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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 428/429                                       Mai/Juni 2019

 

 

 

„BISCHOFSWECHSEL“ BEI ÖSTERREICHS LUTHERANER

Michael Chalupka folgt Michael Bünker

Die Synode der Evangelischen Kirche A. B. in Österreich hat am 4. Mai Dr. Michael Chalupka zum neuen Bischof gewählt. Er erreichte im 12. Wahl­gang die notwendige Zweidrittelmehrheit der Delegiertenstimmen. Er wird sein Amt am 1. September antreten.

Michael Chalupka wurde 1960 in Graz geboren, studierte Theologie in Wien und Zürich, war Pfarrer in Mistelbach, steirischer Fachinspektor für Re­ligionsunterricht, von 1994 bis 2018 Direktor der evangelischen Hilfsorganisation Diakonie Österreich und ist seitdem Geschäftsführer der Dia­konie Bildung. Die zunehmende Säkularisierung und das Abdrängen von Glauben und Kirche ins Private hält Chalupkafür eine zentrale Her­ausforderung, vor der wir als Evangelische Kirche stehen.“ Chalupka bekräftigte, dass die Kirche zwar nicht parteipolitisch, aber auch nie­mals unpolitisch sein dürfe: „Das Evangelium Jesu wirkt immer in die Gesellschaft hinein, in die Welt hinein, und ist deshalb auch politisch."

Im Zusammenhang mit dem Karfreitag sprach der designierte Bischof von einem gestörten Vertrauensverhältnis zur Bundesregierung: „Es gab kei­ne richtigen Verhandlungen und keine Vereinbarung. Die Entscheidung hat uns sehr geschmerzt. Wie erwarten uns ein Zeichen, wie das Ver­trauen wieder hergestellt werden kann. Man sollte mit Ruhe und Zeit noch einmal reden und nicht über vier Prozent der Bevölkerung drü­ber­fahren“. Er hoffe aber immer noch auf ein Umdenken in der Regierung: „Ich will nicht daran glauben, dass die Bundesregierung den Ver­trau­ensverlust zwischen einer Kirche als wichtiger gesellschaftlicher Institution und der Regierung einfach hinnimmt“. Neben dem Karfreitag ist das wesentliche Thema, das uns alleauch die Bundesregierungbewegen muss, die Klimagerechtigkeit“, ergänzte Chalupka.

Chalupka hat in seiner 24jährigen Amtszeit als Diakonie-Direktor vor allem in den ThemenbereichenArmut“ und „Asylimmer wieder öffent­lich seine Stimme erhoben und dabei auch Kritik an den jeweiligen Regierungen geübt. Er war auch einer der Initiatoren der Österreichischen Ar­muts­konferenz, die seit 1995 besteht und der über 40 Sozialorganisationen angehören.

Chalupka schließt sowohl mit seinen inhaltlichen Schwerpunkten als auch mit seinen öffentlichen Auftreten direkt an seinen Vorgänger Bünker an, der in den letzten 12 Jahren das Profil der Evangelischen Kirche A. B. in der Öffentlichkeit entscheidend mitgeprägt hat.

Michael Bünker, geboren am 26. April 1954 im Pfarrhaus des evangelischen Pfarrers von Leoben, aufgewachsen in Kärnten, Theologiestudium in Wien (Promotion zum Doktor 1981), war ab 1981 Pfarrer in Wien-Floridsdorf, wurde 1991 mit der Leitung der Evangelischen Religionspäda­go­gischen Akademie betraut und 1998 in den Oberkirchenrat gewählt. Am 1. Juni 2007 wurde Bünker zum Bischof gewählt und trat sein Amt am 1. Jänner 2008 an. Außerdem war er von 2007 bis Herbst 2018 Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE).

Bünker erhielt im Juni 2017 in Salzburg als erster evangelischer Bischof in Österreich das Ehrendoktorat einer katholisch-theologischen Fa­kul­tät. Der Fundamentaltheologe Gregor Maria Hoff würdige Bünker alsaußerordentlichen Theologen“, der alsselbstbewusster evangelischer Christ seiner Kirche eine Stimme leiht, die in Österreich gehört wird, wenn es um den gesellschaftlichen Ort des Christentums in der Ge­sell­schaft geht“.

