜNDIGUNG MIT ROMA UND SINTI

Am Beispiel der Vinziherberge Waldhüttl bei Innsbruck

Seit über 5 Jahren besteht am Rande von Innsbruck die Vinziherberge Waldhüttl. Gatschi (Nicht-Roma, Weiße) und Roma sind Mitglieder der Vin­zenzgemeinschaft (VG), Träger und Akteure im und um das Waldhüttl. Das Waldhüttl, ein großer Bauernhof mit umgebendem Grundstück (ca 4500 m²) ist eine Herberge für ca 30 Notreisende bzw. ArmutsmigrantInnen, für Roma aus der Slowakei und Rumänien, eine Herberge für ob­dachlose Menschen. Das Waldhüttl hat eine Botschaft zu verkünden.

Kirche ist Dienst

Jesus hat vor dem Abendmahl den Seinigen die Füße gewaschen (Joh 13,1-20). Die Fußwaschung, ein „niedriger“ Dienst am Menschen ist hier­mit auch die Gründungsurkunde der VG Waldhüttl. Eine sog. Hochkapelle, es ist eine erhöhte gemütliche Ebene im Gemeinschaftshaus, besteht als Erinnerung an das, was Jesus vor dem Abendmahl tat, als er mit den Seinigen ins Obergemach ging – das ist die Waldhüttl Hochkapelle. Ein ge­mütlicher Ort, im Winter sehr warm, mit Teppichen ausgelegt, mit dem San Damian Kreuz, Ikonen, Kerzen und vielen Devotionalien. Man fin­det sonst auch den Koran, einen Gebetsteppich u.a.m.

Die VG Waldhüttl ist Mittel zum Zweck, ist Dienst, auf der Seite der Armen. Die sog Armen sind Subjekt (u. a. Herren und Meister). Sie sind auch die Gründungsväter und -mütter der Herberge und eines Prozesses, der in Bewegung geriet.

Roma, als die Gründer – bauen Kirche auf

Als die Roma, die viele Monate, ja Jahre, in Autos nächtigten, bei Regen und Wind, im Sommer und im Winter, die oftmals auch von Park­plät­zen vertrieben wurden, als diese Roma einen neuen Parkplatz suchten (Herbst 2012) und bei mir (dem Autor) anfragten, ob ich einen sicheren Park­platz kennen würde, verwies ich auf den Parkplatz, über dem Waldhüttl. Bauernhaus, der Parkplatz und auch das umgebende Grundstück sind im Besitz vom Stift Wilten. Beim Lokalaugenschein sahen die Roma gleich das baufällige Bauernhaus: „Dieses zerbrochene Haus, wir könn­ten es wieder aufbauen!“. So meinte einer. Auch Franziskus hat den Ruf vom Kreuz in San Damiano vernommen: „Franziskus! Geh hin und stelle mein Haus wieder her, das, wie du siehst, zu zerfallen droht“

Die Prämonstratenser verzichteten auf eine gewinnbringende Vermietung und stellten letztlich Land und Hof der VG Waldhüttl zur Verfügung. Mehr noch: sie bezahlten die Materialien, die Betriebskosten. Durch einen Bittleihvertrag (jederzeit beidseitig unverzüglich kündbar) konnte sg. Eigentum nicht nur sozialisiert werden, sondern sogar aufgewertet. Die Roma brachten die größte Wertschöpfung: die menschliche Arbeit, den Wie­der­aufbau. Bis heute gibt es noch jeden Samstag ein paar Stunden Gemeinschaftsarbeit.

Armutsmigranten oder Notreisende – Geliebte Gottes

Sie sind eine der besonders geliebten Zielgruppen Gottes. Es ist eine der kleinen, oft geknechteten, unterdrückten und ausgestoßenen Bevölke­rungs­gruppen, die aber auch fähig, auch direkt oder indirekt bereit ist, Verkündigung zu sein. Allein schon die Präsenz von Armen ist Ver­kün­di­gung. Die Begegnung mit dem Armen ist schon in sich reale Gottesbegegnung.

Es sind Männer und Frauen, manchmal sogar Kinder: Billigstlohnarbeiter in den Herkunftsländern, Pflegepersonal für Ganztagspflege, Tag­löh­ner auf den Gemüsefeldern, Zeitungsverkäufer in den Straßen, bettelnde Menschen, kniend am Boden, kranke, oft behinderte Menschen, Men­schen zurückgelassen und vergessen in den Hütten der Randviertel, Straßenkehrer und Menschen die auf den Müllhalden der Menschen Nah­rung suchen. Betrachtet werden viele als der letzte Rest der Menschheit: Parias, Outcasts u. ä. m. Verarmte Menschen, nicht einmal mehr aus­beut­bar, viele gelandet und gestrandet am Müllhaufen der Gesellschaft (vgl. GE 53). Einige rafften und raffen sich auf – als Armutsmigranten, auf der Suche nach einem besseren Leben.

