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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 474/475                           Jänner/Februar 2024

 

 

 

Leonardo Boff:

 

EMPÖRUNG UND MUT ALS SCHWESTERN DER HOFFNUNG

 

Bilanz und Ausblick zum Jahreswechsel

 

Im Jahr 2023 haben sich Ereignisse zugetragen, die uns verfolgen und zum Nachdenken zwingen: In Brasilien ein gescheiterter Putschversuch und zwei erschreckende Extremereignisse: große Überschwemmungen im Süden und verheerende Dürren im Norden, gefolgt von riesigen Bränden.

Auf internationaler Ebene die Verlängerung des Krieges zwischen Russland und der Ukraine, der Terroranschlag der Hamas-Militärfraktion im Ga­za­streifen, der eine sehr gewaltsame Gegenreaktion der rechtsextremen israelischen Regierung und ihrer Verbündeten gegen die gesamte Bevöl­ke­rung des Gazastreifens mit völkermörderischer Tendenz ausgelöst hat, und vor allem die uneingeschränkte Unterstützung des katholischen US-Prä­sidenten Joe Biden.

Eine Tatsache, die keinesfalls gar übersehen werden darf, ist die „Erderschöpfung“ („Earth Overshoot“), die von der UNO für 2. August 2023 erklärt wur­de. Mit anderen Worten, alle natürlichen Güter und Dienstleistungen, die die Erde für den Fortbestand des Lebens bereitstellt, haben ihr Limit erreicht. Wir brauchen mehr als anderthalb Erden, um den menschlichen Verbrauch zu decken, insbesondere den der reichen, konsumorientierten Länder. Seit sie existiert, reagiert die Erde auf ihre eige­ne Art und Weise, indem sie uns immer mehr Viruskrankheiten und Extremereignisse schickt und sich immer mehr aufheizt. Letzteres hat unvorhersehbare Folgen, denn wir haben den kritischen Punkt überschritten. Das Jahr 2023 war das wärmste seit Tausenden von Jahren. Wissenschaft und Technik können uns nur helfen, die schädlichen Folgen zu begrenzen und zu minimieren, aber sie können sie nicht mehr vermeiden. Für diesen Klimawandel sind die Industrie- und Konsumländer verantwortlich und in einem nur sehr ge­ringen Ausmaß die große arme Mehrheit der Welt. Er ist daher ein ernstes ethisches Problem. Es besteht auch die Gefahr eines Nuklearkonflikts, denn die USA werden nicht aufgeben, der einzige Machtpol zu sein, der alle Gebiete der Erde kontrolliert, und sie werden die Multipolarität nicht ak­zeptieren. Sollte es zu einem solchen allgemeinen Atomkrieg kommen, wäre dies das Ende der menschlichen Spezies und eines großen Teils der Bio­sphäre. Einige Analysten glauben, dass er unvermeidlich sein wird; wir wissen nicht, wann und wie er stattfinden wird, aber die Voraussetzungen sind bereits gegeben.

Es ist auch wichtig zu erkennen, dass wir uns auf dem Höhepunkt der Krise befinden, was die Art und Weise betrifft, wie wir den Planeten bewohnen (und ihn zerstören) und wie wir die Gesellschaften organisieren, in denen unmenschliche Ungerechtigkeiten herrschen. Papst Franziskus hat uns mehr­fach gewarnt: Wir müssen uns ändern, sonst wird niemand gerettet, weil wir alle im selben Boot sitzen.

Diese düsteren Szenarien haben viele Menschen auf der Welt zur Verzweiflung gebracht und ihnen das Scheitern der menschlichen Spezies vor Augen geführt, insbesondere den völligen Zusammenbruch des ethischen und humanistischen Empfindens, das es uns erlaubt, in aller Öffentlichkeit und vor den Augen aller die Ausrottung eines Volkes im Gazastreifen zu beobachten, insbesondere die Ermordung Tausender von Kindern unter dem ununterbrochenen Bombardement der israelischen Kriegsstreitkräfte.

Nicht wenige Menschen fragen sich: Haben wir es noch verdient, auf der Erde zu leben, wenn wir sie systematisch dezimieren und ihre menschlichen Söh­ne und Töchter sowie die Organismen der Natur, die uns erhalten, skrupellos vergewaltigen? Oder ist dies nicht der Vorbote unseres Endes als Spezies? Es lohnt sich, daran zu denken, dass wir in die letzten Momente des langen Evolutionsprozesses eingetreten sind, der mit großer Aggression aus­gestattet ist. Sind wir angetreten, um unsere Welt auf tragische Weise zu zerstören?

In diesem Zusammenhang verstummen die großen Utopien. Die moderne Vernunft hat sich als irrational erwiesen, indem sie das Prinzip der Selbst­be­schreibung eingeführt hat. Die Religionen selbst, natürliche Sinnquellen, sind an der Krise unseres zivilisatorischen Paradigmas beteiligt, und in vielen von ihnen herrscht ein gewalttätiger Fundamentalismus vor.