Zu den Höhepunkten der Amtszeit von Bischof Bünker gehörte das Reformationsjubiläum 2017, das u. a. mit einem großen Fest auf dem Wie­ner Rathausplatz sowie dem Reformationsempfang im Goldenen Saal des Musikvereins (mit Reden u. a. von Bundespräsident Van der Bellen und Kardinal Schönborn), aber auch mit zahlreichen Veranstaltungen in den Diözesen und Pfarrgemeinden begangen wurde.

Bischof Bünker ist es nicht zuletzt auch durch seine mediale Präsenz gelungen, dass die Evangelische Kirche in Österreich in der Öffentlichkeit we­sentlich stärker wahrgenommen wurde als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Aber auch über die Grenzen des Landes hinaus ist Bün­ker anerkannt und geschätztnicht zuletzt auch durch seine 11jährige Tätigkeit als Generalsekretär der Gemeinschaft Evangelischer Kir­chen in Europa, deren Sitz er nach Wien holte.

Zu den größten Belastungen seiner Amtszeit gehörten zwei Entscheidungen, die in den letzten Monaten gefallen sind. Es ging einerseits um die kirch­liche Haltung zur gleichgeschlechtlichen Ehe und andererseits um den Karfreitag. Das erste Thema war eine innerkirchliche Zerreißprobe zwi­schen Befürwortern und Gegnern der kirchlichen Anerkennung gleichgeschlechtlicher Eheschließungen. Bünker und andere versuchten, einen Kompromiss zu finden, der einerseits den Betroffenen gerecht wird, andererseits aber auch die Einheit der Kirche wahrt. Am 11. März 2019 beschloss die Synode, gleichgeschlechtlichen Paaren eine Segnung in einem öffentlichen Gottesdienst zu ermöglichen. Gleichzeitig hält sie aber am „Verständnis der Ehe als der auf lebenslange Treue angelegten Lebensgemeinschaft von Mann und Frau“ fest. Die gleich­ge­schlecht­li­che Ehe wird alseheanalogdefiniert. Bischof Bünker zeigte sich mit diesem Kompromisspersönlich zufrieden“.

Was den Karfreitag betrifft, so wollte Bünker diesen als Feiertag für alle. Auch wenn er wiederholt öffentlich klarstellte, dass er der von der Re­gie­rung getroffenen Regelung weder zugestimmt habe noch diese befürworte, wurde ihm dennoch, auch von Kirchenmitgliedern, vorgeworfen, er habe sich zu wenig für die Erhaltung dieses hohen kirchlichen Feiertages eingesetzt, zumal ja auch von Regierungsvertretern öffentlich be­haup­tet wurde, Bischof Bünker habe der Regelung mit dempersönlichen Feiertagzugestimmt. Insofern war die Karfreitagsdiskussion für Bün­ker sicherlich einer der bittersten Momente in seiner gesamten Amtszeit – und das ausgerechnet kurz vor deren Ende.

Abschließend möchte ich noch meine persönliche Wertschätzung für Michael Bünker zum Ausdruck bringen. Wir haben uns Ende Dezember 1978 beim 70. Geburtstag des von uns beiden verehrten deutschen Theologen Helmut Gollwitzer in Berlin kennengelernt. Seit den 1980er Jah­ren haben wir wiederholt in der Friedensbewegung zusammengearbeitet. Und in den letzten 16 Jahren hat sich diese Verbundenheit zu einer per­sönlichen Freundschaft entwickelt, wobei wir uns 4 bis 5­mal im Jahr im kleinenKreis (zu viert) zu einem ausführlichen Gedankenaustausch trafen. Ich bin froh, dass diese Freundschaft nicht mit seiner Amtszeit enden wird.

Adalbert Krims

 

Aktueller Kommentar

POLITIK UND MENSCHLICHKEIT

Von Adalbert Krims

Dass Politik im Dienste der Menschen stehen soll, ist eine Plattitüde, die von allen Politikern unterschrieben werden kann. Und ebenso wird es kaum einen Widerspruch geben, wenn man fordert, dass Politik „menschlich“ sein muss. Die Frage ist dann allerdings, was darunter konkret zu ver­stehen ist. Denn was ist „menschlich“? Es gibt ja auch die bekannte Redewendung: „Irren ist menschlich“. Bei Wikipedia findet man unter „mensch­lich“: „Alles, was Menschen zugehörig oder eigen ist“, also „jedes empirisch beobachtbare oder mögliche Verhalten von Menschen“. Wenn wir aber normalerweise von „Menschlichkeit“ sprechen, meinen wir eigentlich „das Gute im Menschen“. Wenn aber von etwas „allzu Mensch­lichem“ die Rede ist, dann ist damit eher die Unvollkommenheit oder auch Fehlerhaftigkeit gemeint.