Arme repräsentieren Gott

Allein schon die Präsenz der Roma kann der Anfang der Verkündigung sein. Es ist die Präsenz von vertriebenen und verarmten Menschen in der Öffentlichkeit. Egal ob als Bettler, Erntehelfer, Taglöhner, Straßenmusiker oder als Zeitungsverkäufer: Gar manche PassantInnen reden mit Roma, fragen nach deren Schicksal und nach Hintergründen, sie fragen nach Familie. Da kann es schon passieren, dass ein Zeitungsverkäufer (Csaba) bestätigt, dass er das positive Denken als Lebenselixier gewählt hat, ein anderer (Ivan), dass er als Obmannstellvertreter der VG seine Ver­antwortung wahrnimmt, eine andere (Livia), dass ihr Gott schon so oft geholfen habe und dass sie jeden Samstag in der Hochkapelle beim Gebet dabei sei. Sie erzählen von Tod und Auferstehung. Der Gitarrespieler Stefan meinte, dass er ger­ne für Gott gratis Musik mache: das sei un­ser Gebet.

Der Ort – eine gefährliche Erinnerung

Studien in geschichtlichen Dokumenten ergaben, dass das Bauernhaus in den Jahren 1938 – 1942, al­so in der Nazizeit, ein Zentrum des Wider­stan­des war. Dort sind die Leute eines Widerstandes zusammengekommen. Dort wurden Feindsender gehört, Flugblätter produziert, ein paar Waf­fen versteckt und auch beraten. Der Widerstand wurde verraten, alle wurden im KZ Buchenwald ermordet, eine einziger überlebte. An ihn erinnert eine Gedenktafel, gemeinsam errichtet von Kommunisten, Atheisten, Konservativen inklusive Christen.

BewohnerInnen und Freunde stimmten der Pflege der Widerstandskultur zu. Den Roma war und ist das Vernichtungsprogramm Hitlers und sei­ner Verbündeten klar und in Erinnerung. Nach dem schwarzen KZ Winkel (asozial) mussten die Roma, Sinti u.a., den braunen Winkel auf ihrer KZ-Kleidung tragen. Die jüngeren MitbewohnerInnen drängten darauf die Erinnerungskultur in das Heute zu übersetzen und auch zu pflegen. Sie brachten beim Widerstandsdenkmal das Transparent: „Resistance for peace“ und hängten auch Bilder von zeitgenössischen Widerstands­künst­lerInnen auf. So kann eine Erinnerungskultur auch eine gefährliche Erinnerung sein.

Dutzende von Gruppen verbrachten inzwischen daselbst ihre Gedenk- und Schweigeminute. Hunderte BesucherInnen tauschten aus, was „Widerstand heute“ bedeuten könnte. Viele Zeitzeugen, vornehmlich ältere verwitwete Frauen gaben schon ihr Zeugnis. Ein betagter Nachbar brachte das Sterbebild seiner damals 12-jährigen Schwester, die im Euthanasieprogramm ermordet wurde, weil sie gehörlos war. Am Anti­kriegs­tag 1. September gibt es alljährlich eine Gedenkveranstaltung.

Gefährlich: es werden Entwicklungen im neoliberalen Kapitalismus diskutiert, es wird über Menschenrechte geredet, über Antisemitismus, Anti­zi­ganismus, Rassismus, aber auch über die Populisten, FPÖ, AfD, Orban und anderes noch viel mehr. Die gefährliche Erinnerung gibt einigen Mut zum Leben. Tod und Auferstehung.

Die Vertreibung der Roma – Anklage und Hoffnung

An der Hausmauer haben die Roma ein Wagenrad angebracht. Es ist Symbol der Roma: sie sind unterwegs und auf der Suche nach Arbeit. Soll­te der Exodus ihr Überleben retten? In ihrer Heimat in der Slowakei liegt die Arbeitslosigkeit für Roma bei 90 %. In einem der Dörfer können und dürfen auch nicht mehr Tiere für die sog. Subsistenz gehalten werden. Das umliegende Land wurde von den Autoritäten an Investoren vom Aus­land verkauft. Für Tiere gibt es kein Weideland mehr. Spekulanten haben zugeschlagen. Wenn Roma das Weideland nutzen, werden sie hart bestraft. In ihrer Heimat in Rumä­nien konnten ehedem die Roma noch Holz sammeln gehen, um für Kochen das Feuer zu machen oder auch um im Winter zu heizen. Auch dort wurde der Wald an Investoren verkauft. Holzsammelnde Roma werden bitter bestraft. Die örtliche Polizei über­wacht die Wälder.

