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aus:

 

KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 426/427                                    März/April 2019

 

 

 

DER KARFREITAG

Historische Hintergründe einer „österreichischen Lösung“

Von Adalbert Krims

In Österreich war der Karfreitag von 1952 bis 2018 für Mitglieder der Evangelischen Kirche A. und H.B., der Evangelisch-Methodistischen Kir­che sowie der Altkatholischen Kirche (ab 1953) bezahlter Feiertag. Dies wurde am 3. April 1952 zwischen der Bundeskammer der Ge­werblichen Wirt­schaft und dem Österreichischen Gewerkschaftsbund in einem Generalkollektivvertrag vereinbart, der 1953 auch auf das Versöhnungsfest (Jom Kippur) als Feiertag für die Juden ausgedehnt wurde. Diese Karfreitagsregelung wurde am 16. November 1955 dann auch gesetzlich ver­an­kert.

Der Oberkirchenrat der Evangelischen Kirche hat seit 1945 im Rahmen der Neuordnung der Feiertage wiederholt die Bitte geäußert, den Refor­ma­tionstag und den Karfreitag zu gesetzlichen Feiertagen für die Angehörigen der Evangelischen Kirche beider Bekenntnisse zu erklären. Dies wur­de aber – nicht zuletzt unter Hinweis auf die wirtschaftliche Belastung durch zusätzliche Feiertage – abgelehnt. Zu Beginn der 2. Republik gab es 10 gesetzlich Feiertage, von denen zwei „säkular“ (Neujahr, 1. Mai), drei „katholisch“ (Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt und Allerhei­li­gen) sowie fünf „allgemein christlich“ (die Doppelfeiertage zu Ostern, Pfingsten und Weihnachten sowie Christi Himmelfahrt) waren. Als 1949 der Dreikönigstag (6. Jänner) als neuer, zusätzlicher Feiertag beschlossen wurde, stellte die sozialistische Fraktion im Nationalrat den Antrag, dass auch der Karfreitag ein allgemeiner Feiertag werden solle. Der SPÖ-Abgeordnete Karl Spielbüchler begründete das in seiner Rede so: „Wir So­zialisten begrüßen es, wenn der Mehrheit durch Einbeziehung des 6. Jänner, also des Dreikönigstages, ein berechtigter Wunsch erfüllt wird. Wir sind aber der Meinung, daß auf diesem Gebiete so lange keine endgültige Befriedigung geschaffen wird, bis nicht auch den Protestanten ihr größ­ter Feiertag, der Karfreitag, als gesetzlicher Ruhetag anerkannt wird. Dieser Wunsch der Protestanten ist, wenn sie auch eine Minderheit sind, wohl genauso berechtigt wie der Wunsch der Mehrheit, denn auch hier geht es um Glaubens- und Gewissensfragen. Wir vertreten grund­sätz­lich die Einstellung, daß die Demokratie gerade in Glaubens- und Gewissensfragen tolerant sein und an der Gleichberechtigung der Staats­bür­ger vor dem Gesetze festhalten muß.“ Spielbüchler wies auch darauf hin, dass der Karfreitag ja auch für Katholiken ein sehr be­deu­tender Tag sei.

Für die ÖVP antwortete der aus der Christlichen Gewerkschaft kommende Abgeordnete Franz Prinke, dass in der ganzen Welt nur Feiertage der Mehr­heitsreligion staatliche Feiertage seien. Statt dessen bot er an, den Karfreitag in alle Kollektivverträge als bezahlten Feiertag für die Prote­stan­ten einzubauen. Er appellierte an die SPÖ, ihren Antrag zurückzuziehen und sagte dann wörtlich: „Wir verpflichten uns, die Feiertage der Pro­testanten in den Kollektivverträgen zu verankern. Der SPÖ-Abgeordnete Bruno Pittermann begrüßte diese Ankündigung, fügte aber hinzu: „Ich hoffe, daß es Kollegen Prinke gelingen wird, dieses Versprechen durchzusetzen, denn wir sind nicht Kollektivvertragspartei, weder Sie von der Volkspartei noch wIr von der Sozialistischen Partei. Wir beide können den im Kollektivvertragsgesetz zugelassenen Parteien nicht vor­schrei­ben, was sie in den Kollektivverträgen als Entlohnung stipulieren.“ Darauf nahm der ÖVP-Abgeordnete Julius Raab – damals auch Prä­si­dent der Bundeswirtschaftskammer   Bezug: „Wir sind jederzeit bereit, namens der Wirtschaft kollektivvertragsmäßig festzulegen, daß für die prote­stan­­tischen Arbeitnehmer dieser Tag noch als besoldeter Feiertag gilt.“

Während also die gesetzliche Verankerung des Karfreitags damals am Widerstand der ÖVP scheiterte, führte die Regelung durch Kol­lek­tiv­ver­trä­ge 1952 zum Abschluss eines für alle Branchen geltenden Generalkollektivvertrags, in dem „die Freistellung der der evangelischen Religions­ge­mein­schaft angehörigen Arbeitnehmer von der Arbeitsleistung am Karfreitag gegen Fortzahlung des Entgeltes“ festgeschrieben wurde (wobei das „Begehren“ an den Arbeitgeber spätestens 1 Woche vorher zu richten ist!). Diese Regelung wurde ein Jahr später auch auf die Altkatholiken ausgeweitet.