Der Begriff ist jedenfalls ambivalent, denn sowohl Habsucht, Neid und Gier sind „menschlich“ wie auch Empathie, Hilfsbereitschaft und So­li­da­rität. Angst vor dem Fremden ist ebenso „menschlich“ wie Offenheit, aufeinander zugehen, voneinander lernen. Menschlich ist es zu lie­ben – aber auch hassen ist eine nicht seltene menschliche Eigenschaft.

Rechtspopulismus spaltet die Gesellschaft

Aufgabe der Politik ist es, menschliches Verhalten gesellschaftlich zu organisieren und friedliches Zusammenleben zu ermöglichen. Dazu gehört auch, mit Steuerungsmechanismen (Belohnung/Bestrafung) in das Verhalten der Menschen zueinander und gegenüber der Gesellschaft ein­zu­grei­fen. In Demokratien braucht die Politik dafür die Zustimmung von Mehrheiten. Der Rechtspopulismus versucht nun, Mehrheiten dadurch zu schaffen, dass er ganz bestimmte „menschliche Gefühle“ anspricht, verstärkt und sie gegen Minderheiten mobilisiert, wie eben z. B. Angst und Neid. Dazu werden Feindbilder bzw. Sündenböcke aufgebaut, denen man die Schuld an der als nicht zufriedenstellend empfundenen Situation zu­schieben kann. Der Rechtspopulismus sieht sich dabei selbst als „Sprachrohr der schweigenden Mehrheit“ bzw. des „einfachen Volkes“, das einer­seits von den „Eliten“ und andererseits von Zuwanderern, Arbeitsunwilligen und anderen „Schmarotzern“ bedroht ist. Er bietet einfache Lö­sungen für komplexe Probleme, wobei er „Sorgen und Ängste“ der Bevölkerung aufgreift und sie auf bestimmte Gruppen (Ausländer, „So­zial­schmarotzer“…) umlenkt. Durch das Gegeneinanderausspielen benachteiligter Gruppen wird das gesellschaftliche Klima vergiftet und die Ge­sellschaft gespalten. Während z. B. die Hinterfragung von Reichtum bzw. dessen faire Besteuerung als „Neiddebatte“ diffamiert wird, wird eine wirkliche Neiddebatte am unteren Ende der sozialen Pyramide inszeniert: da werden unter dem Motto „Arbeit muss sich lohnen“ oder „wer arbeitet, darf nicht der Dumme sein“ Niedriglohnbezieher gegen Mindestsicherungsbezieher ausgespielt, als ob ein Arbeitender dadurch auch nur einen Cent mehr bekommen würde, wenn die Mindestsicherung gekürzt wird. (Die Erhöhung der Mindestlöhne wird übrigens gerade von je­nen abgelehnt, die bezüglich Kürzung der Mindestsicherung mit „Arbeit muss sich lohnen“ argumentieren). Und kein Wehr- oder Zivildiener be­kommt deshalb mehr, wenn Asylwerber für gemeinnützige Tätigkeiten mit nur 1,50 Euro pro Stunde entlohnt werden.

Leider erleben wir derzeit nicht nur in Österreich eine Blütezeit des Rechtspopulismus, sondern in vielen europäischen Ländern. Fast überall ist es die Frage der Migration im allgemeinen und der „Islamisierung“ im besonderen, die solchen Bewegungen Zulauf beschert. Die Alternative wä­re, dass Politik nicht an den negativen Gefühlen von Men­schen ansetzt, sondern das „Menschliche“ im positiven Sinn stärkt – also Em­pa­thie, Hilfsbereitschaft und Solidarität. Statt die Menschen gegeneinander auszuspielen, Minderheiten auszugrenzen und die Gesellschaft zu spal­ten, könnte die Politik auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördern, soziale Gegensätze ausgleichen sowie Dialog und ein re­spekt­vol­les Mit­­einander unterstützen. D. h. statt negativen Instinkte der Menschen zu schüren und politisch auszunützen, könnten auch po­si­ti­ven Emotionen gefördert werden.

