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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 416/417                                     März/April 2018

 

 

 

BOTE DER HOFFNUNG: PAPST FRANZISKUS IN CHILE UND PERÚ

Von Luis Zambrano (Perú)

Die Ankündigung des Papstbesuches rief, zumindest in Perú, große Erwartungen hervor. Den letzten Besuch hatte Johannes Paul II. im Jahre 1988 gemacht. Außerdem hat sich Franziskus über die Medien der Kommunikation in seinen 5 Dienstjahren als Papst durch seine Einfachheit und Nähe zu den Armen beliebt gemacht.

Tage vor seiner Reise nach Chile und Perú wandte sich Franziskus öffentlich an unsere Völker. Er sagte, dass er ein „Bote der Freude am Evangelium“ sein wolle, der „die Geschichte unserer Völker“ kenne, der uns „in die Augen sehen“ wolle und der eine spezielle Liebe für die „aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen“ habe.

In Chile weilte er vom 15. bis 18. Jänner. In Santiago hielt er die Messe für Recht und Frieden. Dort bat er die Opfer von sexuellem Missbrauch durch Priester um Verzeihung. Er sagte, dass er deswegen „Schmerz und Scham“ empfinde. Er zitierte den einstigen Kardinal von Santiago, Raúl Silva Henriquez: „Wenn du den Frieden willst, bemühe dich um Gerechtigkeit“. Danach traf er sich privat mit den Opfern von sexuellem Miss­brauch durch Priester. Er besuchte auch ein Frauengefängnis und das Grab von Alberto Hurtado (1901 – 1952. Jesuit und Heiliger der katho­lischen Kirche. Er gründete das Obdachlosenprojekt El Hogar de Cristo und holte Hunderte von obdachlosen Kindern von der Straße. – Anm. d. Red.)

In Temuco, einer Gegend von Araucania, der ärmsten von Chile, zelebrierte er die Messe für den Fortschritt der Völker. Er grüßte in der Sprache der Mapuche und verteidigte das Volk der Mapuche, seine Kultur und seine Territorien, die er als heilig bezeichnete. Er gedachte auch der Menschen, die an diesem Platz durch die Diktatur von Pinochet gefoltert worden waren.

In Maipu feierte er eine Messe mit den jungen Leuten, welche Gelegenheit hatten, ihre Meinungen und Gefühle zur Sprache zu bringen: Er er­mu­tigte sie, „Protagonisten der Veränderung“ zu sein und bat sie, dazu beizutragen, dass „die Kirche ein jugendliches Gesicht habe“. Er sagte ihnen auch: „Wie sehr braucht euch die chilenische Kirche.“

In der Katholischen Universität hob er die Bedeutung der wissenschaftlichen Strenge hervor, verbunden mit volkseigener Intuition, ebenso die In­ter­aktion zwischen der Aula und der Volksweisheit. Er bat, die bodenständigen Völker mit ihren Traditionen zu berücksichtigen, die nicht simple Minderheiten seien. Er bat auch, sich von ihnen anregen zu lassen.

Am 18. Jänner feierte er in Iquique die Messe für die Integration der Völker. Er kommentierte in einfacher und lebhafter Form die Teilnahme von Jesus und Maria an der Hochzeit zu Kanaan (Joh 2,1-12). Er sprach: „Wir müssen aufmerksam alle Situationen von Ungerechtigkeit und den neuen Formen von Ausbeutung beachten, die so viele Brüder in die Lage bringen, die Freude am Fest zu verlieren“. Er unterstrich die Be­deu­tung, die das öffentliche Erscheinen Jesu bei einem Fest hatte. „Es konnte nicht in anderer Form geschehen, da ja das Evangelium eine kon­stan­te Einladung zur Freude ist. Ihr wisst davon!“ Darauf würdigte er die Art, wie das Volk den Glauben und das Leben in festlicher Stimmung lebt, ebenso wie seine Patronatsfeste und seine religiösen Tänze, die aus dieser Zone „ein Heiligtum der Volksfrömmigkeit und Spiritualität ma­chen“.

Schon auf dem Flughafen, bevor er nach Lima abreiste, sang für ihn ein Chor von Kindern nicht nur, sondern tanzte auch und weinte vor Freude. Das stand im Kontrast zu gewissen Ereignissen vor und während seines Besuchs.