Als die ÖVP 1955 im Parlament einen Initiativantrag zur Wiedereinführung des von den Nazis abgeschafften Feiertages Mariä Empfängnis (8. De­zem­ber) einbrachte, nützte die SPÖ die Situation, um einen erneuten Vorstoß für die gesetzliche Verankerung des Karfreitags zu unter­neh­men. Allerdings sollte dieser Feiertag nicht für alle gelten, sondern analog zum Generalkollektivvertrag nur für Angehörige der Evangelischen Kir­che A. und H.B., der Evangelisch-Methodistischen sowie der Altkatholischen Kirche. Da die ÖVP auch bezüglich der Wiederinkraftsetzung des Konkordats mit dem Vatikan auf die SPÖ angewiesen war, stimmte sie diesmal der Novelle zum Feiertagsruhegesetz zu. Im Bericht des So­zial­ausschusses vom 16. 11. 1955 wurde der Antrag u. a. so begründet: „Nach den wenigen Nachrichten, die wir besitzen, ist der Karfreitag von den Tagen der frühesten Christenheit an im Gemeindeleben beachtet worden. Seinen eigenen Wert empfing er erst in den Kirchen der Refo­r­ma­tion. Während der Karfreitag in der römisch-katholischen Kirche bis heute nicht als Feiertag gilt – Werktagsarbeit ist an ihm nicht verboten –, gilt er in den evangelischen Kirchen neben den drei hohen kirchlichen Festen, die zweitägig begangen werden, als höchster Feiertag. In einer Rei­he evangelischer Landeskirchen wird er zugleich als Buß- und Bettag gefeiert. In zahlreichen evangelischen Ländern ist er ein gesetzlicher, al­so staatlich geschützter Feiertag, In der evangelischen Kirche Österreichs ist der Karfreitag von den Tagen der Reformation an als kirchlicher Fest­tag begangen worden. In den meisten Gemeinden ist es heute noch ungebrochene gute Überlieferung, am Karfreitag zum Abendmahle zu ge­hen, sodaß immer noch der Karfreitag die höchsten Ziffern von Abendmahlbesuchen aufweist. Die Bemühungen der evangelischen Kirche in Öster­reich, den Karfreitag als Feiertag zugesprochen zu erhalten, sind auch schon alt. Als nach dem Zusammenbruch 1945 die damalige pro­vi­so­rische Bundesregierung von der evangelischen Kirche eine Stellungnahme zu verschiedenen Fragen erbat, wurde damals unter anderem der Wunsch schriftlich vorgelegt, den Karfreitag als Feiertag zu erklären.“ Die Novelle zum Feiertagsruhegesetz wurde übrigens vom Nationalrat einstimmig beschlossen, womit der freie Karfreitag für die evangelischen und altkatholischen Christen nicht nur kollektivvertraglich, sondern auch gesetzlich abgesichert war.

Karl Spielbüchler, der schon 1949 mit Pittermann die gesetzliche Verankerung des Karfreitags beantragte, war damals Bürgermeister von Gosau im Dachsteingebiet, das zu fast drei Vierteln aus evangelischen Christen besteht und in der Gegenreformation ein Rückzugsgebiet der Prote­stan­ten war und dann unter Joseph II. zu den ersten „Toleranzgemeinden“ gehörte. Er war Forstarbeiter und als sozialdemokratischer Funktionär wäh­rend des Austrofaschismus zwischen 1934 und 1938 mehrmals in Haft. Spielbüchler begründete den Antrag, den Karfreitag zum Feiertag zu er­klären, auch mit der jahrhundertelangen Diskriminierung der Protestanten (vor allem der Verfolgung während der Gegenreformation) bis in die jüng­ste Vergangenheit (Austrofaschismus). Die gesetzliche Verankerung des hohen protestantischen Feiertages sei auch eine Art Wieder­gut­ma­chung des österreichischen Staates gegenüber der evangelischen Minderheit. D. h. dass die nun vom Europäischen Gerichtshof festgestellte „Un­gleich­behandlung“ von den Initiatoren ursprünglich bewusst als „positive Diskriminierung“ gedacht war, ein Aspekt, der offenbar als Begrün­dung gegenüber dem EuGH zu wenig oder gar nicht vorgebracht wurde. Ungleichbehandlungen sind nämlich nach EU-Recht nicht grundsätzlich ver­bo­ten, sondern nur dann, wenn sie nicht oder nicht ausreichend sachlich gerechtfertigt sind.

Eigentlich begann es recht harmlos: Ein Angestellter einer Wiener Detektei (ohne religiöses Bekenntnis) arbeitete wie sein evangelischer Kollege am Karfreitag. Da aber der Kollege Feiertagszuschlag bekam und er nicht, klagte er seinen Dienstgeber auf Zahlung von 109 Euro (brutto). Die Ar­beiterkammer gewährte Rechtsschutz. In erster Instanz wurde die Klage abgewiesen, in zweiter bekam der Kläger recht. Der Arbeitgeber berief – und so kam die Angelegenheit vor den Obersten Gerichtshof. Im März 2017 leitete der OGH die Causa an den EuGH weiter, da seiner Mei­nung nach EU-Recht berührt sei. Der Europäische Gerichtshof urteilte Ende Jänner 2019, dass die österreichische Karfreitags-Lösung diskri­mi­nie­rend sei – und folgte damit der Empfehlung des Generalanwalts vom 8. August 2018. Die österreichische Rechtslage könne weder mit der Be­ru­fung auf Wahrung der Rechte und Freiheiten anderer noch als Ausgleich von Benachteiligungen wegen der Religion gerechtfertigt werden. So­lan­ge Österreich seine Rechtsvorschriften zur Wiederherstellung der Gleichbehandlung nicht ändere, sei ein privater Arbeitgeber verpflichtet, auch seinen anderen Arbeitnehmern das Recht auf einen Feiertag am Karfreitag zu gewähren, urteilten die EU-Richter.