Neuseeland als Positivbeispiel

Ein gutes Beispiel dafür bot das Verhalten der neuseeländischen sozialdemokratischen Ministerpräsidentin Jacinda Ardern nach dem rechts­ex­tre­men Terroranschlag auf zwei Moscheen in Christchurch Mitte März. Sie reiste am Tag danach vom Regierungssitz in Wellington direkt ins Can­terbury Refugee Center, wo sie sich mit Repräsentanten der muslimischen Community traf. Bei ihrem emotionalen Auftritt brachte sie der musli­mischen Gemeinde die visuell deutlichste aller Respektsbekundungen entgegen: Sie trug ein schwarzes Kopftuch, während sie davon sprach, wie wichtig es ihr sei, dass Muslime in Neuseeland auch in Zukunft ohne Sorgen ihrem Glauben nachgehen können – in einem Land, das die meisten von ihnen „freiwillig als ihre Heimat gewählt haben“.

Einige Tage später eröffnete Jacinda Ardern die Trauersitzung des Parlaments mit dem islamischen Friedensgruß „Al salam Alaikum“. U. a. begründete sie, warum sie den Namen des Täters nie aussprechen wird: „Der Täter hat mit seinem Terrorakt mehrere Ziele verfolgt. Eines davon war, berühmt zu werden. Und das ist der Grund, warum Sie niemals seinen Namen aus meinem Mund hören werden. Er ist ein Terrorist. Er ist ein Verbrecher. Er ist ein Extremist. Aber er wird, wenn ich spreche, namenlos bleiben. Ich appelliere an Sie alle: Nennen Sie die Namen der Op­fer. Nicht den Namen jenes Mannes, der ihnen das Leben geraubt hat. Er wollte zur Legende werden. Aber wir in Neuseeland werden ihm nichts geben. Nicht einmal seinen Namen.Ardern wies auch auf die Rolle der sozialen Medien bei der Verbreitung von Hassbotschaften hin und kündigte diesbezügliche Initiativen ihrer Regierung – auch auf internationaler Ebene – an: „Wir können uns nicht zurücklehnen und ak­zep­tie­ren, dass diese Plattformen nur existieren und das, was auf ihnen gesagt wird, nicht in ihrer Verantwortung liegt – obwohl es dort ver­öf­fent­licht wird. Sie sind der Herausgeber. Nicht nur der Postbote. Es kann nicht sein, dass sie nur den Profit einstreichen, aber keine Haftung über­neh­men.

Zwei Wochen nach dem Anschlag sprach Ardern noch bei einer nationalen Trauerveranstaltung in Christchurch, die auch vom Fernsehen direkt übertragen wurde. Sie trat mit einem Umhang auf, wie ihn Neuseelands Maori-Ureinwohner benutzen, und sprach auch einige Sätze auf Ara­bisch. Den Muslimen dankte sie dafür, „im Angesicht von Hass und Gewalt ihre Türen für uns alle geöffnet zu haben, damit wir mit ihnen trau­ern können – obwohl sie jedes Recht gehabt hätten, ihre Wut auszudrücken“. Weiter sagte die Premierministerin: „Die Welt ist in einem Teufels­kreis aus Extremismus gefangen, der noch mehr Extremismus hervorbringt. Das muss enden. Wir können das nicht allein. Die Antwort liegt in un­serer Menschlichkeit.

Die französische Nachrichtenagentur AFP bewertete das Auftreten der neuseeländischen Ministerpräsidentin nach dem Terroranschlag so: „Mit einer Mischung aus Mitgefühl und Stärke hat Neuseelands Premierministerin Jacinda Ardern auf die Anschläge in Christchurch reagiert – und da­mit auch außerhalb ihres Landes viele Menschen bewegt. In den Krisentagen nach den Moschee-Attentaten gelang es der 38-Jährigen, den rich­tigen Ton zu treffen. Der rechtsextremistische Attentäter mag mit seiner Bluttat ein Zeichen des Hasses gesetzt haben, Ardern konterte mit einer Botschaft der Toleranz und des Respekts.