Sechs katholische Kirchen wurden angezündet, ebenso zwei Hubschrauber und eine Schule, auch auf einen Carabiniero wurde geschossen. Es gab viel Kritik dem Papst gegenüber und an seiner Reise. Das erklärt sich auf Grund des augenscheinlichen Rückgangs der katholischen Bevöl­ke­rung (45 %), zum Großteil wegen des sexuellen Missbrauchs durch Priester, unter ihnen der am meisten repräsentative Fernando Karadima, der vom zivilen Gericht nicht verurteilt wurde. Es gibt auch Bischöfe, die zu seinem Kreis gehörten, wie Juan Barros, der aktuelle Bischof von Osorno, den die Opfer beschuldigen, Komplize von Karadima zu sein. Als ein Journalist Franziskus über Barros befragte, sagte dieser, dass all dies Verleumdungen seien. Die Reaktion der Opfer ließ nicht auf sich warten. Barros begleitete den Papst bei allen Messen, die er zelebrierte, das irritierte die Bevölkerung. Barros überschattete die Reise von Franziskus nach Chile, was beide hätten vermeiden können. Der Skandal nahm weiter zu, bis zu dem Punkt, da Franziskus schließlich den Erzbischof von Malta, Charles Scicluna, ernannte, dass er sich nach Chile be­ge­be, um in seinem Namen mit den Opfern zu sprechen.

Um 16.44 h desselben 18. Jänner landet Franziskus in Lima, der Hauptstadt von Perú. Der Empfang gleicht einer Apotheose. Die Jungen schreien: „Der Papst ist Peruaner“: Eine Dame sagt voll Emotion: „Das hat mir Leben gegeben. Ich habe ihn gesehen“. Frühmorgens am 19. Jän­ner begab er sich nach Puerto Maldonado, einer Urwald­gegend im Süden von Perú. Seine erste Begegnung galt den Indigenen, allein sie wa­ren 4000. Der Bischof des Ortes, David Martinez, sagte ihm: „Sie sind gekommen, um den Schrei der Erde und den der Armen zu hören“. Eini­ge Indigene: „Viele Fremde dringen in unsere Territorien ein… Wir sind die Überlebenden… Wir wollen unsere althergebrachte Weisheit nicht ver­lernen. Wir leisten weiterhin Widerstand. Wir bitten Sie, uns zu verteidigen.“ Dann lasen 4 Repräsentanten unter ihnen für alle einige Ab­schnitte von „Laudato “ in vier Sprachen des Urwaldgebiets.

Alle waren bewegt, als Franziskus sagte: „Von hier aus wollte ich beginnen“. Tatsächlich entschloss sich der Papst, diese Region zu besuchen auf Grund der schweren Probleme, die sie bedrängen. Er erinnerte an Exodus 3 und gab damit zu verstehen, dass er „geheiligten Boden“ betrat. Dann erwähnte er voll Schmerz die schweren Probleme dieser Bevölkerung: illegaler Bergbau; Misshandlung von Menschen; Sterilisation von Frauen aus dem Volk, teilweise ohne dass sie es wussten; Aneignung von ihren Territorien mit der Ausrede, die Ökologie zu schützen. Und er stellt sich an die Seite der Opfer und bekräftigt, dass sein Ruf bis zum Himmel dringe (Santiago 5,4). Er ermutigt sie, weiterhin das Leben zu ver­teidigen, das bedrohte Land und ihre Kulturen, weiterhin im Einklang mit dem Prinzip „gut leben“ zu handeln, indem sie von ihren Vor­fah­ren lernten. Er setzte sich ein für eine interkulturelle und zweisprachige Bildung, die Jugendlichen bat er, eine neue Anthropologie zu schaffen. Was die Kirche betrifft, bat er, dass die Völker Amazoniens die Kirchen Amazoniens gestalten sollten. Er entwarf „eine Kirche mit dem Gesicht Ama­­zoniens, mit indigenem Gesicht“ Er rief in Erinnerung, dass er auf Grund der Bedeutung dieser Völker eine „Synode für Amazonien“ vor­ge­schlagen habe, die 2019 in Rom durchgeführt werden solle.