Die Arbeiterkammer feierte das Urteil als großen Sieg, denn sie habe dadurch den „freien Karfreitag für alle“ erkämpft. Allerdings war bald klar, dass es sich dabei um einen Pyrrhussieg handelte, denn die Regierung führte noch rasch Gesetzesänderungen durch, die das verhinderten. Ob­wohl der für Kultusfragen zuständige Kanzleramtsminister Gernot Blümel öffentlich versprach, dass „niemandem etwas weggenommen“ werde, bastelte die Regierung eilig an „Lösungen“, die „der Wirtschaft keine zusätzlichen Belastungen aufbürden“. Nachdem der ursprüngliche Plan, den Feiertag erst um 14 Uhr beginnen zu lassen, praktisch von allen Seiten kritisiert wurde und außerdem zahlreiche Rechtsprobleme aufge­wor­fen hätte, entschied man sich zu einem „persönlichen Feiertag für alle“, der allerdings im Rahmen des bestehenden Urlaubskontingent genom­men werden muss. Damit wurde der Karfreitag als gesetzlicher Feiertag abgeschafft. Hätte die Regierung gar nichts unternommen, wäre der Kar­frei­tag hingegen automatisch zum bezahlten Feiertag für alle geworden, was nicht nur der Wunsch der Kirchen, sondern auch der Arbei­t­neh­mer­orga­nisationen gewesen wäre, aber von der Wirtschaft und der Regierung von Anfang an ausgeschlossen wurde. „Kompromisslösungen“ (wie der Tausch von Feiertagen – z. B. Pfingstmontag – oder ein zusätzlicher Urlaubstag für den „persönlichen Feiertag“) wurden von der Regierung eben­­falls nicht in Erwägung gezogen.

Das Ergebnis der von der Arbeiterkammer unterstützten Klage war schließlich, dass ein einzelner Arbeitnehmer Recht bekam – da aber das EuGH-Urteil nicht rückwirkend gilt, wird er wohl den Feiertagszuschlag aus dem Jahr 2015 in Höhe von 109 Euro brutto doch nicht erhalten. Der Preis dafür war allerdings, dass in Österreich eine vor allem von der Sozialdemokratie erkämpfte Karfreitagsregelung, die bewusst zugunsten histo­risch benachteiligter Minderheitskirchen gestaltet war, mit Hilfe der AK gekippt wurde und schon ab diesem Jahr der Karfreitag normaler Ar­beitstag für alle ist. Nun ist der Feiertag ganz weg, dafür aber ganz diskriminierungsfrei!

Allerdings kann man nicht (wie es Teile der Regierung tun) der Arbeiterkammer den „Schwarzen Peter“ an der Abschaffung des Karfreitags zu­schie­ben, denn die Verantwortung für das neue Gesetz tragen die beiden Regierungsparteien. Das brachte auch der Chefredakteur der (katholi­schen) „Kleinen Zeitung“, Hubert Patterer, in seinem Leitartikel vom 3. März 2019 zum Ausdruck: „Jetzt hat die Regierung diesen Gedanken (Anm.: gemeint ist die „Wiedergutmachung“ für die jahrhundertelange Diskriminierung der Protestanten) auf brachiale Weise ins Gegenteil ver­kehrt: Sie hebt eine behauptete Diskriminierung (der Mehrheit) auf und schafft eine tatsächliche, die vorrangig die Minderheit trifft. Sie pri­va­ti­siert den Karfreitag, reißt ihm das religiös-spirituelle Gewand herunter und lädt die Geschädigten ein, sich ihren Feiertag über das Urlaubs­kon­to selbst zu begleichen. Und dann ruft man der Minderheit auch noch öffentlich ins Bewusstsein, eine Vier-Prozent-Minderheit zu sein, also eine in der Logik politischer Opportunität zu vernachlässigende Größe.

 

Jussuf Windischer:

DIE GESCHICHTE DER GENERATION „68ER“ IN TIROL

Zum Film: „MK - Wohnzimmer einer Generation“

(Regie und Buch: Marc Brugger)

Der Kinosaal in Innsbruck war überfüllt. Publikum: 65+. Eine Generation setzt sich mit den damaligen Jugenderlebnissen auseinander, dis­ku­tiert, was damals passierte. Sicherlich ein beispielhaftes Tiroler Lokalevent.

In den frühen Siebziger-Jahren, ein paar Jahre nach 1968, vollzog sich in Innsbruck eine durchwegs historische Wende: diese Wende hat ihre Nach­­spiel bis heute. Eine konservative Machtallianz von Kirche und Politik trieb auf ihren Höhepunkt zu. Eine jugendliche Generation wur­de vor den Kopf gestoßen. In diesen Jahren (1973) wurde P. Sigmund Kripp SJ als Leiter der MK (Marianische Kongregation) des damals größten Ju­gend­­zentrums Europas abgesetzt. Das sog. John-F.-Kennedy-Haus hatte in seiner Blütezeit über 1000 Gymnasiasten als Mitglieder. Gleich da­nach wurde auch das Jugendzentrum Z6 zugesperrt, die Schlösser wurden vom bischöflichen Bauamt ausgetauscht. Es war ein kirchliches Ju­gend­zentrum. Der Initiator war der katholische Jugendpfarrer Meinrad Schumacher, zum Zeitpunkt der Schließung und in der Folge dann vom Ver­fasser (Jussuf Windischer) geleitet, damals das größte Arbeiterjugendzentrum Österreichs, welches zur Blütezeit 750 Mitglieder hatte.

Es war Bischof Paulus Rusch, der die Absetzung von Kripp und auch die Schließung des Jugendzentrums Z6 veranlasste. Eine Generation wur­de vor den Kopf gestoßen. Ein brüchiges Vertrauen zerbrach, eine ganze Generation wurde auch der Amtskirche entfremdet. Es ist die Genera­tion, die in Innsbruck und auch in Tirol in der Folge maßgeblich die Politik, Beamtenschaft, Kultur, Wissenschaft und auch die soziale Gesell­schaft gestaltete. Es war auch die Generation, die in Elternvereinen, Gewerkschaften, politisch konformen und auch kritischen Bewegungen sich ak­tiv entfaltete. Viele 68er beschritten einen braven, bürgerlichen und auch konservativen Weg, einige 68er beschritten innovative Wege. Sie wur­den Universitätsprofessoren, Gymnasiallehrer, Ärzte, Richter, Rechtsanwälte, Beamte, viele waren sehr engagiert, die Mehrheit durchaus kon­­ser­vativ, andere wurden Mitglieder des Zentralkomitees der KP, SPÖ, Grüne, Gewerkschafter, Revolutionäre, SozialarbeiterInnen, einige durch­wegs nicht systemkonform.