Botschaft von Papst Franziskus

Übrigens hat auch Papst Franziskus in seiner Botschaft zum Weltfriedenstag am 1. Jänner 2019, die unter dem Motto „Gute Politik steht im Dienste des Friedens“ darauf hingewiesen, dass „die Politik wirklich zu einer hervorragenden Form der Nächstenliebe werden“ könne. Aller­dings müsse sie auf folgenden Tugenden beruhen: „Gerechtigkeit, Gleichheit, gegenseitiger Respekt, Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Treue“. Vielerorts sei das politische Leben heute jedoch durch die „Laster der Politik“ bestimmt. Unter anderen nannte der Papst hier die Korruption und den „Hang zum Machterhalt“, aber auch „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“, Ignoranz gegenüber den ökologischen Problemen und „die Verachtung für die, die zu einem Leben in der Fremde gezwungen sind“. Nachdrücklich wandte sich die päpstliche Botschaft gegen die global wachsenden Tendenzen einer interessengeleiteten Selbstbezüglichkeit, die die globalen Herausforderungen und die Not vieler Menschen aus dem Blick verliere: „So leben wir momentan in einem Klima des Misstrauens, das in der Angst vor dem anderen oder Fremden, in der Angst vor dem Verlust der eigenen Vorteile wurzelt und sich leider auch auf politischer Ebene durch eine Haltung der Abschottung oder des Na­tionalismus manifestiert, die jene Brüderlichkeit in Frage stellen, die unsere globalisierte Welt so dringend braucht.“  Scharf kritisierte der Papst in diesem Zusammenhang Bestrebungen, Zuwanderer und gesellschaftlich Benachteiligte zu Sündenböcken für gesellschaftliche Probleme zu machen: „Nicht tragbar sind politische Diskurse, welche die Migranten aller Übel beschuldigen und den Armen die Hoffnung nehmen.

Gerade den selbsternannten Verteidigern des „christlichen Abendlandes“ wäre das Studium der päpstlichen Botschaft dringend zu empfehlen, zeigt sie doch die Perspektive einer Politik auf, die auf Nächstenliebe und Solidarität beruht sowie Hass und Spaltung überwindet. Dem Rechts­populismus ist es gelungen, Ängste und Sorgen der Menschen aufzugreifen, zu schüren und Sündenböcke dafür verantwortlich zu ma­chen. Lei­der hat sich gezeigt, dass man mit einer solchen Strategie der negativen Emotionalisierung Stimmen gewinnen, ja sogar Mehrheiten erreichen kann. Es muss aber doch auch möglich sein, Mitmenschlichkeit populär und letztlich mehrheitsfähig zu machen. Der im August 2016 ver­stor­be­ne ehemalige deutsche Bundespräsident und vormalige Außenminister und FDP-Vorsitzende Walter Scheel hat einmal formuliert: „Es kann nicht die Aufgabe eines Politikers sein, die öffentliche Meinung abzuklopfen und dann das Populäre zu tun. Aufgabe des Politikers ist es, das Rich­tige zu tun und es populär zu machen.“

 

Jussuf Windischer

ÖKUMENE UND ROMA

Das Waldhüttl

Ökumene kann auch heißen, dass Leute verschiedenster Konfessionen in einem gemeinsamen Haus leben und gemeinsam beten: im Waldhüttl bei Innsbruck.

Das Waldhüttl – eine Herberge

Seit November 2012 beherbergt das „Waldhüttl“ Menschen, die es im Leben nicht leicht hatten und haben. Dutzende von Heimatlosen, Armen, Ro­mas, Asylwerber u. a. fanden und finden im „Waldhüttl“ ein bisschen Heimat. Das „Waldhüttl“ ist ein großer Bauernhof mit angrenzendem Land für Gärten, Kleinvieh und anderes mehr. Es wurde vom Stift Wilten der Vinzenzgemeinschaft kostenlos zur Verfügung gestellt, um Ar­muts­migrantInnen eine bescheidene Herberge bieten zu können. Die BewohnerInnen arbeiten als Straßenzeitungsverkäufer, als Gele­gen­heits­ar­bei­ter, Musikanten oder auch Straßenkünstler.

Die Schutzheiligen der Roma

Die Vinzenzgemeinschaft wählte für diese Vinziherberge den Hl. Franziskus und die Hl. Sara zu Schutzpatronen.

Franziskus wurde zum Schutzpatron, weil das Bauernhaus zerfallen war. Die Roma hatten die Idee, das Haus wieder aufzubauen. Als der Hl. Fran­ziskus vor der zerfallenen Kirche San Damiano stand, hörte er die Stimme des Herrn: „Franceso, geh und baue meine Kirche wieder auf, die, wie du siehst, ganz zerfallen ist.“ Der Bauernhof war zerfallen, verwahrlost und unbewohnt. Die Roma waren bereit, die Kirche wieder auf­zu­­bauen. Das Kreuz von San Damiano und eine Ikone des Hl. Franziskus hängen in der Hochkapelle des Waldhüttls.

Die Hl Sara ist neben der Hl. Maria eine Schutzpatronin der Roma und Sinti.

