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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 422/423 November/Dezember 2018

 

 

 

Mariano Delgado

PAUL VI. UND OSCAR ROMERO: WELCHES CHRISTENTUM WOLLEN WIR?

Am Sonntag, 14. Oktober 2018, wurden Papst Paul VI. (1897 - 1978, im Papstamt von 1964 - 1978) und Bischof Oscar Romero (1917 - 1980) hei­lig­gesprochen. Sie haben mehr gemeinsam, als man denkt: beide sind ursprünglich vom Geist des ultramontanen Katholizismus mit seinem Ver­ständnis der Kirche als societas perfecta, als Mutter und Lehrmeisterin der Menschheit geprägt, und beide stehen für den Wandel zu einer „die­nenden“ und „prophetischen“ Kirche, die die Ungerechtigkeit und Leidensgeschichte der Menschheit (Gaudium es spes 1) wahrnimmt, „in den Armen und Leidenden“ das Bild Jesu erkennt (Lumen gentium 8), und auf der Ebene des Politischen sich für Gerechtigkeit als Weg des Frie­dens einsetzt.

Dialog als Daseinsform der Kirche: der unterschätzte Papst

Nach seiner Papstwahl im Juni 1963 mitten im Konzilsgeschehen, brachte es Paul VI. geschickt zu Ende und setzte 1964 einige Zeichen: Er legt­e die Tiara (die dreifache Papstkrone) ab und schenkte den Erlös den Armen; er traf in Jerusalem mit dem ökumenischen Patriarchen Athena­go­ras zusammen und inaugurierte damit den „Dialog der Liebe“ mit der Orthodoxie; und in seiner Antrittsenzyklika Ecclesiam suam hob er den Dialog als die Daseinsform der Kirche in der modernen Welt hervor.

Paul VI., den man bekanntlich „den vergessenen Papst“ (Jörg Ernesti) genannt hat, den aber Papst Franziskus aus der Versenkung holen möch­te, ist hierzulande besonders aufgrund dieser Ereignisse in Erinnerung: Bei „Sacerdotalis caelibatus“ (1967) über die Ehelosigkeit der Priester und „Humanae vitae“ (1968) über die Empfängnisverhütung war ihm die Kontinuität mit seinen Vorgängern Pius XI. und Pius XII. offenbar wich­tiger, als ein wohlwollender und gewagter Blick auf die Zeichen der Zeit. In den 1970er Jahren war er angesichts der Turbulenzen in der ersten Phase der Konzilsrezeption der „an der Kirche“ leidende, „hamletianische“ Papst, zum „Tutiorismus des Wagnisses“ (Karl Rahner) un­fä­hig. Am 8. 12. 1975 gelang ihm mit „Evangelii nuntiandi“ das wichtigste Evangelisierungsdokument des nachkonziliaren Lehramts. 1976 sus­pen­dierte er Marcel Lefebvre. 1978, kurz vor seinem Tod, musste er seine Ohnmacht bitter erfahren, als er an die Roten Brigaden eindringlich ap­pellierte, seinen Freund Aldo Moro frei zu lassen.

Seine Vision: eine samaritanische Kirche als Dienerin der Menschheit

Erinnern wir uns aber auch an andere Ereignisse. In seiner Ansprache am 7. 12. 1965 während der letzten Sitzung des Konzils skizziert Paul VI. den Weg der Kirche in der Welt von heute ganz im Sinne von „Gaudium et spes“. Darin ist die Rede von einer „samaritanischen Kirche“, von einem neuen Humanismus, vom Vertrauen in den Menschen, vom Dialog, vom Dienst, denn die Kirche habe sich beim Konzil gleichsam als „die Dienerin der Menschheit“ (l’ancella dell’umanità) verstanden, von der Liebe zum Menschen als Form der Gottesliebe nach Mt 25. Dazu kommt am 26. 3. 1967 mit „Populorum progressio“ eine Jahrhundertenzyklika, die die zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit in der Welt an­klagt und Entwicklung – verstanden als die Schaffung von menschenwürdigen, gerechten Lebensbedingungen für alle – als „den neuen Namen des Friedens“ bezeichnet, weil dieser ja das Werk der Gerechtigkeit ist (Jes 32,17). Es geht ihm um eine „Zivilisation der Liebe“, die auch Demokratie und politische Teilhabe einschließt.