Signifikant für diese Begegnung war die Anwesenheit – mit Abstand weniger Meter vom Papst – des indigenen Führers Santiago Mauri, der beim „Baguazo“ (bei einem Protest Indigener tötete die Polizei im Juli 2009 34 Menschen – Anm. D. Red.) verwundet wurde und jetzt einen Rollstuhl braucht. Man denke daran, dass im Jahre 2009 tausende Indigene aus dem Urwald von Perú ihren Streik erklärten, mit dem sie von der Regierung von Alan García eine Lösung für ihre gerechten Beschwerden verlangten. Statt eines ehrlichen Dialogs wählte die Regierung von Alan García 50 Tage nach Beginn des Streiks die Repression, welche den Tod von Indigenen und Polizisten nach sich zog. Und darauf begann die Verfolgung der Anführer aus dem Urwald.

Später gab es eine Begegnung mit der Bevölkerung insgesamt. Vor den etwa 140.000 Personen, die nicht nur aus Amazonien waren, sondern von der Küste, aus dem Gebirge und aus Nachbarländern, sagte er bewegt: „Wie schön ist das Bild einer Kirche ohne Grenzen“. Er bestand auf sei­ner ökologischen Botschaft: „Das ist nicht verwaistes Land. Es ist die Erde der Mutter. Dieses Land hat eine Mutter“. Und er verglich es mit der Konsum- und Wegwerfkultur, welche eine Kultur ohne Mutter sei. Und er fügte hinzu: „Liebt die Mutter Erde…hört sie, pflegt sie, verteidigt sie …

Es blieb Zeit, danach die Herberge von Kindern und Jugendlichen in schwierigen Verhältnissen „El principito“ zu besuchen, die vom Schweizer Priester Xavier Arbex gegründet worden war. Die Kinder präsentierten ein Soziodrama über die Gewalt, die es in Puerto Maldonado gibt. Shirley, die einige Jahre in der Herberge gelebt hatte, erzählte voll Freude, dass sie jetzt arbeite und in der Küstenstadt Tacna studiere. Der Papst ant­wortete ihr, dass ihre Worte „Licht der Hoffnung“ seien. Auch an die Kinder wandte er sich: „Verzeiht uns Erwachsenen, dass wir euch ge­le­gent­lich nicht die Bedeutung zukommen lassen, die ihr verdient.“ Und zu den Jugendlichen. „Passt euch nicht an das an, was vorübergeht. Ver­zich­tet nicht auf das Erbe eurer Großeltern… Die Welt braucht euch so, wie ihr seid, nicht verkleidet… Seid originell, stolz, zu den Völkern Ama­zoniens zu gehören.“ Franziskus speiste zu Mittag mit einer Gruppe von Indigenen am selben Tisch. Die Bischöfe und andere Eingeladene setzten sich an andere Tische.

Am Nachmittag besuchte Franziskus im Regierungspalast den Präsidenten Pablo Kuczinsky. Franziskus betrachtete es als Kulturerbe von Perú, „die eigene Weisheit der Vorfahren zu bewahren und zu bereichern“: Als lebendige überlieferte Werte zitierte er die folgenden: Gast­freund­schaft, Wertschätzung des anderen, Respekt, Dankbarkeit der Mutter Erde gegenüber, Kreativität im Hinblick auf neue Unternehmungen, Ver­ant­wortungsbewusstsein in der Gemeinde, Solidarität. Und mit Einbeziehung des Slogans seines Besuchs, „Vereint für die Hoffnung“, sagte er, dass ein Motiv für die Hoffnung die „reichhaltige kulturelle Vielfalt“ des Landes sei. Er sprach alle Themen an, die in Puerto Maldonado vorgebracht worden waren, und betonte das Thema Korruption, die er als „Soziales Virus“ qualifizierte, ein Phänomen, das alles infiziere, wo­bei die Armen und die Mutter Erde am meisten geschädigt würden. Zuletzt bringt er einen Auftrag vor. „Die Korruption ist vermeidbar und ver­langt das Engagement aller“.

Trujillo ist eine andere Stadt, welche Franziskus wählte wegen ihres hohen Index an Kriminalität. Es ist auch eine der Städte, welche die Zerstö­run­gen durch das Phänomen „El Niño“ erlitt, mit schweren Überschwemmungen zu Beginn von 2017. Am Morgen des 20. Jänner empfängt ihn eine Gruppe Jugendlicher am Flughafen mit einem Matrosentanz, einer Art, die man in dieser Region vor allem pflegt.