Nach einer der zahlreichen Heiligenlegenden des Mittelalters soll Sara um das Jahr 40 mit den drei heiligen Frauen, Maria Magdalena, Maria Sa­lo­me und Maria des Kleophas per Schiff nach Südfrankreich gekommen sein, wo sie eine christliche Gemeinde gründeten und die Camargue und die Provence missionierten. Für den Lebensunterhalt der Gruppe soll Sara durch Betteln und Almosen gesorgt haben. Nach einer anderen Er­­zäh­lung soll Sara einer Gruppe Einheimischer angehört haben, die die Schiffbrüchigen rettete und sich später taufen ließ. Eine Ikone, auf ihr das Abbild der Sara von St. Marie de la Mer.

Das Waldhüttl ist eine Kirche. Kirche bedeutet in der Tradition der Befreiungstheologie u. a.: „Unterdrücktes, leidendes Volk Gottes, das um Be­­freiung kämpft.“ So wie das vom Pharao unterdrückte Volk mit Moses die Freiheit suchte, um das Überleben kämpfte, so suchen die miss­ach­teten, vertriebenen Roma nach dem Überleben. Sie suchten einen Platz zum Leben und fanden einen Platz im Waldhüttl. Kirche bedeutet zu­dem Gemeinde bzw. Gemeinschaft, die sich auf Jesus Christus beruft. Insofern steht Waldhüttl auch für eine lebendige, offenen Kirche bzw. Gemeinde.

Die Hochkapelle

Im Gemeinschaftshaus wurde von Beginn an eine sog. Hochkapelle eingerichtet. Die Vinzenzgemeinschaft erinnerte sich an das, was Jesus tat, be­vor er mit den Seinigen das Abendmahl teilte. Er ging in das Obergemach und wusch den Seinigen die Füße. Er versah symbolisch oder sakra­men­tal, aber wirklich, einen niederen Dienst und zeigte, was fortan Kirche sein sollte und muss: Dienst am Nächsten.

Eine Romnia und Nachbarn muslimischer Tradition regten an, im Gemeinschaftsraum, gleich neben der Hochkapelle, die Abbildungen einer Sure aus dem Koran, ein Abbild der Kaba anzubringen.

Ein Gebet für alle – eine ökumenische Liturgie

Jeden Samstag und auch an hohen Feiertagen (Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Todestage...) wird hier gebetet. Es ist immer ein ökumenisches Ge­bet, manchmal auch weltökumenisch. Die Anwesenden werden gebeten, ihrer Tradition treu zu bleiben und ihre Tradition ökumenisch zu tei­len. Auch Atheisten und Agnostiker sind willkommen, können sagen, warum sie da sind. Angehörige verschiedenster Religionen werden gebe­ten etwas von ihrer Tradition zu erzählen, wenn Muslime da sind, eventuell eine Sure aus dem Koran zu rezitieren. Anschließend werden die christ­lichen Traditionen gebeten, ihrer Tradition treu zu bleiben und sich in der Liturgie einzubringen. Meist sind Roma aus evangelischer, ka­tho­lischer und orthodoxer Tradition dabei, einige sind auch Angehörige von Pfingst- bzw. Freikirchen.

Bewohner fragen auch: „Wann ist heute Kirche?“ „Ist heute Kirche?“ Zur Liturgie ruft eine kleine Kirchenglocke. Die Leitung der Liturgie über­nimmt meist ein Mitglied der Vinzenzgemeinschaft. Nach der Begrüßung der TeilnehmerInnen, der Würdigung der teilnehmenden Konfes­sio­nen, spielen die Musiker, um uns zur Ruhe zu bringen, um uns in das Gebet zu führen. In einer vielsprachigen Gemeinde (ungarisch, slowa­kisch, rumänisch, bulgarisch, albanisch, BSK, englisch, spanisch, deutsch...) braucht es viel Musik. Musik verstehen alle. Manche Melodien der Ro­ma­musik erzählen von Sehnsucht, von Sehn­sucht nach Leben, Liebe und Gott.

Kyrie und Gloria

Meist rufen wir Gott an, ob mit dem Kyrie eleison, ob mit dem Gospodi pomilui oder auch mit einem Lied. Danach erzählen die, die wollen, was in letzter Zeit besonders gelungen ist, besonders schön war und ist, all das, wofür wir Gott loben und danken wollen.