Zurück zu einem Ausgangspunkt: ein Versuch, als Zeitzeuge Konflikt und Widerstand zu kom­men­tieren.

Widersprüchliche Auffassungen bezüglich des pädagogischen Konzeptes (Schwerpunkt Partnerschaft und Sexualität) und des Verständnisses von Kirche, Sakramenten und Moral waren der Grund, Kripp abzusetzen. Die Jugend von damals protestierte auch gegen Autorität und über­kom­mene Verhaltensvorschriften, beanspruchte Freiheiten, ohne sich auf irgendeine „linke“ Position festzulegen. Einige schielten eher nach Ame­rika, eigentlich USA, es war ja immerhin das John-F.-Kennedy-Haus – bei der Einweihung mit US Fahne geziert. Wegen ersterem (Kripp und Autoritätskritik) intervenierte Bischof Rusch mit Erfolg beim Orden der Jesuiten und in Rom.

Parallel dazu kam es in Tirol auch zum Konflikt mit dem Jugendzentrum Z6. Eine persönliche Erinnerung: schon bei der diözesanen Anstellung wurden mir vom Bischof u. a. Schlüsselfragen gestellt. Eine Frage betraf die politische Einstellung, wobei Bischof Rusch dem Sturz Allendes und der Machtergreifung Pinochets positiv gegenüberstand, welcher Auffassung der Autor widersprach. Von Rusch wurde der Kommunismus als Gefahr für Chile gesehen, auch eine Gefahr für Österreich. Eine weitere Frage betraf die Einstellung zum vorehelichen Geschlechtsverkehr. In dieser Schlüsselfrage versuchte ich zu differenzieren. Ich wurde mit Vorbehalt angestellt.

Konflikte ergaben sich auf Grund des Zielpublikums des Jugendzentrums Z6: berufstätige Jugend, Jugendliche mit Problemen incl. Rand­grup­pen (Rocker, beginnende Drogenszene). Bischof Rusch plädierte klar für eine elitäre Jugendarbeit, das Z6 stellte sich eindeutig in den Dienst der ar­­beitenden Jugend (14+) und auch von sog. Problemjugendlichen (z. B. Rocker, beginnende Drogenszene u. a. m.) welche in der Gesellschaft, in Kirche, in den Pfarren ein Stiefkinddasein fristete und in wenigen Organisationen Zugang fand. In einem Einkehrtag für das Leitungsteam des Ju­gendzentrums, an dem der Bischof referierte – brachte der Bischof einseitig seine Positionen ein und ließ sich auf keinen Dialog ein. Wir sol­len darüber nachdenken. Punkt.

Am Höhepunkt der Krise, die sich zeitgleich mit der MK-Krise abwickelte, befasste sich das Leitungsteam des Z6 mit Sigmund Kripps Buch „Ab­schied von Morgen“ (Düsseldorf 1973). In einem Schreiben an das Provinzkonsulat der Gesellschaft Jesu, Bischof Rusch und das Erzieher­team des Kennedy-Hauses setzen wir uns mit den Inhalten des Buches auseinander – in differenzierter Kritik und Akzeptanz. Abschließend cit. wörtlich:

 Sollte man dieses Buch zum An­lass nehmen, P. Kripp die Leitung des Kennedy-Hauses zu entziehen, so wäre das unserer Meinung nach wirk­lich ein Abschied von morgen. Wir denken, dass eine gewaltsame Entfernung von P. Kripp alle entmutigen muss, die sich der Jugend an­neh­men. Eine solche Aktion würde der Kirche die letzten Sympathien der Jugend rauben. Sie würde Eltern und Jugend vor den Kopf stoßen. Sie wäre wirklich ein Abschied von morgen. Sicher ist es notwendig, mit P. Kripp sein theologisches Konzept zu besprechen. Man muss auch be­denken, dass er – ein Charismatiker der Diakonie – sicherlich in seinem Team Ergänzung findet.“ Innsbruck., am 15. 11. 1973 gezeichnet vom Leitungsteam des Z6 (6 Personen).

Auch der Konflikt mit dem Leitungsteam des Jugendzentrums Z6 eskalierte. Ohne weitere Vorankündigung wurde das Z6 im Sommer in Ab­we­sen­heit (urlaubsbedingt) des Leitungsteams geschlossen, die Schlösser wurden ausgetauscht. Noch im Herbst wurde der Verein zur Förderung des Z6 gegründet. Team und Jugendliche mieteten ein großes Kellerareal an und bauten es selbständig aus..

Was steckt hinter dem Konflikt, was wird verharmlost, was verherrlicht, was wird übertrieben und was wird verklärt. Ich kommentiere als be­trof­fener Zeitzeuge. Schwerpunkt ist der Konflikt von Paulus Rusch mit der damaligen Jugendarbeit, dann auch die Folgen für das Verhältnis von Gesellschaft und Kirche – viele negative, aber auch ein paar positive Auswirkungen.

Die MK als Wohnzimmer. Ein wunderbarer Film mit Aussagen der Proponenten, die spontan, offen und ehrlich auf den Betrachter wirken. Kripp, für viele noch immer Pater Kripp – in aller Frische, wie immer, mit einer gewissen Fröhlichkeit und Lebensfreude: ein Mann der vielen und so auch mir die Zuversicht gab: „Du kannst es, mach´s ganz einfach.“ Der Film spiegelt die Erinnerungen, manchmal auch durchwegs nostalgischer Natur, einer Kerngruppe von Mk-lern wieder. Die Zentralaussage der Interviewten: Dankbarkeit.