Das ist der Papst, der 1968 nach Kolumbien flog, um in Medellín die 2. Vollversammlung des Lateinamerikanischen Bischofsrates zu eröffnen. Am 23. 8. 1968, einen Tag vor der Eröffnung, feierte er in einer Siedlung von Landarbeitern und Tagelöhnern bei Bogotá die Messe und predigte über Mt 25. In der Tradition der „Kirche der Armen“, die sich beim Konzil dank Bischof Hélder Camara und Kardinal Giacomo Lercaro Gehör verschafft hatte, versicherte Paul VI. den Campesinos: „Ihr seid ein Zeichen, ein Abbild, ein Mysterium der Präsenz Christi …, ein heiliges Abbild des Herrn in der Welt … Ihr seid Christus für uns“.

Zur selben Zeit noch ein angepasster Kleriker: Oscar Romero…

Damals war Oscar Romero ein angepasster Kleriker, ein typischer Vertreter der lateinamerikanischen Priestereliten, die zu höheren Studien nach Rom geschickt werden und dann stromlinienförmig bleiben – in der Hoffnung auf ein Bischofsamt oder andere kirchlichen Würden. Seine Seel­sorge war konventionell, angesichts der Armut eher an Wohltätigkeit als an Gerechtigkeit appellierend. 1970 wurde er in diesem Geist zum Weih­bischof in San Salvador ernannt. Von 1974 bis 1977 war er Bischof der Diözese Santiago de María, und in dieser Zeit scheint bei ihm ein in­nerer Wandlungsprozess aufgrund konkreter Erfahrungen anzusetzen: durch die Wahrnehmung des Elends der Campesinos, der politischen und strukturellen Dimension der zugrunde liegenden Probleme sowie der Repression durch die Nationalgarde.

Und dennoch blieben diese inneren Veränderungen weitgehend unbemerkt, denn sonst wäre er – wegen Problemen mit der Regierung – nicht 1977 zum Erzbischof von San Salvador ernannt worden. Nach der Ermordung des Jesuiten Rutilio Grande am 12. 3. 1977, weil dieser kurz da­vor eine prophetische Predigt gegen die Ungerechtigkeit gehalten hatte, war Romero ein anderer Mensch, ein veränderter Bi­schof. Er machte den Weg von der traditionellen Wohltätigkeit zu der Anklage der Strukturen bzw. der Ur­sachen von Armut und Ungerechtigkeit mit. Rome­ros An­sehen als Verteidiger der Menschenrechte und Mann des Dialogs wuchs von Tag zu Tag, auch im Ausland.

„Die politische Dimension des Glaubens und die Option für die Armen“ (1980)

Am 2. Februar 1980, wenige Wochen vor seiner Ermordung am 24. März 1980, hielt Romero anlässlich der Verleihung des Ehrendoktorats in Löwen eine aufsehenerregende Rede über „Die politische Dimension des Glaubens und die Option für die Armen“: „Weil sie sich für die wirk­lich Ausgebeuteten und Unterdrückten entschieden hat, lebt die Kirche im Bereich des Politischen, und sie verwirklicht sich als Kirche auch im Be­reich des Politischen. Das kann nicht anders sein, wenn sie sich wie Jesus an die Armen wendet“. Die Predigt, die Romero am Tag seines To­des in der Krankenhauskapelle hielt, handelte vom Weizenkorn, dem Tagesevangelium. Bei der Opfergabe fiel dann der tödliche Schuss.

Romeros Bekehrungs- und Entwicklungsprozess hatte seinen Kompass in der Kontemplation, in der betrachtenden Lektüre der Bibel, von Gau­dium et spes, Populorum progressio, Evangelii nuntiandi und der Texte von Medellín und Puebla – aber auch in der Spiritualität des Ignatius von Loyola, der Teresa von Ávila und des Johannes vom Kreuz. Sein „neues Sehen“ 1977 hat ihm geholfen, Christus in den geschundenen Armen und Unterdrückten seines Landes zu entdecken – wie einst Bischof Las Casas im 16. Jahrhundert, als er in den geschundenen Indios gegeißelte Chri­stusse sah, und einen Perspektivenwechsel bei seinen Zeitgenossen anmahnte, um die Ereignisse in der Neuen Welt so zu beurteilen, als wenn wir Indios wären.