In Huanchaco, am Meeresufer, erwarten ihn 300.000 Personen, voll Begeisterung. In seiner Predigt spricht er über die Stürme, die diese Küsten peitschen: die Serie von Morden, die Unsicherheit provoziert, den Mangel an Bildung und Arbeit, vor allem für die Jugendlichen, wodurch Or­ga­nisierte Gewalt entstehe. Daher fragt er sich: „Wie kann man diese Situation überwinden?“ Und er gibt sich selbst die Antwort: „Es gibt keinen besseren Ausweg als den des Evangeliums. Er heißt Jesus Christus. Die Peruaner haben in diesem Moment der Geschichte nicht das Recht, sich die Hoffnung nehmen zu lassen“.          

Dann gab es im Seminar von Trujillo eine Begegnung mit Priestern, Seminaristen und Ordensleuten. Es erregte Aufmerksamkeit, dass derjenige, der den Auftrag hatte, ihn zu begrüßen, Antonio Eguren war, Erzbischof von Piura, der zum geschlossenen Kreis von Luis Figari gehört hatte, des Laien, der das „Sodalitium“ gegründet hatte, wegen psychologischen und sexuellen Missbrauchs angeklagt wurde und derzeit in Rom lebt, be­schützt durch den Vatikan.

Franziskus erinnert an den Ruf und die Forderung, die Gott an sie richtet. Der Missionar muss eine fröhliche, mit Gedächtnis und dankbare Per­son sein: „Lass dich vom Herrn anschauen“. „Mit ihm Zärtlichkeit Gottes für viele sein“. „Du bist nicht der Wichtigste“. „Verliert nicht den Re­spekt vor ihm, der euch das Beten gelehrt hat“. „Lasst euch vom Volk Gottes beraten“. Er nimmt das Thema von den Jungen und Alten wieder auf und bringt sie zum Dialog. „Ihr sollt die Alten zum Träumen bringen (Joel 3.1). Und wenn die Jungen das tun, versichere ich ihnen, dass die Alten die Jungen dazu bringen werden, Propheten zu sein.“ Der hier gegenwärtige Nuntius erwähnte einen Spruch, den er in Afrika gelernt hatte: „Die Jungen gehen schnell, aber die Alten sind es, die den Weg kennen“.

Darauf gab es eine marianische Feier im Atrium der Kathedrale. Als er hier über Maria als „Mestizenmutter“ sprach, würdigte er die Gestalt der Frau­en, der Mütter und Großmütter, wahre antreibende Kraft der Familien, und regte zu Gesten des Dankes ihnen gegenüber an. Er qualifizierte die zunehmenden Frauenmorde als eine Seu­che und fügte hinzu: „Maria bringt uns dazu, eine Kultur des Erbarmens auszustrahlen“.

Am Sonntag, dem 21. Jänner, dem letzten Tag seines Aufenthalts in Perú, eröffnete er diesen mit einem Treffen mit den Schwestern in Klausur in der berühmten Kirche des „Señor de los Milagros“, des am meisten verehrten Bildes in Perú. Er bat die Schwestern, für die peruanische Kir­che zu beten, denn sie sei in Gefahr, ihre Einigkeit zu verlieren.

Danach gab es eine Begegnung mit den Bischöfen von Perú. Zunächst sagte er zu ihnen in bezug auf seine Reise: „Danke, dass ihr mir die Mög­lichkeit gegeben habt, den Glauben des Volkes zu erleben.“ Danach hob er ausführlich die Persönlichkeit des zweiten Erzbischofs von Lima hervor, Santo Toribio de Mogrovejo (1538 – 1606), indem er ihn mit Mose verglich, der ebenfalls wünschte, ans andere Ufer zu gelan­gen. Er weckte die Erinnerung an Toribio, weil dieser sich nicht fürchtete, Missbräuche anzuzeigen, die am Volk verübt wur­den. Er erinnerte die Bischöfe, „dass sie Hirten seien und keine Geschäftsleute“. Vielleicht kreuzte durch seinen Sinn die Geschäftemacherei, die man mit den Sa­kramenten in 99 % der Pfarren von Perú betreibt. Wenn du da nicht zahlst, bekommst du keine Messe, keine Taufe, keine Erstkommunion, weder Firmung noch Hochzeit, keine Art von Segen. Schließlich erwähnte er die politische Krise in Perú und ganz Lateinamerika, großteils durch Korruption verursacht. Er streifte den Skandal von Odebrecht, der in Perú ein Erdbeben bedeutete, ein politisches und ein ökonomisches.