Ich selber kam in der 3. Klasse Gymnasium in die MK. Filme und Sommerlager interessierten mich. Ein Mitschüler nahm mich einfach mit. Ich war gleich begeistert, weil ich willkommen war, weil mir die verpflichtende Teilnahme an Gruppenstunde, Freitagsmesse, Ministrantendiensten (es gab über 60 Ministranten), im weiteren auch an Einkehrtagen und Sommerlagern, entsprach und behagte. Ich wollte aktives und ver­bind­li­ches Mitglied sein, und ging in der MK aus und ein. Der ehemalige Leiter P. Grimmeisen freute sich über meine Teilnahme. Neuer Schwung kam mit Pater Kripp SJ, der nach pädagogischer Ausbildung und Einsatz in den USA nach Innsbruck kam. Pater Kripp und die Fratres waren Auto­ritäten und meist im schwarzen Priestergewand oder auch Klerikerkragen (Kollare).

Kripp stärkte Selbstvertrauen, so auch das meine. Mich überraschte seine Anfrage, ob ich Gruppenleiter werden wolle. Es hieß: „Du schaffst es.“ Ich kümmerte mich um durchschnittlich 12 – 20 jüngere Gymna­si­asten, gestaltete Gruppenstunden, auch mit ernsteren Themen, Wett­be­wer­ben, Sportfesten, Ausflügen und Sommerlagern. Es war auch P. Kripp, der mich mit der Frage überraschte, ob ich Missionshelfer in Afrika sein möchte, der mit mir auch die Erwägungen besprach, Jesuit zu werden. Ich entschloss mich dann aber für die Missionare von Afrika (5 Jah­re). „Mach´s ganz einfach“: Leiter Bungalowdorf, Bauleiter in Wolfsthurn, Fahrer bei etlichen Sommerfahrten nach Holland, Frankreich, Spanien... Jugendarbeit wurde und war mir vertraut. Die MK war die beste pädagogische Grundschule für mich als Theologen. Nach 5-jährigem Le­ben in der Gesellschaft der Missionare von Afrika entschied ich mich dafür, nicht Priester zu werden, aber einen engagierten Weg in der Kir­che, in der Diakonie fortzusetzen. Mit diesem Hintergrund wagte ich auch eine Mitarbeit in der Stadtjugendseelsorge, Schwerpunkt Arbeiter und Kel­ler­kinder.

Die Stadtjugendseelsorge baute in den 70ger Jahren durchwegs mit Verstärkung aus erfahrenen MitarbeiterInnen aus der MK ein großes Ju­gend­zen­trum auf. Manche Strukturen waren ähnlich: Gruppenstunden, Sektionen, Arbeitskreise. Viele Projekte waren inspiriert von MK Erfahrun­gen: ein Bauernhof am Achensee, Sommerfahrten, u. v. m.

Religiös war der Ansatz des Z6 ein besonderer. Alle religiösen Angebote waren im Z6 freiwillig: es gab die gut besuchte Stadtjugendmesse mit 200 und mehr TeilnehmerInnen; es gab liturgische Arbeitskreise, Glaubenskurse, den Arbeitskreis Evangelium, es gab Einkehrtage und soziale Ein­sätze. Das Evangelium, die Bergpredigt, war und blieb noch einige Jahre der Kern des Jugendzentrums. Kern war das Evangelium, nicht mehr die kirchliche Organisation. Knapp vor der Schließung des Jugendzentrums Z6 wandten sich noch dutzende demonstrierende Jugendliche an die Diözesansynode mit dem Anliegen, die Errichtung eines großes kirchlichen Jugendzentrums zu ermöglichen (Scheuchenstulsche Stif­tung). Im Jugendzentrum waren vornehmlich Arbeiter, Arbeiterinnen auch Angehörige von sog. Randgruppen wie Rocker und Drogenszene.

Während die MK nur den Leiter wechselte und auch bis heute weiterbesteht, wurde aus dem kirchlichem Jugendzentrum Z6 ein ziviler Verein, un­terstützt von Spendern, Land Tirol, Stadt Innsbruck und (in viel geringerem Ausmaß) sogar von der Diözese. Das Z6 wurde zum Stiefkind. Noch 4 bis 5 Jahre war der AK Evangelium mit einem Pastoralassistenten engagiert und aktiv. In der Folge entfremdete sich das Z6 immer mehr der Kirche, strich dann auch noch das Evangelium und den Bezug zur Kirche aus Konzept und Statuten. Die meisten ehemaligen Mitglieder des Z6-Leitungsteams blieben trotz der Verletzung in der Kirche engagiert: als Priester, als Pädagogen, Sozialarbeiter, Entwicklungshelfer u. a. m. Vie­le Mitglieder des Z6 engagierten sich weiterhin in der Kirche oder in kirchlichen bzw. kirchennahen Bewegungen (Basisgemeinden, Caritas, Pfar­ren u.a.m.).

Kirchenferne charakterisierte aber viele vor den Kopf gestoßene Z6-ler, charakterisierte auch die inzwischen erwachsenen MK-ler. Viele traten aus der Kirche aus und haben mit der Kirche nichts mehr am Hut, so wie es Kripp im Interview in der Dokumentation formuliert. Humanismus wurde zum Leitbild: „andere nicht ausbeuten, anderen helfen“, dazu brauche es weder den Glauben, noch den Aberglauben, am allerwenigsten Kir­che bzw. das gesetzliche doppelbödige Korsett der Kirche.

