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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 456/457                                     März/April 2022

 

 

 

Wolfgang Palaver

 

KRIEG IST KEIN MITTEL DER POLITIK

 

Jeder Krieg hinterlässt die Welt schlechter, als er sie vorgefunden hat. Krieg ist ein Versagen der Politik und der Menschheit“ heißt es in der En­zyklika „Fratelli tutti“, und mit diesen Worten reagierte Papst Franziskus auf den Angriff Russlands gegen die Ukraine. Krieg darf kein Mittel der Politik mehr sein. Seit 1928 (Briand-Kellogg-Pakt) gilt der Krieg völkerrechtlich als geächtet. Auch die Charta der Vereinten Nationen ver­bie­tet jeden Angriffskrieg. Papst Franziskus distanzierte sich in „Fratelli tutti“ von der klassischen Lehre vom gerechten Krieg, weil damit viel zu oft „krie­gerische Handlungen unzulässigerweise“ gerechtfertigt wurden. Wenn Russland als Grund für die Invasion der Ukraine seine Vertei­di­gung nennt, ist das nur ein Beispiel für einen solchen Missbrauch. Die Verteidi­gung der Ukraine zählt hingegen auch für die Vereinten Nationen zu je­­nen Fällen, in denen militärischer Widerstand erlaubt ist. Selbst Mahatma Gandhi, der Prophet der Gewaltfreiheit, erklärte einst den military­schen Widerstand Polens gegen die Übermacht Hitlers als „fast gewaltfrei“. Es ist gut, dass der Westen jetzt nicht selbst eingreift und so die Eska­la­tion zu einem Weltkrieg verhindert. Sanktionen – und zwar solche, die auch von uns Opfer verlangen – müssen aber durchgesetzt werden, um deut­lich zu machen, dass Krieg kein Mittel der Politik sein darf.

 

Die Weltreligionen haben in den letz­ten Jahren verstärkt die Bedeutung der Gewaltfreiheit betont und zur universalen Geschwisterlichkeit auf­ge­rufen. Die Enzyklika „Fratelli tutti“ ist dafür ein gutes Beispiel. Sie baut auf das „Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein fried­liches Zusammenleben in der Welt“ auf, das Papst Franziskus 2019 gemeinsam mit dem Großimam von Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, un­ter­­zeichnete.

 

Zeigt sich diese religiöse Abkehr vom Krieg auch in der Ukraine? Der „Ukrainische Rat der Kirchen und Religiösen Organisationen“ verurteilte – wie mir die Innsbrucker Orthodoxie-Expertin Kristina Stoeckl mitteilte – noch am Tag des Einmarschs den russischen Angriff und rief zu Frie­den und Loyalität mit der ukrainischen Regierung auf. Das Erstaunliche an diesem gemeinsamen Appell ist, dass sich ihm nicht nur Evan­ge­li­kale, Protestanten, Katholiken, Juden und Muslime anschlossen, sondern auch alle in der Ukraine existierenden Vertreter der Orthodoxie: die Or­tho­doxe Kirche der Ukraine, die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche und die Ukrainische Orthodoxe Kirche. Obwohl letztere Kirche dem Moskauer Patriarchen untersteht, hat sie sich diesem Friedensappell angeschlossen. Religionen können Frieden und Geschwisterlichkeit star­ken, wenn sie sich ganz auf Gott einlassen, der für die Absage an die Gewalt steht. In „Fratelli tutti“ betont Papst Franziskus, dass es um den „Blick Gottes“ geht, der Frieden möglich macht und uns verstehen lässt, „dass Gewalt keinerlei Grundlage in den fundamentalen religiösen Über­zeu­gungen“ hat. Er erinnert die Christen an Jesus, der nie „Gewalt oder Intoleranz“ schürte. Religionen versagen dann in ihrer Friedensauf­ga­be, wenn sie sich nicht vom „Gottesbewusstsein“ – wie das Martin Buber am Beispiel der jüdischen Propheten erkannte – leiten lassen, son­dern sich irdischer Macht verschreiben. Vielleicht erklärt sich dadurch auch, dass der Moskauer Patriarch das Wort Krieg nicht in den Mund nimmt. Die Versuchung ist groß, Putins religiös motivierte „Heimholung“ Kiews – der Wiege der russischen Orthodoxie – zu unterstützen. Buber würde diese Haltung als die Vorherrschaft von „Staatsbewusstsein“ kritisieren.