Ein erweiterter Begriff des Martyriums

Im Frühjahr 1973, im Alter von 18 Jahren, las ich eifrig das Buch ¡Yo creo en la esperanza! (Ich glaube an die Hoffnung) des Jesuiten José María Díez-Alegría. Es wirkte auf mich wie eine Offenbarung. Der Autor unterscheidet darin zwei grundlegende Religionstypen: den onto­lo­gisch-kultischen und den ethisch-prophetischen. Letzterer ist vom Hunger und Durst nach Gerechtigkeit sowie vom Tun der Liebe geprägt. Diesen Religionstyp entdeckte Oscar Romero mit seinem „neuen Sehen“ als Matrix des Christentums. Manche Feuilletonisten sehen in seiner He­iligsprechung als „Märtyrer“ eine Verschiebung der Semantik des Märtyrerbegriffs ins Politische, da damit der Gerechtigkeitshass (odium iustititae) dem Glaubenshass (odium fidei) gleichgesetzt werde. Ist aber der Hass auf das gerechtigkeitsliebende Christentum nicht auch Glau­bens­hass? Romero starb nicht nur als Märtyrer für eine gerechtere Welt, sondern auch für eine Kirche, die dem ethisch-prophetischen Kern des Evan­geliums treu bleibt.

Mariano Delgado ist Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Fribourg/CH. Er leitet dort das Institut für das Studium der Religionen und den interreligiösen Dialog.

Quelle: www.feinschwarz.net, 11. 10. 2018. feinschwarz.net, das theologische Feuilleton, analysiert Themen der Zeit aus theologischer Perspektive. feinschwarz.net sieht sich der Umset­zung der Impulse des Zweiten Vatikanischen Konzils und damit einer Theologie verpflichtet, die den ersten Satz von Gaudium et spes als Grund­lage allen kirchlichen Handelns begreift. feinschwarz.net wird vom Verein feinschwarz getragen. Der Sitz des Vereins ist in Wien. Ihm gehören bekannte Theologen mehrerer deutschsprachiger Universitäten an.

Wir danken der Redaktion feinschwarz für das Nachdruckrecht!

 

 

Balázs Németh

ZWEIERLEI ARTEN GERECHTIGKEIT

Predigt vom 28. 10. in der Zwinglikirche in Wien

Wenn man Menschen fragt – auf der Straße, in Büros, in Geschäften oder auch in den Kirchen – ob sie dafür sind, dass auf der Welt Ge­rech­tig­keit herrschen solle, dann sind zweifellos alle dafür – ohne Wenn und Aber. Wenn man aber anders fragt und auf die Kriterien zu sprechen kommt, die dem Wort Gerechtigkeit zugrunde liegen, dann gehen die Meinungen rasch auseinander.

Auf zwei dieser diametral entgegengesetzten Begrifflichkeiten, die die jeweilige Ausrichtung von Gerechtigkeit bestimmen, möchte ich nun nä­her eingehen.

Die erste stammt aus dem römi­schen Recht und ist mit der Göttin der Gerechtigkeit, Justitia, verbunden. Ihr Abbild schmückt fast alle Ge­richts­ge­bäude in unserem Land. Die Statue ist stets mit verbundenen Augen dargestellt, was ihre Unparteilichkeit symbolisiert. In ihrer linken Hand hält sie eine sogenannte Apothekerwaage, die auf die Abwägung der jeweiligen Sachlage hinweist. Mit der Rechten stützt sie sich auf ein Richt­schwert, das auf die Durchführung des gefällten Urteils hindeutet. Praktisch wird damit ausgedrückt, dass auf der einen Waagschale die Straftat liegt, auf der anderen das gefällte Urteil. Beide müssen miteinander ins Lot gebracht werden. Diese Art der Gerechtigkeit wird als „verteilende Ge­rechtigkeit“ bezeichnet.

Diese verteilende Gerechtigkeit ist eng verbunden mit dem Spruch „do ut des“ – ich gebe, damit auch du gibst. Das heißt: Gerechtigkeit entsteht, wenn Leistung und Gegenleistung sich entsprechen. Diese Art von verteilender Gerechtigkeit hat die Gerichtssäle allerdings längst verlassen und prägt weitgehend auch das tägliche Leben. Zum Beispiel muss der Preis einer Ware ihrem Sachwert und dem Lohn der dafür geleisteten Ar­beit entsprechen.

Diese verteilende Gerechtigkeit prägte besonders in der frühen Neuzeit auch den Glauben der Menschen. Das heißt: sie erwarteten als Beloh­nung für ihre Frömmigkeit im täglichen Leben, für ihre geleisteten guten Werke und möglichst viele Pilgerfahrten automatisch das ewige Heil im Him­mel. In der Renaissance ging man sogar so weit, dass mit der erworbenen Zahl von Ablasszetteln die Befreiung aus dem Purgatorium auf Jah­re hinaus erkauft werden konnte. Gegen diesen zur Handelsware degradierten Glauben haben die Reformatoren aufs heftigste rebelliert. Und da­bei beriefen sie sich auf die biblische Gerechtigkeit.