„Heute wurde viel Holzarbeit gemacht, wir haben jetzt viel Holz zum Heizen“; „Die Mutterschafe haben in dieser Woche ihre Lämmer bekom­men, eines war schwach, es hat aber überlebt.“; „Habe Stall ausgemistet, jetzt ist er wieder sauber und schön...“; „Es blüht alles, die Vögle sin­gen schon alle“; „Wir sind gesund, Gott sei Dank“

Darum loben wir dann Gott, alle Völker, alle Konfessionen: „Laudate omnes gentes...“

Fürbitten

Wir dürfen auch klagen und bitten. Vieles ist daneben gegangen, manches schmerzt:

„Meine Kinder sind krank“; „Ich wurde heute von meinem Verkaufsplatz vertrieben und hab überhaupt nichts verdient“; „Es gibt Krieg und Streit...“. Nach jeder Bitte singen wir. Das „Lasset und beten: wir bitten dich, erhöre uns,....“

Wir gedenken auch der Toten. Bei jeder Liturgie fallt uns jemand ein, der gerade gestorben ist oder jemand, an den wir besonders denken, der schon in den Himmel vorausgegangen ist. Für die Verstorbenen wird das Lied gesungen, oft in der orthodoxen Liturgie verwendet: „Wetschna ja pamjat....“, so transkribiert, übersetzt: Ewiges Andenken, mit den Heiligen lass sie ruhen, oh Christus!“

Das Evangelium, die Frohbotschaft

Ob uns Christus trösten kann, ob uns Christus befreien kann? An­ge­hö­rige der Pfingstkirchen werden gebeten, ein Lied von Jesus zu singen, beim Refrain stimmen schon viele mit ein.

Das Evangelium, die Frohbotschaft wird angekündigt. Man versucht, ein zentrales Wort im Sinne einer kommunikativen Theologie zu sammeln: Was heißt in der jeweiligen Muttersprache: „Fürchtet euch nicht“ oder „Viel Volk war versammelt“ „Licht“ „Salz“... Die Leute rufen es in ihrer Spra­che in die Versammlung. Das Evangelium wird in 2, 3 Sprachen verlesen, es wird das Alleluja gesungen. In einfachen Worten versucht man dann, das Evangelium zu erklären, reduziert bzw. verdichtet auf die wesentliche Aussage, die immer eine Frohbotschaft ist. Wenn Jesus Wun­der tut, wenn er Brot vermehrt, Wein verwandelt, wenn Jesus einen guten Fischfang veranlasst... interpretieren die Teilnehmenden sofort: „Er küm­mert sich um Leute, die Hunger haben“ oder „Er möchte, dass wir uns freuen, dass wir Leben haben.“ Von der Gemeinde hören wir oft und immer wieder die zentralen Aussagen der Frohbotschaft. Die Musik der Geige, der Gitarre oder auch der Ziehharmonika hilft uns dann beim Nachdenken, beim Meditieren.

Natürlich feiern wir Weihnachten von der Hl. Nacht bis zu Epiphanie (Dreikönig bzw. Taufe des Herrn). Der Christbaum, eine große (!) Krippe mit dem Jesuskind mit den echten Schafen und Eseln in der Nähe darf nicht fehlen. Zu Weihnacht sitzen wir meist um das Feuer, singen „Stille Nacht“ in allen Sprachen und erfreuen uns an gegrillten Würsteln, Wein, Saft und Weihnachtskeksen.

Zu Ostern, auch da feiern wir Tod und Auferstehung. In der Liturgie wird viel ganz einfach verdichtet: es ist das Plätschern von Wasser, die Er­in­nerungen an die Taufe und ein tiefes Schweigen... dann das Entzünden der Osterkerze, das Licht und wieder tiefes Schweigen. Im Schweigen liegt wohl auch ein Exultet, auch wenn es nicht explizit ausgesprochen, gesungen werden kann... Danach essen wir meist das gegrillte Lamm­fleisch und sind oft sehr glücklich und fröhlich.

Der Hymnus

Manchmal singen wir noch den Akastisthos, den Christushymnus, auch wenn wir dazu nicht aufstehen. „Sei gegrüßt, Herr Jesus, der einer der Unsrigen wird... Du gehst dem Verlorenen nach...“. Die Leute kuscheln sich in der Hochkapelle zusammen, sitzen im Gemeinschafts­raum, man­che ganz nah, manche eher im Hintergrund, jeder kann und darf sich seinen Platz suchen. Die Leute können auch zu spät kommen oder auch früher gehen. Die meisten bleiben.