 

Am Krieg gegen die Ukraine ist auch der Westen nicht unschuldig, denn wo immer in den letzten Jahren der Westen zum Mittel des Kriegs griff, lie­ferte er Gründe, die heute auch der russischen Führung zur Rechtfertigung dienen. Anstelle von Krieg muss heute „prophetische Gewalt­frei­heit“ treten, meinte vor wenigen Tagen Papst Franziskus zu Universitätsstudenten aus Nord- und Südamerika.

 

Aus: „Tiroler Sonntag“, 3. 3. 22 (meinekirchenzeitung.at/tirol-tiroler-sonntag)

 

Wolfgang Palaver. geb. 1958 in Zell/Ziller, ist Professor für Christliche Gesellschaftslehre an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck (seit 2002). Von März 2013 bis Februar 2017 war Wolfgang Palaver auch Dekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Innsbruck. Im Sommersemester 2021 war er als Research Fellow am Stellenbosch Institute for Advanced Study (Südafrika) für ein Gandhi-Projekt tätig.

Palaver ist seit März 2019 Präsident von Pax Christi Österreich (PCÖ).

 

 

Kardinal Gregorio Rosa Chávez:

 

ZUM GEDENKEN AN DIE MÄRTYRER DER KIRCHE VON EL SALVADOR

 

Gekürzte Fassung der Predigt von Kardinal Gregorio Rosa Chávez, Weihbischof von San Salvador, anlässlich der Selig­sprechung von Rutilio Grande, Cosme Spessoto, Manuel Solórzano und Nelson Lemus am 22. Januar 2022

 

Wer sind wir, die wir heute hier sind? Wir sind ein Abbild des gan­zen salvadorianischen Volkes und sind aus allen Teilen des Landes ge­kom­men. Es sind arbeitende Männer und Frauen aus den ländlichen Gebieten, die vor Freude darüber jubeln, dass die Kirche die Heiligkeit derer an­erkennt, die ihr Leben in den Dienst der Kirche gestellt haben. Es sind auch Vertreter der Gemeinschaften anwesend, denen Fr. Cosme und Fr. Rutilio gedient haben. Mit Manuel Solórzano und dem jungen Nelson Rutilio haben wir Vertreter jener „großen Schar, die niemand zählen kann“ bei uns, d. h. der unzähligen anonymen Märtyrer, die zu jener symbolträchtigen Zahl von 75.000 Toten gehören, die wir während des Bruderkriegs betrauerten, der uns zwölf Jahre lang ausblutete und mit der Unterzeichnung des Friedensabkommens durch die gegnerischen Par­tei­en ein glückliches Ende fand. Um zu verstehen, was es bedeutet, wenn wir sagen, dass die Kirche in El Salvador eine Kirche der Märtyrer ist, haben wir einen Text aus der Offenbarung gehört. Der Autor dieses heiligen Buches sieht „eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen, Stämmen und Völkern und Sprachen, die vor dem Thron und vor dem Lamm standen, weiß gekleidet und mit Palmzweigen in ih­ren Händen“ (Offb 7,9). Alle, die zu dieser großen Schar gehören, haben etwas gemeinsam: Sie alle „sind aus der großen Prüfung hervor­ge­gan­gen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und sie weiß gemacht im Blut des Lammes“ (Offb 7,14).