Woran soll man sich festhalten? Der menschliche Geist lehnt das Absurde ab und ist immer auf der Suche nach einem Sinn, der das Leben lebens­wer­ter macht. Die Hoffnung ist wie ein Baum: Sie biegt sich, aber sie bricht nicht. Wie uns die Anthropologie gezeigt hat, ist die Hoffnung mehr als nur eine Tugend neben anderen. Unabhängig von Raum und historischer Zeit stellt sie jenen inneren Motor dar, der uns ständig Träume von besseren Tagen, realisierbaren Utopien und noch nicht beschrittenen Wegen projizieren lässt, die einen Ausweg in eine andere Art von Welt bedeuten könnten.

Augustinus, dem größten intellektuellen und christlichen Genie des Abendlandes, einem Afrikaner aus dem 5. Jahrhundert der christlichen Zeit­rech­nung, wird folgende Aussage zugeschrieben, die uns möglicherweise ermutigen könnte:

Jeder Mensch ist von drei Tugenden erfüllt: Glaube, Liebe und Hoffnung. Der weise Mann sagt: Wenn wir den Glauben verlieren, sterben wir nicht. Wenn wir in der Liebe versagen, können wir immer einen anderen finden. Was wir nicht tun dürfen, ist die Hoffnung zu verlieren. Denn die Al­ter­native zur Hoffnung ist der Selbstmord, weil das Leben absolut keinen Sinn hat.

Aber die Hoffnung hat zwei schöne Schwestern: Empörung und Mut. Durch die Empörung lehnen wir alles ab, was uns schlecht und abwegig er­scheint. Durch den Mut setzen wir unsere ganze Kraft ein, um das Schlechte in das Gute und das Negative in das Positive zu verwandeln.

Wir haben keine andere Wahl, als uns in diese beiden schönen Schwestern der Hoffnung zu verlieben: uns zu empören und diese Art von Welt, die Mutter Erde, der gesamten Menschheit und der Natur so viel Leid auferlegt, entschieden abzulehnen. Wenn wir sie schon nicht überwinden können, so sollten wir ihr wenigstens widerstehen und ihre Unmenschlichkeit entlarven. Und den Mut haben, neue We­ge zu beschreiten, zu leiden, damit et­was Neues und Alternatives entstehen kann.

Quelle: leonardoboff.org, 3. 1. 24

Leonardo Boff, geboren am 14. De­zem­ber 1938 in Concordia im brasilianischen Bun­des­staat Santa Catarina als Sohn Südtiroler Ein­wan­derer, ist Theo­lo­ge, Philo­soph, Schriftsteller, Profes­sor und Mit­be­gründer der internationalen Initia­ti­ve „Erdcharta“. Er gehört zu den wich­tigsten Befrei­ungstheologen Lateinamerikas.

Zu seinen neueren Büchern gehören: „Befreit die Erde! Eine Theologie für die Schöpfung“, Stuttgart 2015. „Wie man sich um das Gemeinsame Haus kümmert“, Petropolis/Rio 2018. „Das Stöhnen der Erde. Geburtswehen einer neuen Welt“, Berlin 2022. „Universale Geschwisterlichkeit: Gesellschaftsordnung der Zukunft“, Münsterschwarzach 2022.

 

 

50 JAHRE „GRENZEN DES WACHSTUMS“

Von Richard Langthaler

Die Klimaänderung dürften mittlerweile die meisten Menschen – auch Politiker und Wirtschaftsbosse – bemerkt haben. Allerdings waren die Fakten schon vor über 50 Jahren bekannt – nur haben sie Politik und Wirtschaft nicht ernstgenommen.

1972 wurde „Grenzen des Wachstums“ – ein Bericht an den Club of Rome – veröffentlicht. 5 Tendenzen mit globaler Wirkung wurden mit einem com­putergestützten Weltmodell untersucht: Industrialisierung, Bevölkerungswachstum, Unterernährung, Ausbeutung von Rohstoffreserven und Zer­störung von Lebensraum.

Die Schlussfolgerungen des Berichts waren, wenn die Zunahme von Weltbevölkerung, Umweltverschmutzung, Industrialisierung und Rohstoff-Verbrauch sowie die Verknappung der Nahrungsmittelproduktion anhalten, werden in den nächsten 100 Jahren die absoluten Wachstumsgrenzen auf der Erde erreicht sein. Es wurden auch Möglichkeiten aufgezeigt, das exponentielle Wirtschaftswachstum einzubremsen und einen ökologischen und wirtschaftlichen Gleichgewichtszustand zu erreichen. Aber nur technische Lösungen (grünes Wirtschaftswachstum, Geburtenkontrolle, Re­duk­tion des Rohstoffverbrauchs und der Schadstoffe) werden nicht ausreichen, um die entsprechenden Kipppunkte zu vermeiden.