Die letzte Messe zelebrierte der Papst in „Las Palmas“, Lima, wo 1 200.000 Leute voll Begeisterung zusammenkamen. Ausgehend von der Mission des Jonas in Ninive und der Mission Jesu in Richtung Galiläa, proklamiert Franziskus, dass „Gott sich in Bewegung setzt, um in unsere Geschichte einzutreten“ und uns zum Engagement im Dienst der Nächsten zu ermutigen. Dass uns angesichts des Schmer­zes und der Ungerechtigkeiten, die in den Städten häufig sind, die „Versuchung überkommt, zu fliehen, uns vor dem Engagement zu drücken.“ Er klagt die Realität der „Nicht-Bürger“ der „Halb-Bürger“ der „in der Stadt Überflüssigen“ an. Wie bei anderen Interventionen lädt Franziskus zur Bekehrung ein: Dass die Erniedrigung überwunden wer­de durch die Brüderlichkeit, dass die Ungerechtigkeit durch die So­li­da­rität besiegt und die Gewalt zum Schweigen gebracht werde durch die Waffen des Friedens. Sein letzter Aufruf bleibt für uns ein dringender Auftrag: „Wie werden wir die Hoffnung entzünden, wenn Propheten fehlen? Wie werden wir die Zukunft meistern, wenn uns die Einigkeit fehlt? Wie können wir Jesus in so viele Ecken bringen, wenn mutige, tüchtige Zeugen fehlen?“

Der Nuntius qualifizierte die Reise so: Perú ist in das Herz des Papstes eingedrungen und der Papst ist in das Herz Perús eingedrungen.

Schlussfolgerung

Es gibt keinen Zweifel: Papst Franziskus ist einzigartig. Er ist ein Papst, der sich von all seinen Vorgängern unterscheidet. Abgesehen von seinen einfachen Gesten, die ihn natürlich mit dem Volk verbinden, und seinem sparsamen Leben, ist er ein Papst, der in Erscheinung tritt als einer, der sich für die großen Angelegenheiten der Menschheit zugunsten des Lebens engagiert, speziell des Lebens der Armen. Er behandelt zum ersten Mal Themen, die bis jetzt für die Päpste Tabus waren: die Ökologie, die Möglichkeit für Wiederverheiratete, die Kommunion zu empfangen, die Ablehnung des Klerikalismus, den Schutz für Migranten, das Diakonat für Frauen, das Geschäft mit Messen und Sakramenten in den Pfarren. Und er wiederholte mit Nachdruck, dass „die Messen gratis sind“.

Sowohl im Vatikan als auch auf sei­nen Reisen bringt er immer mit schlichten Worten und Beispielen eine Botschaft von Gerechtigkeit und Barm­herzigkeit mit. Es kommen tagtägliche Sorgen wie dass man Essen nicht verschwenden, dass man Kindern zuhören soll und die Jungen sich an der Weisheit der Alten freuen sollen. Aber er spricht auch heiße Themen an wie den Krieg, die Erderwärmung, das generalisierte Un­recht, den illegalen Bergbau, Die Mordserien, der Virus der Korruption, Misshandlung von Menschen, der Raub von Territorien der Indigenen des Urwaldes, die Globalisierung der Gleichgültigkeit.

Und alles, was er spricht, ist gekennzeichnet durch die vorzügliche Option für die Armen, zentrales Prinzip der Befreiungstheologie. Der Papst spricht nicht direkt über diese Theologie, aber es ist klar, dass sie in der Basis seiner Aktionen und seiner Worte ihren Platz hat. Das bringt uns da­zu, zu befürworten, was ich bei einer anderen Gelegenheit gesagt habe. Und es ist so, dass sich nach und nach die Befreiungstheologie in die Theologie der Kirche verwandelt, um das Herz Gottes zu berühren, das sich geoffenbart hat in der Bibel und in der Pachamama. Und um das Herz der Ärmsten, Ausgeschlossenen zu berühren.