 

Von den vier Märtyrern aus El Salvador, die gerade seliggesprochen wurden, können wir mit den Worten der Offenbarung 7.14 auch sagen, dass „sie diejenigen sind, die aus der großen Prüfung hervorgegangen sind“ und „ihre Gewänder gewaschen und sie im Blut des Lammes weiß gemacht haben“. In der Tat kann der Bruderkrieg, in dem sie durch ihr Martyrium „ihre Gewänder gewaschen und sie weiß gemacht haben im Blut des Lammes“, als „große Prüfung“ für unser geliebtes Land bezeichnet werden... Wie bei den Märtyrern der Offenbarung vermischte sich das von ihnen vergossene Blut, mit dem sie das höchste Zeugnis ihres Glaubens besiegelten, mit dem all der unschuldigen Opfer, deren Namen nicht annähernd bekannt sind. Aber Gott weiß um ihr Zeugnis. Dieses vergossene Blut, vereint mit dem Blut Christi, ist eine Quelle der Hoff­nung für unser Volk. Vor allem, weil Gott in der Person der Märtyrer allen unschuldigen Opfern Recht gegeben hat. Rutilio, Manuel, Nelson und Cosme geben all den unschuldigen Opfern einen Namen, die auf dem frevelhaften Altar der Götzen der Macht, des Vergnügens und des Gel­des geopfert wurden. Das von unseren Märtyrern vergossene Blut, das mit dem des Opfers Christi am Kreuz verbunden ist, ist der Same der Ver­söhnung und des Friedens (vgl. Eph 2,14-16).

 

Das „große Martyrium“ bestand nicht nur aus dem gewaltsamen Tod, sondern auch aus den ungerechten Verleumdungen, die über die meisten der Opfer verbreitet wurden. Wie sehr litten Tausende von Familien unter der unverdienten Verleumdung, Diffamierung und Entehrung, die ih­ren Schmerz noch schwerer zu ertragen machten! Die Zunge, so heißt es in der Schrift, kann zum Lob Gottes eingesetzt werden, sie kann aber auch zum Mörder werden. Das Reich Gottes ist das genaue Gegenteil: Es ist Licht und Wahrheit, es ist Heiligkeit und Recht, es ist Gerechtigkeit, Liebe und Frieden.

 

Wir sind eine Kirche der Märtyrer, aber wir sind ziemlich passiv: Wir sind uns des Schatzes, den wir in tönernen Gefäßen tragen, nicht voll be­wusst. Was Papst Franziskus 2015 in Kampala, Uganda, gesagt hat, gilt auch für uns: „Bittet um die Gnade der Erinnerung. Das Blut der ugandischen Katholiken ist mit dem Blut der Märtyrer vermischt. Verliert nicht die Erinnerung an diese Saat, damit ihr weiter wachsen könnt.“

 

Die erste dringende Aufgabe besteht also darin, die Erinnerung wiederzuerlangen. In Lateinamerika geht es bei der Erinnerung darum, das Evan­gelium und die Lehre der Kirche zu leben, vor allem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil und der Generalversammlung der Bischöfe unseres Kontinents in Medellín im Jahr 1968. Ein deutliches Beispiel dafür ist Rutilio Grande. Nachdem er den Ausbildungslehrgang am La­tein­amerikanischen Pastoralinstitut in Ecuador absolviert und die Erfahrung der Arbeit mit den ländlichen Gemeinden und der indigenen Be­völ­ke­rung in der Diözese Riobamba zur Zeit von Bischof Leonidas Proaño gemacht hatte, kehrte er mit einer klaren und unerschütterlichen Op­tion für die Armen in unser Land zurück. Er steht an der Spitze der Liste unserer Märtyrer. Ihm folgten 20 Priester, drei Ordensfrauen und ein US-amerikanischer Laienmissionar sowie Hunderte von anonymen Märtyrern. Der berühmteste unter den Seelsorgern ist natürlich Erzbischof Romero, aber wir können nicht um­hin, einen anderen Bischof zu erwähnen, Roberto Joaquín Ramos, der im Juni 1993 ermordet wurde. Die An­wesenheit von zwei Laien – Manuel Solórzano und Nelson Rutilio Lemus – ist wie ein Fenster, durch das wir einen Blick auf die Realität der „großen Schar, die niemand zählen konnte“ (Offb 7,9) werfen können.

 

Unsere Märtyrer können uns helfen, die Erinnerung und die Hoffnung wiederzuerlangen, damit wir den Traum von einem versöhnten und fried­lichen Land nicht aufgeben, einem Land, wie es unser Gott will, gerecht, brüderlich und solidarisch. Dazu müssen wir den Geist der Frie­dens­vereinbarungen und den darin festgelegten Fahrplan wiederbeleben.