Diese biblische Gerechtigkeit hat uns Jesus mit einem Gleichnis im Evangelium nach Matthäus im 20. Kapitel sehr anschaulich gemacht. Er er­zählt darin von einem Weingutbesitzer, der für die Traubenernte Ar­beiter benötigte. Um 6 Uhr in der Früh ging er also zur sogenannten Tage­löh­nerbörse, um Erntehelfer anzuheuern. Er versprach ihnen den üblichen Tageslohn, d.h. einen Denar. Diese Summe war genau der Betrag, mit dem ein Tagelöhner seine Familie erhalten und ernähren konnte. Dazu brauchte er allerdings jährlich mindestens 200 Tage, an denen er Arbeit hat­te. Tagelöhner hatten es zu jener Zeit teilweise schwerer als Sklaven, weil sie von der fluktuierenden Lage des Arbeitsmarktes abhingen, die wie­derum weitgehend mit den klimatischen Verhältnissen zu tun hatte. Was unserer heutigen Situation gar nicht so unähnlich ist.

Bei diesem Gedanken sind mir die Saisonarbeiter auf unseren Feldern eingefallen, z. B. im Marchfeld, die – wie ein Dokumentarfilm kürzlich ge­zeigt hat – schwere Arbeit verrichten müssen – zum Beispiel bei der Spargel- oder auch der Gurkenernte – dabei aber absolut unterbezahlt sind und sogar noch hohes Quartiergeld zahlen müssen.

Zurück zum Gleichnis Jesu: Der Weingutbesitzer ging noch weitere Male zum Tagelöhnermarkt, jeweils um 9, 12, 15 und 17 Uhr, um noch mehr Arbeiter anzuheuern, weil er gemerkt hatte, dass sonst die Ernte nicht bis zur Abendstunde hätte ein­gebracht werden können. Jedes Mal sag­te er den Tagelöhnern: Ich werde euch geben, was Recht ist, d. h. ich werde euch bezahlen auf der Basis von einem Denar Tageslohn.

Am Abend kam die Zeit der Lohnauszahlung. Diese Aufgabe hatte der Aufseher übernommen. Zuerst zahlte er die aus, die nur eine Stunde ge­ar­beitet hatten. Und zum großen Erstaunen aller erhielt diese Gruppe den vollen Tageslohn. Daraufhin machten sich die anderen natürlich Hoff­nung, dass sie entsprechend der geleisteten Arbeit mehr als einen Denar erhalten würden. Aber siehe da – auch sie erhielten nur den vereinbar­ten Tageslohn von einem Denar. Da wurden sie zornig und beschimpften den Weingutbesitzer: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet, und das in der kühlen Abendzeit, und du hast sie uns gleich gemacht, die wir doch die Last des Tages und die Hitze aushalten mussten.“ Der Wein­gutsbesitzer aber antwortete kühl und im Bewusstsein seiner Herrschaft: „Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart? Nimm was dir ge­hört und geh! Ich will nämlich diesen Letzten dasselbe geben wie dir.“ Und das war das Existenzminimum, das in den Augen des Weingutbe­sit­zers einem jeden gebührte, unabhängig davon, ob dieser 12 Stunden gearbeitet hatte oder nur eine.

Nach unserem Rechtsempfinden, die wir mit der verteilenden Gerechtigkeit der Göttin Justitia groß geworden sind, empfinden die Entscheidung des Weingutbesitzers sicher als ein absolutes Unrecht. Jesus aber unterstreicht sogar noch einmal die Entscheidung des Weingutbesitzers durch sei­ne anschließenden Worte: „Wie ist das nun mit dem Königreich Gottes zu vergleichen? Die Letzten werden die Ersten sein und die Ersten die Letz­­ten“. Und das war die Verheißung für das Volk!