Rückblickend: damals, in der hochgefahrenen Diskussion um P. Kripp und Bischof Rusch wurde sehr wohl über Kirche, Struktur und Autorität diskutiert. Es ging u a. um den Konflikt zwischen zwei sehr geschätzten, aber auch autoritären Persönlichkeiten. Es wurde in der MK kaum mehr über den Glauben, das Evangelium und die Botschaft von Jesus Christus diskutiert. Die nach dem 2. Vatikanischen Konzil entstehende Be­freiungstheologie war in der MK kein Thema

Das Z6-Leitungsteam besuchte das von Kripp aufgebaute Jugend­zen­trum in Felbach: wir waren überrascht und erfreut. Wir trafen im Zentrum Arbeiter, Migrantinnen, auch „wilde“ Jugendliche – die Jugendlichen waren dem Z6-Publikum ganz ähnlich. Es war ganz anders als die Inns­brucker MK. Nach Kripps Entlassung aus dem Jesuitenorden, ich war noch leitend im Jugendzentrum Z6 und voll bei der Arbeit, erreichte mich ein Telefonat. Kripp meinte: „Jussuf, komm ganz einfach nach Fellbach, übernimm das Jugendzentrum, hier hast du keine Finan­zie­rungs­pro­ble­me, hier bekommst du eine Wohnung. Komm ganz einfach!“ Eine würdige und für ihn typische Ein­ladung, hat mich auch gefreut. Ich sagte aber ab, ich war voll mit den Aufbauarbeiten und der Rettung des neuen Jugendzentrums Z6 beschäftigt.

Ein paar Jahre später lud Kripp eine Gruppe von Alt-Mklern/ Alt Z6lern mit Erfahrungen in der sog. Entwicklungshilfe bzw. Solidaritätsarbeit (Me­xiko, Karibik, Brasilien, Nicaragua) ein, für und mit ihm und seinen StudentInnen eine Seminarwoche in Terlago zu gestalten. Kripp fand sich mit dem „sozialistischen“ (im weiten Sinne) Hintergrund der ReferentInnen zurecht und entschied sich, selber nach Nicaragua zu gehen.

Zusammenfassend

* die MK Pädagogik war viele Jahre durchwegs konservativ und autoritär

* Humanismus war Leitbild, dazu gehörte aber auch die gehobene Klassenzugehörigkeit

* misstrauisch war Kripp allen autoritären Systemen gegenüber, vor allem was Nationalsozialismus betraf, dann vor allem was Sozialismus bzw. Kom­munismus betraf (die Linke durfte sich in der MK nicht treffen; zurückkehrende Missionshelfer mit sozialistischem Gedankengut wurden von ihm nicht mehr verstanden...)

* P. Kripp änderte seine Positionen im Laufe der Jahre, was Religion und Kirche betraf, Kirchenkritik und Religionskritik verschärfte sich, Glau­benspositionen und Bergpredigt wurden anfänglich vornehmlich bei den vierzehntägig stattfindenden sog. „Kirchlichen“ – einer Abend­an­dacht, bei Einkehrtagen und Exerzitien thematisiert, dann nicht mehr.

* P. Kripp änderte sein Positionen, was partnerschaftliche Erziehung, Sexualerziehung u. ä. betraf, früher eher konservativ, später befreiend.

* P. Kripp änderte seine Positionen, was die Kritik am kapitalistischen System betraf. Die MK blühte in der Zeit des Kalten Krieges: die MK war westlich und am „sozialen Kapitalismus“ orientiert, später verstärkte Kripp seine Kapitalismuskritik, ohne sich einer anderen Ideologie (z. B. San­dinismus o. ä.) zu verschreiben

Begegnungen veränderten Kripp und auch uns. Viele 68er und auch ich konnten viel Gelerntes, Positives, Erfahrenes in Gesellschaft, Kirche und Caritas einbringen. Die Basis dazu, ein gesundes mutiges Selbstvertrauen, wurde in der MK erfahren und gelernt, ohne in Verbitterung mit der Kirche zu verfallen, im Gegenteil: es half, sich in Kirche auch kritisch zu engagieren und auch den Glauben an einen gutmeinenden, barm­her­zigen Gott zu vertiefen. Es brauchte auch einen Ausbruch aus dem Wohnzimmer. Was bleibt, ist Dankbarkeit.

Dr. Jussuf Windischer, geb. 1947, ist katholischer Theologe in Innsbruck. Theologiestudium in Trier, Strasbourg, Innsbruck. Religionslehrer BMS. Soziale Dienste in Zimbabwe, Brasilien (IIZ), Innsbruck (Jugendzentrum Z6, Obdachlose/home­less people, Mentlvilla – Notschlafstelle für schwer drogenkranke Personen. Ge­fäng­nis­seel­sorge, 12 Jahre Leiter des Caritas Integrationshauses). Dozent Sozialakademie Innsbruck. Von 2011 bis 2016 Generalsekretär von Pax Christi Österreich. Seit 2012 Ob­mann der Vinzenzgemeinschaft „Waldhüttl“. Windischer ist auch Vorstandsmitglied der AKC.

 

Josef Pampalk:

MISSION MENSCHENRECHTE

Potentiale und Etappen eines Lebensweges

„Wir Pilger können zu Recht in alle Himmelsrichtungen gewandt beten, soweit wir nur schon in der Kaaba angekommen sind ...“ stellte der 1857 verstorbene iranische Dichter Foroughi Bastami fest, nachdem er jahrelang seine Gebete in Richtung der Kaaba in Mekka verrichtet hatte. Dies war keine bloße Frage einer rituell vorgeschriebenen geographischen Ausrichtung, sondern einer tieferen Einsicht im Laufe der Jahre.

Von unserem Geschichtsprofessor am Gymnasium hatte ich ein Bewusstsein mitbekommen, wie Ideologien und Strukturen geschichtlich ent­stan­den und relativ sind, sowie von der Treue zu sich selber und zu seinem Lebensweg, der von einmaligen geschichtlichen Ereignissen mit­ge­stal­tet wird.