 

Ich bin Rutilio nur einmal begegnet, als er ins Seminar kam und mich bat, ihm die Weinfässer zu zei­gen, die im ganzen Land für die Messe verwendet wurden. In unserem kurzen Gespräch erzählte er mir, dass sein Vater Winzer war und dass der Wein ein lebendiger Organismus ist. Um dies zu verdeutlichen, erinnerte er mich an die Worte von Jesus: „Neuer Wein wird in neue Schläuche gefüllt.“ Wer hätte gedacht, dass sich an einem Samstag, dem 12. März 1977, sein Blut mit dem von Jesus Christus, „dem treuen Zeugen“, vermischen würde?

 

Es erfüllt mich mit Freude zu sehen, wie die Pfarrgemeinde von Bruder Cosme ihn als einen Seelsorger verehrt, der sich nicht durch seine Be­red­samkeit auszeichnete, sondern wie sein heiliger Gründer „das Evangelium verkündete, wenn nötig mit Worten“. Der Titel „Märtyrer der Versöhnung und des Friedens“ unterstreicht sehr treffend seine Rolle als treuer Nachfolger Jesu. Im Kriegsgetümmel scheute er keine Gefahr und hörte nicht auf, seine Herde gegen die Militärbehörden und die aufständischen Gruppen zu verteidigen. Und er begegnete vielen jungen Men­schen auf dem Schlachtfeld und erinnerte sie daran, dass er sie getauft hatte und forderte sie auf, den Weg der Gewalt zu verlassen. Seine Worte wurden nicht beachtet, aber er machte deutlich, dass Gewalt niemals der Weg zum Frieden sein würde.

 

Erzbischof Romero drückte denselben Gedanken bei der Requiem-Messe für Rutilio, Manuel und Nelson aus: „Es ist die wahre Liebe, die Ru­ti­lio Grande in den Tod führte, mit zwei Landarbeitern an seiner Seite. Das ist die Liebe der Kirche; sie stirbt mit ihnen und sucht mit ihnen die Trans­zendenz des Himmels. Sie liebt sie, und es ist bezeichnend, dass Pater Grande, als er in sein Dorf reiste, um die Botschaft der Eucharistie und des Heils zu verkünden, genau dort im Kugelhagel fiel. Ein Priester mit seiner Landgemeinde, auf dem Weg in sein Dorf, um sich mit ihnen zu identifizieren, um mit ihnen zu leben, kein revolutionärer Traum, sondern ein Traum, der von der Liebe inspiriert ist, denn es ist die Liebe, die uns inspiriert, Brüder und Schwestern.

 

Wer weiß? Die kriminellen Hände, die bereits exkommuniziert wurden, hören vielleicht in ihrem Versteck meine Worte über ein Radio, sie hö­ren mit ihrem Gewissen. Wir wollen euch sagen, kriminelle Brüder, dass wir euch lieben und dass wir Gott bitten, eure Herzen zur Umkehr zu brin­gen, denn die Kirche ist unfähig zum Hass, sie hat keine Feinde. Wenn sie Feinde hat, dann sind es Menschen, die sich selbst zu ihren Fein­den erklärt haben. Aber die Kirche liebt sie und stirbt mit den Worten Christi auf den Lippen: ,Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.‘“

 

Bruder Cosme hat uns dieselbe Lektion hinterlassen, als er in seinem kurzen Testament, das er „im Falle eines unerwarteten Todes“ zu er­öff­nen wünschte, den uns allen bekannten Text findet: „Ich sehe voraus, dass fanatische Menschen mir jederzeit das Leben nehmen können. Ich bitte den Herrn, dass er mir, wenn der Augenblick kommt, die Kraft gibt, die Rechte Christi und der Kirche zu verteidigen. Als Märtyrer zu ster­ben, wäre eine Gnade, die ich nicht verdiene... Im Voraus vergebe ich und bitte den Herrn, diejenigen zu bekehren, die mich töten.“