Wir nennen das heute „ausgleichende Gerechtigkeit“ – und das ist die biblische Gerechtigkeit! Sie geht nämlich nicht von der Leistung aus als der Grundlage jeder Gerechtigkeit – sondern von dem Bedürfnis jedes Einzelnen. Die ausgleichende Gerechtigkeit orientiert sich am Unten, nimmt dieses als Maßstab, damit schlussendlich die Kluft zwischen oben und unten eingeebnet wird und niemand mehr Mangel leidet. Das bedeutet besondere Aufmerksamkeit und Zuwendung für die Zukurzgekommenen, für die Armen, für die Problembeladenen und für die Aus­ge­grenzten. Wenn Jesus sagte, „Kommet her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken“, dann hat er diese Gruppe der Letzten angesprochen, die vielleicht seelisch krank, wegen ihres Berufes ausgegrenzt, oder wegen ihres anstößigen Lebenswandels verachtet wa­ren – so wie der Zöllner – oder auch jene, die in der Schulden- oder Armutsfalle steckten. „Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen“ be­schreibt eine Professorin des Neuen Testaments das Wirken Jesu. In diesem Satz fasste sie das Wesentliche des ganzen Wirkens Christi zusam­men: Jesus von Nazareth – Hoffnung der Armen! Das ist das Evangelium, die Frohe Botschaft! Durch diese seine einseitige Zuwendung holte Je­sus Menschen aus der Tiefe, aus der Verzweiflung, aus der Verachtung und der Armut!

Jesu Kritik an den Hartherzigen und Selbstgerechten zielte ebenso auf die ausgleichende Gerechtigkeit wie sein Eintreten für das Teilen der Gü­ter mit den Armen und Hilflosen. Dabei denke ich auch an die Geschichte der Speisung der Fünftausend und an seine harten Worte gegenüber dem reichen Jüngling.

Mit der ausgleichenden Gerechtigkeit orientierte sich Jesus stark an dem alttestamentlichen Gesetz, das weitgehend vom egalitären und soli­da­ri­schen Genossenschaftsgedanken getragen war. Dessen Umsetzung war allerdings zur Zeit des Alten Testaments, als das Privateigentum sich noch nicht in seiner ganzen Schärfe herauskristallisiert hatte, wesentlich leichter als zur Zeit Jesu, in der schon ganz andere Besitzverhältnisse herrschten – nicht zu reden von unserer heutigen Welt, die noch weiter entfernt ist von einem allgemeinen solidarischen Bewusstsein.

Mit seiner einseitigen Zuwendung zu den Armen, Sündern und Ausgegrenzten stieß Jesus auf großes Unverständnis. So fragten die Pharisäer die Jün­ger empört, nachdem er mit dem Zöllner Zachäus an einem Tisch gesessen war: „Warum esst und trinkt ihr mit den Zöllnern und Sündern?“ Die Antwort Jesu war klar und eindeutig im Sinne der solidarischen ausgleichenden Gerechtigkeit: „Die Gesunden bedürfen des Arztes nicht, son­dern die Kranken. Ich bin gekommen zu rufen die Sünder zur Buße und nicht die Gerechten“. Dieser Satz Jesu gilt auch heute unverändert, wenn Pfarrern zum Beispiel vorgeworfen wird: „Warum kümmern Sie sich so intensiv um die Randgruppen, wo eh keine Hoffnung mehr be­steht, und die normalen Menschen übersehen Sie?“ Diese vorwurfsvolle Frage wird auch an die Kirchen und an die vielen freiwilligen kirch­li­chen Helfer gerichtet, die sich der Flüchtlinge annehmen, sie unterstützen und för­dern. Auch ihnen gelten die Worte Jesu.

Diese ausgleichende solidarische Gerechtigkeit ist sehr entscheidend für unsere Gesellschaft, denn nur sie kann die sich vertiefende Kluft und das Auseinanderbrechen zwischen Oben und Unten überwinden. Denn wenn das nicht geschieht, dann steigt nur das gefährliche Potential von Ag­gression und Gewalt. Nicht ohne Grund führte Papst Franziskus das Entstehen des islamischen Gewaltfanatismus auf die wachsende Kluft zwi­schen Arm und Reich zurück.

Das zu lernen fällt uns allerdings schwer. Darum ist es auch total unverständlich, warum unsere Regierung gerade für jene, die am untersten Rand der Einkommensskala leben, die Sozialleistungen gekürzt und Integrationsmaßnahmen gestrichen hat. Jede repressive Maßnahme entfernt sich von der biblischen ausgleichenden Gerechtigkeit und vertieft eine Kluft, die mit der Zeit sehr gefährlich werden kann.