Vater unser

Das Vaterunser wird zuerst und nacheinander in der jeweiligen Muttersprache gebetet. Es ist doch das Gebet, das alle Christen vereint, das Ge­bet, das uns die Großväter, meist die Großmütter, gelehrt haben. Einige haben das muttersprachliche Vater unser schon vergessen... wir ler­nen wie­der zu beten. Abschließend beten wir ganz langsam, Zeile für Zeile das Vater­unser auf Deutsch. Der Vorbeter betet vor, die Leute beten lang­sam nach. Schön, wenn das Vater unser langsam und bewusst und feierlich gebetet wird. Das Amen singen alle, ziemlich leise, dann die Män­ner, dann die Frauen, dann die Kinder, dann alle gemeinsam.

Der Segen der Ökumene

Zum Segensgebet bitten wir die älteste Teilnehmerin oder den ältesten Teilnehmer: Gott will, dass wir uns segnen, dass wir seinen Segen, sein Wohl­wollen weitergeben.

Ökumene ist lebbar, wenn verschiedene Traditionen, verschiedene Konfessionen in einem Hause, in einer offenen Kirche, einem ehemaligen zer­fallenen Bauernhaus, gemeinsam wohnen und auch beten.

„Respekt und Interesse“ lautet die Hausordnung. Respekt voreinander ist unabdingbare Voraussetzung, auch der Respekt vor verschiedenen Tra­ditionen. Dazu kommt das Interesse aneinander. Wie denkt der Agnostiker? Könnte er auch ein verdrehtes Gottesbild reinigen (2.Gebot)? Koreanische Besucherinnen erinnerten uns an die Wichtigkeit der Ahnen und hinterließen in der Kapelle ein Gebet. Was tragen die Muslime bei …...wenn sie die Sure vom barmherzigen Gott rezitieren? Mit welcher Mystik nähern sich die Orthodoxen Gott, mit welchen Ikonen, mit wel­chen Gesängen? Wie besingen die Pfingstkirchen Jesus und erzählen auch vom Hl. Geist, oftmals mit vielem Alleluja?

Die Vinzenzgemeinschaft orientiert sich an den Leuten, die arm sind, die eine Unterkunft suchen, die Hunger und Durst haben. Viele Mit­ar­bei­ter­Innen der Innsbrucker Vinzenzgemeinschaft sind katholisch, auch der Autor. Wenn es uns gelingt, zu vermitteln, dass Leute einen Platz auf un­serer Erde finden, wo sie willkommen sind, dann soll es auch die Kirche sein, die Kirche der Armen.

Zugegeben, nach der „göttlichen Liturgie“ des Waldhüttls gibt es viel zum Nachdenken und Meditieren. Es ist der Vorabend zum Sonntag. Es ist Sonntag.

Manchmal feiere ich noch Litur­gie in der großen Jesuitenkirche von Innsbruck. Ich genieße auch die Feierlichkeiten, die Musik, die Perfektion der Lektoren, Kantoren und Prediger, das Hochgebet in all seiner theologischen und gläubigen Entfaltung, die Eucharistie... im Herzen bleibt aber auch die Sehnsucht nach einer oft hilflosen, stotternden, unvollkommenen Liturgie, nach der ökumenischen Liturgie im Waldhüttl vom Vor­abend. Sie hat lange gedauert: wir teilten Brot, tranken Wein, Besucher brachten Wurst, Aufstrich und Käse, jemand kochte ein heiße Nudel­sup­pe für die Kinder... wir erzählten uns viel, wir lachten und freuten uns des Lebens.

Dr. Josef (Jussuf) Windischer, geboren am 12. 8. 1947 in Innsbruck, Studium der katholischen Theologie in Innsbruck, Deutschland und Frankreich. Religionslehrer, Lei­ter mehrerer Sozialprojekte in Tirol (darunter Jugendzentrum „Z 6“, „Teestube“ für Obdachlose, Notschlafstelle, Integrationshaus), Entwicklungshilfeeinsätze in Zim­babwe und Brasilien, Gefängnis- und Ausländerseelsorger in Tirol, Generalsekretär von Pax Christi Österreich (2011 – 16), seit 2012 Obmann der Vinzenz­gemein­schaft in Tirol sowie Gründer und Leiter des „Waldhüttl“. Jussuf Windischer ist auch AKC-Vorstandsmitglied.

Internet: www.waldhuettl.at