In der Nazi- und Nachkriegszeit war ich noch zu unerfahren, aber hatte von meiner Mutter, einer Mostviertler Bäuerin, Zivilcourage gelernt. Nach der Matura ging ich ins Priesterseminar St. Pölten, erhielt dort zwar Lebensimpulse vom Neutestamentler Stöger, aber der Horizont war mir zu eng. Nach drei Jahren wechselte ich zu den Afrikamissionaren. Zusätzliche Jahre Theologiestudium zuerst in Karthago in Tunesien und dann in Brüssel setzten mich jener Umwälzung aus, die ich für die folgenden Herausforde­rungen benötigte: nämlich die Befreiungskämpfe ge­gen den Kolonialismus und die weltweite Reformbewegung des II. Vatikanischen Konzils.

Ich hatte mich für die Mission in Mosambik entschieden, wo die anachronistische Patronats-Kirche Portugals mit dem Salazar-Regime kollabo­rier­te. Und das Staatssekretariat des Vatikans zog es vor, ein paar Privilegien durch den Staat zu erhalten und dafür zu schweigen zu den tagtäg­li­chen Verletzungen der Menschenrechte wovon wir Zeugen wurden. Gewiss waren in der innerkirchlichen Krise auch tolle Initiativen möglich, ich gründete 1967 ein Ausbildungszentren für Laien als Gemeindeleiter. Aber Konflikte waren unvermeidlich, 1971 kündigten die Afrika­mis­sio­nare die Zusammenarbeit mit diesen Bischöfen. Über Nacht wurden wir durch Portugals Geheimpolizei und Kolonialregierung aus ihrer Ko­lo­nie ausgewiesen. Im benachbarten Tansania wollte Präsident Julius Nyerere, ein

überzeugter Katholik und Sozialreformer, ein neues Entwicklungsmodell, genannt Ujamaa, für alle Einwohner einleiten. Dieses wurde aber da­mals im Kalten Krieg vom Westen, wie von der einheimischen Hierarchie als kommunistisch verdächtigt und sabotiert! Als einziger von 25 tan­sa­nischen Bischöfen war Christopher Mwoleka für dieses Modell, der darin ein Zeichen der Urgemeinde sah (Apg. 4) und sich selber eine Lehm­­hütte in einem Ujamaa-Dorf baute. Er nahm mich in seine Diözese Rulenge auf und ich baute mir ebenfalls eine Hütte, sowie später in einem anderen Dorf eine für Missionsschwestern aus den USA, denn in Tansania waren Klerus und Frauenorden gegen ihr Ujamaa-Gespenst. Aber während jenseits der Grenze, in Ruanda und Burundi, Hass und Genozid wüteten, arbeiteten in diesen Dörfern die verschiedenen Ethnien und Religionen echt konstruktiv zusammen.

1975 errangen Mosambiks Befreiungskämpfer die Unabhängigkeit. Die portugiesische Hierarchie verließ fluchtartig das Land. Der Vatikan tausch­te aber nur ihre Hautfarbe aus, schwarze statt weiße, und meinte, dass sonst alles beim alten status quo bliebe. 400 Jahre Conquista-Mission hinderten die katholische Kirche, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich einem gründlichen Wandel zu stellen. Obwohl die neue Regierung die Grenzen für Missionare geschlossen hatte, schaffte ich die Einreise, das machte mich bei manchen eines Kompromisses mit dem atheistischen Regime verdächtig. Als Idea­list arbeitete ich über ein Jahr in einem neuen Gemeinschaftsdorf bei Inhaminga, Ort kolonialer Massaker, und harrte auf einen Neuanfang der Kirche, der nicht kam.

1977 suchte ich um „Laisierung“ an und heiratete. Mary und ich, als „Entwicklungshelfer“ vom IIZ sozialversichert, wechselten auf einen sehr harten Arbeitsplatz im unterbesetzten Unterrichtsministerium. Das endete mit einem Herzproblem. Ich musste zwei Jahre pausieren, in denen ich in Wien Haus­meister spielte – „Jugo raus“ schrieb mir jemand an die Hauswand – und auf der Afrikanistik ein Doktorat machte. Danach kehr­ten wir sofort nach Afrika zurück.

Der Osten hatte die Befreiungsbewegungen unterstützt und der Westen auf weiße Verbündete im Südlichen Afrika gesetzt. Das verzweifelt um sein Überleben kämpfende Apartheid-Regime in Südafrika destabilisierte seine Nachbarstaaten. Mosambiks revolutionäre Machthaber machten ih­rer­­seits Fehler, gingen allzu hart gegen Dissidenten und Gläubige vor, was zu Widerstandsbewegungen führte, die ihrerseits instrumentalisiert wur­den. Ein langer Bürgerkrieg verursachte vier Millionen Flüchtlinge und eine Million Tote. Jetzt wurden gezielt jene abgeknallt, die die junge Re­publik noch am Funktionieren erhielten. Morgens außer Haus zu gehen, ohne zu wissen, ob es abends wieder ein Heimkommen geben wür­de, das war sinnlos mit drei kleinen Kindern und veranlasste uns 1985, 'vorübergehend' nach Österreich zu übersiedeln.

Auf der bisherigen Pilgerschaft, hatte ich ein halbes Dutzend europäische Sprachen gelernt und ebenso viele afrikanische; doch in Wien erlebte ich den stärksten Kulturschock meines Lebens. Ich hatte ja zu sehen gelernt, wie Fakten auf den Kopf gestellt und so projiziert werden in ideo­lo­gischen camaras obscuras. Ein 'Schwarzer' (Direktor für politische Bildung) sagte mir beim Vorstellen: „Die Jahre, die du mit Revolutionären gearbeitet hast, kann ich dir nicht anrechnen“. Jahre später sagte ein „Roter“ (Direktor für EZA): „Die Jahre, die du bei der Kirche gearbeitet hast, kann ich dir nicht anrechnen!“ Ein Freund meinte dazu: Mensch ärgere dich nicht, du kannst bei Null neu anfangen – oder deine Augen noch weiter öffnend in der Kaaba ankommen!