Klassisches Dokument für die biblische ausgleichende Gerechtigkeit ist die Bergpredigt. Da ist von Feindesliebe die Rede, d. h. davon, dass per­sön­liche und soziale Zuwendung weder eine Sache der eigenen Interessen noch persönlicher Sympathie sein dürfen, sondern ausschließlich eine der Not des anderen, auch wenn dieser selbst uns gegenüber absolut nicht wohlgesinnt, ja vielleicht sogar unser Feind ist. Wie viele politische Konflikte, die heute unsere Welt bedrohen, könnten friedlich gelöst werden, wenn wir wirklich Ernst machen würden mit dieser Forderung Jesu! In der Bergpredigt for­dert Jesus uns auch auf, dass wir jemanden, der uns bittet, ihn eine Meile zu begleiten, gleich eine weitere Meile be­glei­ten sollen. Könnte diese zusätzliche Zuwendung nicht heute „bedingungsloses Grundeinkommen“ heißen? Nichts anderes war es, was der Wein­berg­besitzer im vorhin erörterten Gleichnis dem zuletzt aufgenommenen Arbeiter zahlte, nämlich die freiwillige Gewährung eines Existenz­mi­ni­mums. Die zunehmende Automatisierung könnte in nicht allzu ferner Zukunft auch bei uns die Einführung eines solchen bedingungslosen Grundeinkommens zur Notwendigkeit machen. In der Bergpredigt lesen wir auch davon, dass derjenige, der zwei Obergewänder hat, eines da­von dem geben soll, der keines hat. Ist das nicht ein Hinweis auf die vielgeschmähte Umverteilung von oben nach unten, zum Beispiel durch Erb­schaftssteuer, wie das sogar vor kurzem einer der mächtigsten Banker des Landes forderte. Oder auch auf die Einführung einer Wert­schöp­fungs­abgabe?

Über die Deutung der Bergpredigt ist in jüngster Zeit eine heftige Debatte entbrannt, die sogar in den Tageszeitungen geführt wurde. Einige der da­ran Beteiligten meinten, die Bergpredigt ziele nur auf eine rein persönliche Hilfe und Zuwendung, nicht aber auf daraus abgeleitete struk­tu­rel­le Maßnahmen in Form der Sozialgesetzgebung. Jesus dachte aber ganz im Sinne des alttestamentlichen „Höre Israel!“ auch in gemeinschaft­li­chen Strukturen und Kategorien. In diesem Sinne rief er den Menschen – also auch uns – zu: Ihr seid das Salz der Erde und das Licht der Welt! Und nicht minder wichtig in dieser Richtung ist sein Satz: Neuer Wein bedarf auch neuer Schläuche! Darum sehe ich in der Bergpredigt sowohl einen Aufruf zum ganz persönlichen Einsatz und Engagement, als auch für strukturelle gesellschaftliche Veränderungen, die auf ausgleichende Ge­rechtigkeit zielen. Sich das zu Eigen zu machen, hat mit christlichem Glauben zu tun!

Dr. Balázs Németh, geb. 1931 in Budapest, Schulbesuch in seiner ostungarischen Heimatstadt Nagykörös. 1949 – 54 Studium an der Reformierten Theologischen Aka­demie von Budapest. Németh kam 1956 nach Österreich. 1957 – 1960 Studium an den Universitäten Heidelberg und Wien. Von 1964 bis zu seiner Pensionierung 1998 war er Pfarrer der evangelisch-reformierten Gemeinde Wien-West. Németh ist seit Beginn (1976) ständi­ger „KC“-Autor.

 

 

Richard Langthaler

1968 UND DIE KATHOLISCHE KIRCHE

Eine persönliche Erinnerung an den Aufbruch und Wandel in der katholischen Kirche vor allem der 1960er-Jahre

Als Jahrgang 1942 und Schüler eines katholischen Internats in den 50er-Jahren habe ich die zaghaften Reformen in der katholischen Kirche, z. B. im „Bund Neuland“, die Liturgiereformen eines Pius Parsch in Klosterneuburg, die Erneuerung der Osterliturgie und vor allem 1958 die Papst­­wahl Johannes XXIII. miterlebt. Sein „Fensteröffnen“ sollte frische Luft in die verkrusteten katholischen Lebensvorschriften bringen; das hat mich 1960 nach der Matura – und manch andere – zum katholischen Theologiestudium und zum Eintritt ins Wiener Priesterseminar ge­bracht.