Nicht alles ist perfekt gelaufen. In Santiago bat er um Verzeihung wegen des sexuellen Missbrauchs durch viele Priester, aber er ärgerte sich, weil man ihn über den strittigen Bischof Barros befragte. In Perú sprach er das Thema der Gemeinschaft Sodalitium nicht an, es bleibt weiterhin wie eine offene Wunde für die Kirche von hier. Bereits auf dem Rückflug, gab er dann doch vor Journalisten Antwort auf diese Themen. Viele sag­ten, es reiche nicht, die Missbräuche zu verurteilen. Der Papst müsste rasch und effizient Handlungen für die Opfer setzen. Die Zeiten haben sich geändert. Wie heilsam ist es, Franziskus zuzuhören, wenn er bei diversen Interviews von sich selbst sagt, dass er ein Sünder sei und sich irre. Wie heilsam ist es, dass wir von der Basis aus ihm sagen können, was wir denken, auch wenn er einen Irrtum begangen hat.

Das Eindrucksvollste ist dennoch, dass der Papst kam, um uns zu besuchen, dass er zu uns mit aufrichtigem Herzen sprach und uns zur Umkehr ein­lud. Er hinterließ uns viele Aufgaben. Es liegt in unseren Händen, seine Botschaft anzunehmen und in unserer Zeit und an unserem Ort uns für die Sache der Armen von Perú und der Welt zu engagieren, welche die Sache Got­tes ist.

Übersetzung für „KC“:

Elsa Wolfbauer

Der Autor:

Luis Edmundo Zambrano Rojas, 1946 in Ica (Peru) geboren. Lehrer, Priester und Dichter. In der Terrorismuszeit Ver­ant­wortlicher des Menschenrechts­bü­ros der Diözese Puno. Zambrano studierte von 1977 bis 1981 an der Uni­ver­si­tät Innsbruck und war zu dieser Zeit auch in Kontakt mit der AKC. Dann ging er zu Norbert Greinacher an die Uni­ver­si­tät Tübingen (Deutschland), wo er 1982 zum Doktor der Theologie promovierte. Seit 1994 ist er Pfarrer in „Pueblo de Dios", (Gottes Volk) Juliaca (Pe­rú). Er treibt mit vielen anderen die „andine Theologie".

 

 

Balázs Németh:

NÄCHSTENLIEBE ALS WEG ZUR SOLIDARISCHEN GERECHTIGKEIT

Im Gedenken an Ute Bock (27. 6. 1942 - 19. 1. 2018)

In der jüngsten Zeit haben einige prominente europäische Politiker das biblische Gebot der Nächstenliebe für ihr Volk neu interpretiert. Der öster­reichische Vizekanzler HC Strache sagte: Nächstenliebe betrifft nur die wirklich Nächsten, nicht aber die „Übernächsten“. Der unga­ri­sche Ministerpräsident Viktor Orbán verkündete in seiner Weihnachtsansprache, dass in dem Gebot „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“ für die Ungarn ausschließlich der zweite Teil, das „wie dich selbst“, maßgebend sei – als Schutz und Bewahrung der eigenen Kultur und des eigenen Volkes und als Abwehr fremder Invasionen. Diese narzistische Wagenburg-Mentalität ergießt sich über Europa wie eine Land­plage, wo sie die Nächstenliebe als eine Art Abwehrbastion des christlichen Abendlandes verfälscht und instrumentalisiert. Alle ihre Maß­nahmen treffen die Schwachen, die Gefallenen, die Ausgegrenzten und die Fremden. Und dafür soll die Nächstenliebe herhalten! Martin Luther sah das Wesen aller Sünde darin, dass der Mensch „auf sich selbst hin verkrümmt(„in se ipsum in curva“). Daraus entsteht Selbst­bezogenheit, auch in gesellschaftlicher und nationaler Hinsicht, anstelle von Gottes- und Nächstenliebe.