„Wer bin ich wirklich?“ Dieselbe entscheidende Frage stellt sich stets erneut. Zuletzt beschimpfte mich jemand als Antisemiten – weil ich einen Be­richt aus Gaza anhörte; zuvor erlaubte mir die US-Einwanderungsbehörde nicht, einen sterbenden Schwager zu besuchen – weil sie mich we­gen einer Studienreise in den Iran als Terroristen ansah. Camera-Obscura-Leute agieren immer aggressiver und globaler. Aber mein greifbarstes Er­folgserlebnis hatte ich als UN-Wahlbeobachter in Südafrika am 27. 4. 1994. Das Ende des Apartheid-Regimes dort bedeutet mir die un­be­sieg­ba­re Zuversicht: Rassismus hat nirgends eine Zukunft! Und 2018 hat die französische Regierung am 70. Jahrestag der Erklärung der Men­schen­rechte ihren Menschenrechtspreis an zwei NGOs verliehen, B'Tselem aus Israel und Al-Haq aus Palästina, die verleumdet und ver­folgt werden – nur weil sie sich für Menschenrechte einsetzen.

Das erinnert mich an eine ähnliche Erfahrung vor der Apostolischen Nuntiatur in Bratislava: Wir wollten tausende Unterschriften aus 39 Län­dern zur Unterstützung des 2012 zu Unrecht abgesetzten Erzbischofs von Trnava abgeben; ihre Eisentore blieben uns verschlossen! Wie kann eine Kirche Menschenrechte nach innen verletzen und nach außen glaubwürdig vertreten? Die Prozesse echten Ankommens sind vielfältig und schwer in Kürze zu beschreiben, aber real. Alle unsere Lebenswege kennen solche kleinere, mittlere und gewaltige 'Transzendenz-Erfahrungen'. Diese stoßen zwar an Blockaden, sind jedoch einmalige Chancen. Sie zu verstehen verhelfen engagierte Freunde.

Nach der Wende im Ostblock gelang es uns Förderungen der EZA Österreichs wie der EU für zivilgesellschaftliche Kapazitätsbildung im Südli­chen Afrika zu kanalisieren. Auch als Pensionisten ohne EZA-Mittel werden wir eingeladen: 2017 in Mosambik zum Jubiläum des Bildungs­zen­trums, 2018 in Südafrika zur internationalen Konferenz der Menschenrechts-NGO „Women in Black“. Die reziproke Solidarität ist ungebrochen und trägt weiter! Dass wir dieses Engagement im Alter nicht aufgeben müssen, verdanken wir unserer vorläufig 13-köpfigen Familie. Wir Groß­el­tern unterstützen einander mehr denn je und betreuen unsere Enkelkinder mit mehr Zeit und Achtsamkeit, als wir arbeitsbedingt für unsere eige­nen Kinder hatten. Zutiefst dankbar, resignieren wir nie, auch wenn wir nicht wissen können, wie trotz allem der „Adressat der Kaaba“ in un­serer verrückten Welt am Wirken ist.

Was hilft zu Einsicht? Durch die Augen der Opfer sehen – anstatt durch die Augen der Täter und Lobbyisten; einsehen wie die eigene Mensch­lich­keit aufs Spiel gesetzt wird durch jede Form von Rassismus und Wegschauen; sich fragen, wo wir trotzdem lebendig sind und wie wir einan­der an der Weggabelung beistehen: Lebendigkeit oder – Verlust der Betroffenheit von Ungerechtigkeit?

Dr. Josef Pampalk, geboren 1937 und aufgewachsen im Mostviertel, Gymnasium in Seitenstetten.

Studium: Philosophie, Theologie, Afrika- und Politikwissenschaften (1956 - 59 Seminar in St. Pölten, 1959 - 62 bei den Afrikamissionaren Noviziat bei Münster, Theologie 1960 - 62 Carthago, 1962 - 63 Mours bei Paris, 1963 Lissabon, 1966 - 67 Lumen Vitae in Brüssel; 1980 - 82 Wien)

 Afrikaeinsätze (samt Erlernen der jeweiligen Sprachen und Kulturen):1963 - 66 Missionsstationen am Sambesifluss in Mosambik; 1967 - 71 Gründung und Leitung Pa­­storalzentrum Nazaré bei Beira; 1971 - 75 nach Landesverweis durch Kolonialmacht Portugal Ujamaa-Mitarbeit in der Diözese Rulenge, Tansania; 1975 - 77 nach Un­­abhängigkeit Mosambiks, Rückkehr, Mitarbeit in Gemeinschaftsdorf Nyaminga; 1977 Ausscheiden aus dem Priesterberuf und Heirat. 1977 - 80 Arbeit im Un­ter­richtsministerium in Maputo (Lehrpläne/bücher für Geschichtsfach); 1982 - 85 Arbeit im Staatssekretariat für Kultur in Maputo (Ausbildung von Verantwortlichen für nationales Kulturerbe).

Rückkehr nach Österreich Februar 1985 mit 3 kleinen Kindern; 1986 - 91 Österreichisches Institut für Politische Bildung, Mattersburg; 1992 - 99 Öster­reihisches Nord-Süd-Institut, Wien, EZA mit Post-Apartheid Südliches Afrika.

„Ruhestand“: ab 2000 bis heute aktiv in weltweiten (inkl. Palästina) Menschenrechts-, Solidaritäts- und Glaubensreform-Bewegungen.

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels „Mission Menschnerechte“ im Forum Europahaus Burgenland, „weltgewissen“ Nr. 33 (2019).