Armutsmigranten versinnbildlichen auch den Exodus. Mit großer Hoffnung ziehen die Leute in den reicheren Westen und hoffen Geld zu verdienen. Das verdiente Geld wird geteilt und der Großteil wird in die Heimat, zu den Familien geschickt.

Roma gestalten Schönheit und Lebensfreude

Um das Waldhüttl herum gibt es fruchtbares Land. Gemeinschaftsgärten und über 25 Tandembeete bringen reiche Frucht. Tandems bilden z. B. ein Intellektueller mit einem Praktiker, eine blinde Frau mit einer sehenden Frau, ein Innsbrucker mit einem Asylwerber usw. Sie bewirtschaften zusammen ein großes Beet. Es gibt auch Rosen und Blumen. Den südlichen Weg ziert der Sonnengesang des Hl. Franz von Assisi. Einzelne Ta­feln erinnern uns an die Schönheit der Schöpfung. Im Bewusstsein, dass viel Armutsmigration durch die Umweltzerstörung verursacht wird, in Er­innerung an all das, was in „Laudato si“ beschrieben wird, ist es für das Waldhüttl wichtig, die Natur, die Ökologie zu pflegen. Es ist ein schöner Ort. Die Schönheit der Natur kann so viele Wunden und Schmerzen der Menschen lindern, manchmal heilen. Die Schöpfung Gottes ist Verkündigung.

Nördlich liegt der Weg der Religionen, er führt von der Pax-Christi- Kapelle, bei der Gedenkstätte des Judentums weiter zum Gebetsplatz der Muslime, Stätte des Hinduismus, des Buddhismus, der Naturreligionen. Am Ende des Weges steht die weiße Tafel. Die Tafel steht für die vielen Menschen, die Agnostiker oder Atheisten sind. Wir alle, wir Menschen haben nur eine Welt, wir träumen so sehr von einer Welt, in der alle Men­schen gut leben könn­ten. Wir haben nur eine Welt, die uns geliehen wurde. Es ist ein Weg der Verkündigung: zur Schönheit der Welt, zum Pa­radies, gehören wohl auch Gärten, Blumen und auch Religionen.

Beim Waldhüttl gibt es auch Tiere: Schafe, Hennen, Enten, Wachteln, Katzen und auch Mäuse. Das Waldhüttl übernahm dazu noch 2 Eselinnen zur Pflege. „Herr sei gelobt....“, der Sonnengesang kennt kein Ende.

Wir feiern Hochzeit - Feste bei Gulaschkessel, Wein und mit viel Tanz

Wo viel geweint wird, muss um so mehr getanzt werden. Es wird viel getanzt – egal ob Hochzeiten, Geburtstage, Gedenkfeiern oder Romafeste. Es gibt viel Musik, es wird getanzt. Ermüdete Roma feiern und tanzen und holen sich Kraft und Lebensfreude. Auch wenn viele mit der Kirche nicht viel anfangen können. In solchen Momenten leben und verkünden sie Kirche. Es sind die Leute, die mühselig und beladen sind, die kom­men, um zu feiern, um zu tanzen, um Hochzeit zu feiern. Nach den Mühen der Ebene und des Tages gibt es auch Grund zum Feiern. So oft wird das Himmelreich mit einer Hochzeit verbunden. Feste sind Verkündigung. „Dein Reich komme...“