Den absoluten Gegensatz dazu bildet die biblische Schlüsselstelle über die Nächstenliebe im Gleichnis Jesu über den barmherzigen Samariter. Ihre Kernaussage: Not ist das einzige Kriterium für Zuwendung, Solidarität und Hilfe, und nicht die Frage, ob der Betroffene Freund oder Feind ist. Hier liegt die Wurzel solidarischer Gerechtigkeit: unten ansetzen bei den Kleinen, Schwachen, Benachteiligten, Aus­ge­­beuteten und Opfern. Sie müssen aus der Tiefe geholt werden, so wie der verwundete Überfallene auf der Straße zwischen Jerusalem und Je­ri­cho. Diese einseitige Zuwendung ohne Wenn und Aber wird in der Bibel als Gerechtigkeit thematisiert. Das führt zur gesellschaftlichen Har­monie und zum Frieden – wichtige Kategorien bei an­tiken Kleingemeinschaften für ihren Zusammenhalt und als Garantie für einen weit­gehend egalitären Lebensstrom. Das stand auch im Zentrum der Botschaft Jesu.

Die neutestamentliche Grundlage dafür bildete die Annahme und die Gerechtmachung des Menschen durch die vorauseilende Liebe Gottes durch Jesus Christus. Diese bedingungslose Annahme führt zu der Erkenntnis: Der Mensch ist nun frei, um für das Wohlergehen der Näch­sten zu sorgen. Klassisch hat Luther das in seiner Schrift über die christliche Freiheit so formuliert: „So gebe ich mich selbst wie einen gewissen Christus, ja, als einen Christus meinem Nächsten“. Daher wird der Mensch erst zum Menschen, wenn er Verantwortung für den Näch­sten übernimmt, denn Freiheit realisiert sich in Verantwortung. Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer sagte: Nachdem Jesus Christus sein Leben für Andere geführt hat, ist das Entscheidende im Christsein ein „Da-sein für Andere“. Dass so etwas auch heute möglich ist, zeigt das Leben und Wirken der kürzlich verstorbenen Ute Bock, die auf eindrucksvolle Weise die „kompromisslose Nächstenliebe“ (Gertrude Hennefeld) verkörperte.

Ich bin angenommen, also bin ich – so könnte man den  Satz des französischen Philosophen René Descartes umwandeln. Eben deshalb wir­ken sich verweigerte Annahme, alle Formen der Ablehnung und Ausgrenzung verheerend aus. Und sie entpuppen sich letztendlich als selbst­mör­derischer Bumerang, denn sie können zu aggressiven Reaktionen und zu Gewaltausbrüchen führen. Papst Franziskus ortete hier eine der Wur­zeln der islamistischen Gewalt. Das sollten sich auch Politiker, die mit Flüchtlingen zu tun haben, in ihr Stammbuch schreiben, anstatt sie in der Prairie „konzentrieren“ zu wollen.

Ich habe bis dahin nur über die von Person zu Person gestaltete Nächstenliebe gesprochen, nicht aber über die erforderlichen strukturellen Maßnahmen, um Gerechtigkeit nachhaltig herstellen zu können. Allerdings begegnet man häufig der Ansicht, dass Nächstenliebe nur für den Be­reich persönlicher Hilfe und Zuwendung gilt, darüber hinaus solle sie sich nicht in politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fragen exponieren. Andere dagegen sind der Meinung, wenn Nächstenliebe nur auf der persönlichen Ebene in Erscheinung tritt, so ver­bin­det sie bloß die Verwundeten und tröstet sie, aber sie stabilisiert damit ein Unrechtssystem (Karl Marx).

Es stimmt, dass in der Bibel über Nächstenliebe nur in persönlichen Kategorien gesprochen wird. Das hat damit zu tun, dass im Altertum ab­strakte Begriffe und strukturelle Kategorien generell nur rudimentär und andeutungsweise an bestimmten persönlichen Bezügen zu erkennen sind und häufig mit Bildern umschrieben wurden, wie beispielsweise Barmherzigkeit mit Gebärmutter.