 

Papst Franziskus drückt diese Ideen auf verschiedene Weise aus: eine Kirche, die „die süße Freude des Evangelisierens lebt“, eine auf­ge­schlos­sene Kirche, eine Kirche, die auf die Straße geht und dabei das Risiko eingeht, einen Unfall zu haben; eine Kirche, die ein „Feldlazarett“ ist; eine Kirche, die das Antlitz Gottes zeigt, nah, zärtlich und barmherzig; eine Kirche, die das Reich Gottes vergegenwärtigt, eine Kirche, in der sich jeder „zu Hause“ fühlt, „eine arme Kirche für die Armen“.

 

Gregorio Rosa Chávez, geb. 1942 in Sociedad (El Salvador), wurde 1970 zum Priester geweiht. 1977 – 82 war er Rektor des Priesterseminars und Theologieprofessor in San Salvador sowie enger Mitarbeiter des 1980 ermordeten Erzbischofs Oscar Arnulfo Romero. Seit 1982 ist Rosa Chávez Weihbischof und Generalvikar von San Sal­vador, außerdem Präsident der Caritas für Lateinamerika und die Karibik. 2017 ernannte ihn Papst Franziskus zum Kardinal. Rosa Chávez, der als Sachwalter des geist­lichen und kirchenpolitischen Er­bes von Erzbischof Romero gilt, ist damit weltweit der einzige Weihbischof im Kardinalsrang – eine bewusste Würdigung durch Papst Franziskus, der die Selig- und Heiligsprechung Romeros gegen innerkirchliche Widerstände durchgesetzt hatte.

 

Quelle: „The Tablet“, Internationale katholische Wochenzeitung, London, 25. 1. 2022

 

 

KAIROS PALÄSTINA“ ZUM ISRAEL-BERICHT VON „AMNESTY INTERNATIONAL“

 

Amnesty International (AI) hat am 1. Februar 2022 einen Bericht über die Menschenrechtssituation in Israel und den von ihm besetzten Gebieten veröffentlicht und da­mit heftige Reaktionen sowohl der Politik als auch in Medien ausgelöst. Allerdings wurde weniger über die dokumentierten Menschenrechtsverletzungen diskutiert als über den Begriff des „Apartheidstaates“. In diesem Zusammenhang wurde sogar der Vorwurf des „Antisemitismus“ gegen Amnesty International erhoben. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft forderte AI sogar auf, den Friedensnobelpreis zurückzugeben! Die Menschenrechtsorganisation hat die Vorwürfe zurückgewiesen und be­tont: „Amnesty wendet sich gegen jede Form von Diskriminierung ob aufgrund von Religion, Staatsangehörigkeit, ethnischer Zugehörigkeit, Geschlecht, sexueller Orien­tierung, Geschlechtsidentität oder anderen geschützten Merkmalen. Antisemitismus, Rassismus und andere Formen von Diskriminierung stehen im Gegensatz zu den Menschenrechten.“

 

Ausdrücklich begrüßt wurde der Amnesty-Bericht von „Kairos Palästina“, einer breiten palästinensischen christlichen, ökumenischen und gewaltfreien Bewegung, die 2009 mit dem Aufruf „A Moment of Truth“ entstand, der von allen anerkannten palästinensischen christlichen Organisationen unterzeichnet und von den Kirchen­füh­rern in Jerusalem unterstützt wurde. Wir drucken die Stellungnahme im Wortlaut in eigener Übersetzung ab:

 

Der Vorstand, die Mitarbeiter und Unterstützer von Kairos Palästina begrüßen den bedeutenden Bericht von Amnesty International, „Israels Apart­heid gegen Palästinenser: Grausames Herrschaftssystem und Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Wir schätzen den Mut von Am­ne­sty International, öffentlich zu dokumentieren, was seit Jahrzehnten palästinensische Menschenrechtsorganisationen und in jüngerer Zeit auch prominente israelische und internationale Menschenrechtsgruppen festgestellt haben: Israels Gesetze, Politik und Praktiken stellen einen Apart­heid­staat dar.