Wir preisen Gott mit Musik und Schweigen

Jeden Samstag lädt die Glocke zum Gebet in der Hochkapelle ein. Manchmal sind wir nur zu dritt, manchmal 30 und mehr. Es kommen Haus­be­wohner, Gärtner, Freunde und Besucher. Wir loben Gott mit verschiedensten Traditionen und Religionen. Es konzentriert sich dann auf die christlichen Traditionen, wobei alle Konfessionen (katholisch, orthodox, evangelisch, freikirchlich...) ihren Beitrag in Gebeten, Liedern und Sym­bolen einbringen können. Es ist ein ökumenischer Wortgottesdienst. Wir erzählen uns von Tod und Auferstehung, von dem was uns traurig macht, von dem was uns Freude macht. Wir beten das „Vater unser“ in allen Sprachen und versuchen auch das „Vater unser“ auf Deutsch zu erlernen. Am schönsten und besten ist wohl die Musik der Roma, die Musik mit der gebetet wird. Da braucht es keine Übersetzung mehr. Es ist die Sehnsucht nach dem unendlichen Gegenüber, nach der Tiefes des Seins oder nach Gott. Die Ökumene, das Haus und die Erde, die wir ge­mein­sam bewohnen und pflegen ist unsere Bereicherung. Zudem: die Armut, manchmal sogar Sprachlosigkeit und das Schweigen bergen einen un­endlichen Reichtum in sich. Die Gemeinschaft der Roma mit Gatschis (Nichtroma) lehrt uns die Ökumene.

Roma bzw. Armutsmigranten lehren eine neue pastorale Praxis. Als Personen verändern sie Gewohntes. Sie erfinden eine neue pastorale Praxis. Sie laden alle ein, eine offene Kirche zu sein. Als Autor des Artikels bezeuge ich, dass das Leben mit Roma mein Gottesbild wieder veränderte und wieder vertiefte. Es ist ein großes Gnadengeschenk Gottes.

 

Balázs Németh

SCHATTEN ÜBER DAVIDS KAMPF GEGEN GOLIATH

Es gibt wohl kaum jemanden in un­serem Kulturkreis, der die Geschichte von David und Goliath aus dem Alten Testament nicht kennt: die Ge­schichte von dem kleinen Hirtenjungen David, der mit seiner Steinschleuder den mächtigen Riesen Goliath besiegt. Die Geschichte ist quasi zur Re­dewendung geworden, um eine Situation zu beschreiben, in der ein Kleiner sich gegen einen Großen behauptet.

Die ursprüngliche Geschichte bedarf allerdings einer gründlicheren Klärung, die über das bloß Erzählerische und über deren verbreitete Inter­pre­tation hinausgeht. Der holländische Kulturhistoriker Jan Huizinga beschreibt in seinem Buch „Homo ludens“ die seit dem Alter­tum und bis ins Mittelalter hinein geltende ritualisierte Form eines Zweikampfes. Oft ersetzte dieser Zweikampf die große Schlacht zwischen zwei gegneri­schen Heeren, um eine Entscheidung ohne großes Blutvergießen herbeizuführen. Dieser Zweikampf war an feste Regeln gebunden: die Kämp­fer mussten einander ebenbürtig sein, d. h. entweder von edler Geburt oder selbst Truppenkommandeure, und als Waffen durften nur Nah­kampf­waffen verwendet werden, also Schwert oder Lanze. Fernwaffen, wie Pfeil, Speer oder Steinschleuder, waren streng verboten.

Die Merkmale von Davids und Goliaths Begegnung entsprechen durchaus den Rahmenbedingungen eines solchen archaischen Zweikampfes: Go­liaths herausfordernde Einladung zum Zweikampf, das demonstrative Aufzeigen seiner Nahkampfwaffen Schwert und Lanze – und schließ­lich seine spöttischen Bemerkungen über Davids Waffe, nämlich dessen Hirtenstab. Alle diese Merkmale zeigen Goliaths korrekte Verhaltens­weise, der jene Davids allerdings überhaupt nicht entsprach. Der holte nämlich die unter seinem Hirtenmantel verborgene Steinschleuder hervor, schwang sie einige Male um seinen Kopf, schleuderte dann den Stein aus ca. 100 m Entfernung in Richtung Goliath und traf den Riesen damit töd­lich. Davids Sieg beruhte also auf der totalen Missachtung der allgemein anerkannten Spielregeln eines archaischen Zweikampfes. Die Bibel erwähnt diesen Umstand nicht, obwohl die Ausgangslage durchaus den traditionellen Rahmenbedingungen entsprach.

Der Schatten über Davids Sieg begab sich auf die Wanderschaft und begleitete die Christenheit als große und lockende Versuchung im Verlaufe ihrer Geschichte. Was für David als Werkzeug seines Betrugs die Steinschleuder war, das war für die Vertreter der Christenheit der Umgang mit dem Kreuz Christi, dessen wahre Bedeutung im Laufe der Jahrhunderte von ihnen immer wieder verraten und mit Füßen getreten wurde.