Das bedeutete für mich auch in den „sauren Apfel“ eines abstrakten Studiums mit Griechisch­nachlernen und des zölibatären Lebens eines Prie­sters beißen zu müssen. Nach 4 Semestern einer eher konservativen Theologie in Wien konnte ich durch 2 Semester bei den Jesuiten im Ca­ni­sia­num in Innsbruck verbringen. Dort kam ich in Kontakt mit Theologiestudenten aus aller Welt, mit der Theologie Karl Rahners, mit den Vi­sio­nen Teilhard de Chardins und mit der französischen Arbeiterpriesterbewegung.

Das 2. Vatikanische Konzil 1963 – 65 erlebte ich als Theologiestudent und Seminarist in höheren Semestern, wobei die Grundstimmung die Hoffnung auf tiefgreifende Änderung war. Dazu trugen zwei mehrwöchige Aufenthalte bei den Arbeiterpriestern in der „mission de France“ bei. Zu einem angestrebten Besuch in Taizé kam es leider nicht. Im Wiener Priesterseminar gab es eine ökumenische Runde mit evangelischen Theo­logen und wir lernten die Ideen Dietrich Bonhoeffers und Martin Bubers sowie das „Prinzip HoffnungErnst Blochs kennen. Auch der Wiener Konzilstheologe Ferdinand Klostermann gab Hoffnung auf einen Wandel. Namen wie Otto Mauer, Friedrich Heer, Wilfried Daim, Günther Nenning oder die katholische Wochenzeitung „Die Furche“ bereiteten vor allem in Wien einer weltoffeneren Kirche den Boden, wozu sicher auch der „linke“ Kardinal Franz König zu zählen ist. Er dispensierte z. B. Priester, die heiraten wollten problemlos. Da ich mir nicht ganz klar war über meine „priesterliche Berufung“ absolvierte ich 1965/66 neun Monate Militärdienst: das Resultat war, dass ich nach abge­schlos­se­nem Theologiestudium das Gefühl hatte, „normalen“ Jugendlichen mit leeren Händen gegenüberzustehen. Nach intensivem Überlegen trat ich die Flucht nach vorne an und ging im Herbst 1966 nach Löwen/Belgien, um mich als Priester einer Übersee-Diözese anzubieten. Zur Vor­be­rei­tung wurde mir ein Zusatzstudium in „Community Development“ angeboten. Zu dieser Zeit befanden sich hunderte Theologie­stu­den­ten und Priester aus der ganzen Welt in Löwen an der katholischen Universität, da diese konsequent die Lehren aus dem Konzil und den Enzyk­li­ken Jo­han­nes XXIII. und Paul VI. in die Theologie einbrachte. U. a. war auch der Befreiungstheologe Camilo Torres in Löwen, der sich der Guerilla an­schloss und 1966 ums Leben kam. Die freiere Luft im Ausland und im Studentenmilieu ließen mich – wie manch andere auch – bald aus dem Priesterseminar aussteigen. Von den „Wirren“ des Jahres 1968 erlebte ich in Löwen eigentlich nur die heftigen Studentenproteste gegen den Viet­nam-Krieg – ich beeilte mich, mein Studium abzuschließen, heiratete und wir fuhren über Vermittlung des IIZ (Institut für Internationale Zu­­­sammenarbeit in Wien) zum „Institut Social Africain“ (auch das eine Gründung aus dem Geist des Konzils und Johannes XXIII.) der Weißen Vä­ter nach Bukavu im Ost­kongo. Von da an widmete ich mein ganzes Berufsleben der Entwicklungszusammenarbeit und der Entwick­lungs­po­li­tik.

Was waren die Rahmenbedingungen für den kirchlichen Aufbruch, der ja nicht im luftleeren Raum entstand? Nach den Verbrechen und Gräu­el­taten des 2. Weltkriegs verabschiedete die UN-Generalversammlung 1948 die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“. Dies hatte un­mit­tel­bare Auswirkungen auf die Befreiungsbewegungen in den Kolonien, den Kampf für mehr Bürgerrechte, gegen Rassismus und für soziale Ge­rech­tigkeit. In den 50er und 60er Jahren wurden fast alle Kolonien politisch unabhängig. Die 60er-Jahre galten als 1. Entwicklungsdekade der Ver­einten Nationen. Auch der Einfluss der Bürgerrechtsbewegung in den USA mit Martin Luther King ab den 50er-Jahren, ebenso wie die welt­weite Anti-Kriegsbewegung soll nicht vergessen werden. In den 70er Jahren wurde von der UNO eine neue Weltwirtschaftsordnung (NIWO) kon­zipiert, die einen Ausgleich zwischen Nord und Süd sowie gerech­te­re Handelsbeziehungen vorsah.