2004 ergab ein 30-Jahre Update, dass durch Weiterführen des „business as usual“ in den meisten Szenarien ein Überschreiten der Wachstumsgren­zen und ein möglicher Kollaps ab 2030 zu erwarten sei. Auch bei energischem Umsetzen von Umweltschutz- und Effizienzstandards kann diese Ten­denz oft nur abgemildert, aber nicht mehr verhindert werden. Erst die Simulation einer überaus ambitionierten Mischung aus Einschränkung des Konsums, Kon­trolle des Bevölkerungswachstums, Reduktion des Schadstoffausstoßes und zahlreichen weiteren Maßnahmen ergibt eine nachhaltige Gesell­schaft bei knapp 8 Mrd. Menschen.

2014/16 (40-Jahre Update) wurden die wichtigsten Tendenzen bestätigt. Zum Gegensteuern müsse die Weltbevölkerung begrenzt, sowie die Volks­wirt­schaften radikal umgebaut werden; d. h. Abkehr vom marktradikalen Denken und vom liberalen Welthandel, Einführung höherer Steuern und eines Grundeinkommens – damit soll ein allgemeines Wohlergehen erreicht werden.

Die als notwendig für ein nachhaltiges Weltsystem vorgeschlagenen radikalen Einschnitte in die wirtschaftlichen und politischen Strukturen wurden viel­fach als überschießend kritisiert, was letztlich zum fortgesetzten „business as usual“ mit nur kleineren Korrekturen führte.

50 Jahre später – 2022 betont „Earth for all“ wieder die Notwendigkeit einschneidender Maßnahmen in Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt. Die kla­re Zielrichtung ist die Verringerung der Kluft zwischen Arm und Reich. Eine ausreichende Deckung der Grundbedürfnisse soll weltweit (max. 8 - 9 Mrd. Menschen) noch in diesem Jahrhundert erreicht werden: Hunger und Armut abschaffen, Ungerechtigkeit zwischen den Staaten und Un­gleichheit innerhalb der Staaten verringern, Geschlechtergerechtigkeit weltweit herstellen und gleichzeitig Klima- und Umweltschutz und lang­fri­stige Nachhaltigkeit in allen Sektoren, v. a. in der Landwirtschaft, umsetzen.

Zwei Szenarien werden modelliert: „Zu wenig – zu spät“ (too little too late). Mit weniger einschneidenden Maßnahmen wird die Welt zwar nicht un­tergehen, aber die Lebensbedingungen werden für die Mehrheit gravierend schlechter werden.

Ein (giant leap) „Der große Sprung“ – Szenario könnte mit fünf Kehrtwendungen eine humane Zukunft für alle ermöglichen.

• Armut überwinden: Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds, Welthandelsorganisation soll junge Industrien in den ärmeren Län­dern fördern (z. B. Energiewende) und ein großflächiger Schuldenerlass soll die armen Länder entlasten.

• Ungleichheit abbauen: höhere Besteuerung von Kohlenstoff- und Ressourcenverbrauch, Stärkung der Arbeitnehmerrechte und Einführung eines Bür­gerfonds (Zahlungen für den Natur- und Ressourcenverbrauch), aus dem eine Grunddividende an alle ausbezahlt wird.

• Frauen befähigen und stärken: Gleichstellung der Geschlechter in Gesellschaft und Wirtschaft sowie Einführung eines universellen Rentensystems.

• Ernährungssystem umgestalten: bis 2030 sollen zumindest 50% der Ackerlandes nachhaltige Landwirtschaft betreiben, mit Umstellung auf re­ge­ne­rative Formen und Wechsel zu gesunder Ernährung.

• Energiewende: Netto null Treibhausgas-Emissionen bis 2050, Abschaffung aller Subventionen auf fossile Brennstoffe, globale Elektrifizierung, mas­sive Investitionen in Speicherung erneuerbarer Energien.

Zugleich muss sich das Wirtschafts- und Finanzsystem grundlegend in Richtung einer Gemeinwohl-Ökonomie ändern.

Nachbemerkung: Der Autor war von Ende der 1960er-Jahre bis heute mit Entwicklungszusammenarbeit und dem Thema der globalen Entwicklung beschäftigt – mit der grundsätzlichen Einstellung, dass in den Industrieländern ein Minus-Wachstum zugunsten einer nachholenden Entwicklung im Globalen Süden stattfinden sollte.

Für den Artikel wurde neben den Büchern der jeweilige zusammenfassende Überblick in WIKIPEDIA (Stand Oktober 2023) verwendet. Leider sind die Berichte (es handelt sich ja um komplexe Computersimulationen) zum Teil sehr technisch geschrieben.

Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit. Aus dem Amerikanischen von Hans-Dieter Heck. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1972, ISBN 3-421-02633-5; Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1973, ISBN 3-499-16825-1.

Earth for All. Ein Survivalguide für unseren Planeten. Club of Rome (Hg.), oekom Verlag 2022, 256 Seiten; ISBN 978-3-96238-387