Es begann alles mit Kaiser Konstantin dem Großen, der im Jahre 312 vor der Schlacht am Pons Milvius vor Rom auf den Helmen und Brust­panzern seiner Soldaten das Kreuzzeichen anbringen ließ, denn in der Nacht davor hatte er in einer Vision das Kreuz gesehen und dazu eine Stimme gehört: „Unter diesem Zeichen wirst du siegen“. Damit wurde aus dem Kreuz Christi, Symbol für Erlösung, Befreiung, Gnade und Näch­stenliebe, ein Vehikel der Wehrhaftigkeit und der Gewalt.

Ganz im Konstantinischen Sinn rückten im Jahre 1099 auch die Kreuzritter aus, töteten nach der Eroberung Jerusalems zuerst siebzigtausend Muslime und danach die restlichen in der Stadt lebenden Juden, bevor sie sich in die Grabeskirche begaben, um im „Te Deum“ Gottes Barm­her­zig­keit zu preisen.

In unseren Tagen ist in Deutschland eine heftige Diskussion entbrannt über die Frage, ob das alte aus den Flammen gerettete Kreuz die Spitze der wiedererrichteten Potsdamer Garnisonkirche schmücken solle oder nicht. Dieses Kreuz war nämlich noch im 18. Jahrhundert auf der Turm­spitze der früheren Kirche angebracht worden – als Dank an Gott für die siegreich geführten Kriege.

Wenn das sogenannte christliche Abendland – eine Bezeichnung, die von unseren Politikern nur allzu gern verwendet wird – heute mit den Be­grif­fen Nächstenliebe und Barmherzigkeit so unverfroren verfährt wie es das gegenwärtig tut, so kommt das einer Besudelung des Kreuzes Chri­sti sehr nahe ...

Vor kurzem hat der bedeutende österreichische Schriftsteller Christoph Ransmayr in seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Würth-Literaturpreises mit deutlichen Worten über Europas gewaltiges Sündenregister gesprochen. Europa ist reich geworden – so Ransmayr – durch die Ausbeutung der Schätze und Reichtümer Afrikas und durch den verbrecherischen jahrhundertelangen Sklavenhandel. Afrika ist arm gewor­den und auch geblieben, weil Europa reich geworden ist. Ein kleines Beispiel dazu nur am Rande: Voltaire, eine der Größen der europäischen Geistesgeschichte und Vater der Aufklärung, konnte sein Vermögen um mehr als eintausend Prozent steigern, weil er in Aktien des Sklaven­han­dels investiert hatte...

Voller Bitterkeit und Zorn konstatierte Ransmayr: „Europa! Herz der Finsternis! Was für eine betörende Utopie: ein Kontinent der friedlichen Völ­ker, ohne Grenzbalken und Kriege! Aber Europa hat die Rechnung für seine Raubzüge nie bezahlt. Und wer von uns will schon auf einen Teil des Luxus verzichten?“ (Der Standard, 30. 6. 2018)

Darum kann man den Schatten, der auf Davids Sieg über seinen Herausforderer Goliath liegt, nicht negieren, obwohl viele das sicher tun möch­ten, weil es in der Bibel nicht thematisiert wird. Das ändert an dem Faktum aber nichts. Der Missbrauch mit dem Kreuz, d. h. mit der Gnade Gottes und der Nächstenliebe, wird nur weiter schöngeredet und in goldene Worte gefasst, damit er verschleiert oder geleugnet werden kann. Nicht nur in Bayern wird über das Kreuz in Schulen und Amtsräumen als Kultur- und Identitätssymbol gesprochen, wo es doch in Wahrheit um dessen Verwandlung in ein Zeichen von Wehrhaftigkeit gegenüber „fremden“ Menschen und Kulturen geht...

Der Schatten auf Davids Sieg ist zweifellos ein Stolperstein, an dem wir uns anstoßen und zwar heilsam, damit wir endlich wahrnehmen, dass das Kreuz Christi, symbolhaft für die ganze christliche Botschaft, nicht zur Wehrhaftigkeit einlädt, sondern zur Praxis der Nächstenliebe, auch mit allen strukturellen Maßnahmen, die auf Gerechtigkeit und Solidarität für und mit allen Menschen hinauslaufen.

Es kommt darauf an, dass wir uns – im Sinne eines Gedichtes von Erich Fried – in die „Entwöhnung“ einüben, die uns von den Fesseln von Ge­walt, Menschenverachtung und Ichzentriertheit befreit, und dies nicht nur von ihren persönlichen sondern auch von ihren gesellschaftlichen, wirt­schaftlichen und politischen Strukturen, denn „Wenn ich mich auch nur an den Anfang gewöhne / fange ich an, mich an das Ende zu ge­wöhnen“ (Erich Fried).