In der katholischen Kirche kam mit Johannes XXIII. (1958 - 1963) ein welterfahrener Kardinal auf den Papststuhl, der die Zeichen der Zeit er­kann­te. Er wollte frische Luft in die Kirche hereinlassen, sprach vom notwendigen „aggiornamento“, stellte in „mater et magistra“ 1962 eine weltoffene Soziallehre der Kirche und mit „pacem in terris“ 1963 die Verpflichtung zu weltweitem Bemühen um Frieden vor. Das 2. Va­ti­ca­num kam 1965 zum Abschluss und hat viele Jahrhun­derte alte Regeln und Lehren zumindest in Frage gestellt – d. h. es könnte auch anders ge­hen. Daraus ergab sich eine ungeahnte, positiv besetzte weltoffene Aufbruchsstimmung: „Wir schaffen das“, den Kampf gegen den Kolonialis­mus, den Kampf gegen die Unterentwicklung, gegen die Armut und den Hunger, gegen den Rassismus und die soziale Ungerechtigkeit. Aus­druck und zusätzliche Motivation für diese Stimmung war 1967 die Enzyklika „populorum progressio“ von Paul VI. Theorie und Praxis der sich erneuernden Kirche kamen in der „Theologie der Befreiung“ vor allem in Lateinamerika zum Ausdruck, z. B. auf der Bischofskonferenz von Medellín 1968. In den Industrieländern entstand die Dritte-Welt-Bewegung, die sehr stark in den christlichen Kirchen verankert war und nach der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome (1972) beschäftigten sich kirchliche Kreise mit der Frage des Null-Wachstums im Norden und entsprechenden Änderungen des Konsumverhaltens und Lebensstils.

In der katholischen Kirche setzte allerdings sehr bald der Gegenangriff der Konservativen, der Ängstlichen und der Zögerer ein – parallel zum Wan­del der weltweiten Gesellschaftspolitik unter Reagan und Thatcher. So waren der polnische Papst Johannes Paul II. (1978 – 2005) und der Glaubenshüter Kardinal Joseph Ratzinger (zuerst „progressiver“ Konzilstheologe, dann erbitterter Gegner der Theologie der Befreiung), der spätere Papst Benedikt XVI. (2005 - 2013), auch Wegbereiter für Neokonservativis­mus und Neoliberalismus ab den 80er Jah­ren. Die Kirche hatte für Jahrzehnte eine Chance vertan.

Wenn die 1968-Generation in manchen Bereichen auch übers Ziel hinausgeschossen hat (weshalb einige österreichische türkis-blaue Politiker ih­re Hauptaufgabe darin sehen, die Hegemonie der 68-Generation „ausrotten“ zu müssen), 50 Jahre nach 1968 hätten Europa (EU) und die Welt einen ähnlichen Anstoß, einen Aufbruch zu einer weltoffenen, solidarischen, auf Ausgleich bedachten Grundhaltung dringend nötig. Wach­sen­de Ungleichheit, die Ausbeutung von Mensch und natürlichen Ressourcen, Klimawandel, neues Wettrüsten, weltweite Migrationsbewegungen etc. lassen ohne tiefgreifende Änderungen einen Kollaps befürchten. Worte und Taten der Kirchen sind daher heute mehr denn je gefragt.

Eigentlich käme Papst Franziskus (seit 2013), der in seinen jungen Priesterjahren mit der Theologie der Befreiung in Berührung kam, gerade recht. Seine Worte und Mahnungen sind eindeutig – doch leider werden sie in christlichen Kreisen zu wenig beachtet bzw. in christlich-sozialen Par­teien als „retro-68er Forderungen“ bestenfalls milde belächelt.

Richard Langthaler, Mag. rer. soc. oec, abs. theol.; Geboren 1942 in Kirchberg/Wechsel, Realgymnasium in Strebersdorf. Theologiestudium in Wien und Innsbruck, Sozialwissenschaften in Löwen, Belgien und Soziologie in Graz.

Ab 1968 Einsätze im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit im Kongo und in Burkina Faso, z. T. mit Familie, später Kurzeinsätze und Reisen in Afrika, Asien, Karibik.

Ab 1975 in entwicklungspolitischen Institutionen in Wien tätig. Bis zu seiner Pensionierung 2003 war Langthaler wissenschaftlicher Mitarbeiter der Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE). Außerdem Lehrbeauftragter für „afrikanische Fragen“ am Institut für Politikwissenschaften in Wien.