Jesus hat in seinen Reden und Handlungen strukturelle Fragen und Kategorien mehrfach angedeutet. Klassisch sind dafür die Bilder vom neu­en Flicken auf dem alten Kleid und vom neuen Most in alten Schläuchen. Aber darüber hinaus hat er immer wieder strukturelle Probleme und Fragen angesprochen, die eine grundsätzliche Änderung bringen sollten: Gerechte Entlohnung im Gleichnis von den Arbeitern im Wein­berg, Grenzen des Privateigentums in der Begegnung mit dem reichen Jüngling, die Beendigung der verheerenden Schuldsklaverei in gleich mehreren Gleichnissen, die teilende Gesellschaft als Basis für eine genossenschaftliche Gemeinschaft im Bericht über die Speisung der Fünf­tau­send usw. Rudimentäre Andeutungen in der Tat, die aber die Problematik struktureller Sünden deutlich offen legen und Raum geben für die strukturellen Formen einer gerechten, solidarischen Gesellschaft. Diese Fragen hat in jüngster Zeit auch Papst Franziskus in seinen En­zyk­liken als theologische Herausforderung und Verantwortung deutlich angesprochen.

Etliche Politiker und Wirtschaftskapitäne der Wagenburgmentalität laufen Sturm gegen diese Kon­se­quenzen der Nächstenliebe, denn sie ste­hen nach ihrem Urteil einem globalisierten Kapitalismus im Wege, der dem Profit und nicht der Menschlichkeit den Vorrang gibt und die Bür­ger und Bürgerinnen nicht nach ihrem Mensch-Sein sondern nach ihrer Verwertbarkeit beurteilt. Diese Weltenlenker und auch die Ritter des christlichen Abendlandes wollen Gott am liebsten entweder in der Kirche einsperren oder ihn überhaupt im Himmel belassen und nicht zum Menschen werden lassen. Darum kann man oft den Ruf hören: Kirche bleib bei deinem Leisten! Befass dich mit deiner ureigenen Auf­ga­be, der Spiritualität! Auch die oft gehörte Empfehlung einer strikten Trennung zwischen Gesinnungsethik und Verantwortungsethik kommt hier ins Spiel.

Damit wird allerdings die zentrale Aussage der Bibel, nämlich die Menschwerdung Gottes und seine Identifikation mit dem Menschen, rückgängig gemacht. Gerade auf diese totale Identifikation weist Jesus in seinem Gleichnis vom Weltgericht hin. Da sagte er zu den er­staun­ten Menschen zu seiner Rechten, die Nackte bekleidet, Kranke und Gefangene besucht, Hungrigen zu essen gegeben hatten, „dies habt ihr an mir getan“.

Diese biblischen Überlegungen hat der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer für uns weitergeführt und gesagt: „Gott ist in unserem Leben jenseitig“. Er ergänzte diesen Satz mit der grundsätzlichen Feststellung: Das Diesseits (= das Vorletzte) darf gerade um des Letzten (= Reich Gottes) willen nicht vorzeitig aufgegeben werden. Damit sagte er etwas Grundsätzliches über die Deckungsgleichheit zwischen Welt­wirk­lichkeit und Christwirklichkeit, die für seine Theologie und Ethik von entscheidender Bedeutung waren: „Wie in Christus die Got­te­s­wirk­lichkeit in die Weltwirklichkeit einging, so gibt es das Christliche nicht anders als im Weltlichen, das ‚Übernatürliche‘ nur im Natürlichen, das Heilige nur im Profanen, das Offenbarungsmäßige nur im Vernünftigen. .. Dennoch ist das Christliche nicht identisch mit dem Weltlichen, das Natürliche mit dem Übernatürlichen, das Offenbarungsmäßige mit dem Vernünftigen, sondern es besteht vielmehr zwischen beiden allein in der Christuswirklichkeit, und das heißt im Glauben an diese letzte Wirklichkeit gegebene Einheit.“ Bonhoeffer greift hier den reformatori­schen Diskurs über Christi Gegenwart in der Welt auf (Ubiquitätslehre).Er zieht daraus die radikale Konsequenz für Christen, nämlich dass Christ­sein nicht etwas speziell Religiöses ist, denn – so seine Worte: Nicht der religiöse Akt ... macht den Christen, sondern das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben; und ein solches Leben heißt: Dasein für Andere.

Ich hoffe, dass viele Christen und Kirchen, aber auch Gestalten der Politik und der Wirtschaft, dieser Vorstellung von Nächstenliebe bei­pflich­ten und danach handeln, und nicht einer gefährlichen narzistischen Wagenburgmentalität frönen, die zwar heute möglicherweise Profit und Sicherheit bringt, aber morgen und übermorgen zur Lebensbedrohung werden kann.