 

Der über 270-seitige Bericht legt die Realität offen: „Seit seiner Gründung im Jahr 1948 verfolgt Israel eine ausdrückliche Politik der Errich­tung und Aufrechterhaltung einer jüdischen demographischen Hegemonie und der Maximierung seiner Kontrolle über Land zu Gunsten der jü­dischen Israelis, während die Zahl der Palästinenser minimiert, ihre Rechte eingeschränkt und die Möglichkeit, diese Enteignung an­zu­fech­ten, behindert wird.

 

Wir sind besonders dankbar, dass Amnesty International seinen Bericht mit einem Hinweis auf die Wurzeln des Volksaufstands vom Mai 2021 beginnt, der Palästinenser in ganz Israel, im Gazastreifen und im Westjordanland (einschließlich des illegal annektierten Ostjerusalem) zusam­men­führte. Die brutale Reaktion Israels hat die Welt nicht nur auf die mehr als siebzigjährige Besatzung durch Israel aufmerksam gemacht, son­dern auch unseren Ruf nach Gerechtigkeit und unseren Zusammenhalt gestärkt.

 

Kairos Palästina ruft die Kirchen, die Zivilgesellschaft und die Regierungen in aller Welt auf, die anhaltende Diskriminierung, die Enteignung von Land, die Niederschlagung des gewaltlosen Widerstands, die Unterdrückung zivilgesellschaftlicher Organisationen und willkürliche Tötun­gen anzuerkennen und Druck auf den Staat Israel auszuüben, damit er seine Besetzung und Apartheid beendet.

 

Palästinensische Christen aus dem gesamten religiösen Spektrum kamen 2009 zusammen, um das historische Dokument „Ein Moment der Wahr­­heit: Ein Wort des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe aus dem Herzen des palästinensischen Leidenszu veröffentlichen.

 

Darin erklärten wir: „Unsere Botschaft an die Juden lautet: Wir haben uns bekämpft und kämpfen auch heute noch gegeneinander, aber wir kön­nen auch lieben und miteinander zusammenleben. Wir können unser politisches Leben, in all seiner Komplexität, nach dem Grundprinzip der Liebe und ihrer Kraft organisieren, wenn erst einmal die Besetzung beendet und die Gerechtigkeit  wiederhergestellt ist.“ (Kairos Palästina Do­­ku­ment, Kapitel 5.4.2)

 

Wir glauben an Gott, an den gütigen und gerechten Gott. Wir glauben, dass am Ende Seine Güte den Sieg über das Böse des Hasses und des To­des davontragen wird, die noch immer in unserem Land herrschen. Wir werden hier ,ein neues Land’ und ,einen neuen Menschen’ ent­decken, der imstande ist, sich im Geiste der Liebe zu allen seinen Brüdern und Schwestern zu erheben.“ (Kairos Palästina Dokument, Kapitel 10)

Jerusalem, 4. Februar 2022

 

Quelle: www.kairospalestine.ps

 

Der Wortlaut des Berichts von Amnesty International „Israel’s apartheid against Palestinians: a cruel system of domi­na­tion and a crime against humanity“ ist im Internet abrufbar: www.amnesty.org

 

 

 

BUCHTIPP:

 

Petra Morsbach, Der Elefant im Zimmer. Über Machtmissbrauch und Widerstand. Essay. Penguin, München 2020, 361 Seiten, € 22,70.                                                                                                                

 

Der oder das Essay, so definiert es ein Lexikon, ist „eine geistreiche Abhandlung, in der wissenschaftliche, kulturelle oder gesellschaftliche Phä­nomene betrachtet werden. Im Mittelpunkt steht oft die persönliche Auseinandersetzung des Autors mit einem Thema. Die Kriterien wis­sen­schaftlicher Methodik können dabei vernachlässigt werden; der Schreiber, der Essayist, hat relativ große Freiheiten. All diesen Kriterien ent­spricht der vorliegende Essay ziemlich genau, außer, dass er nicht aus der Feder eines „Schreibers“, sondern von einer Schreiberin, mithin einer „Essayistin“ stammt.

 

Dabei hat Petra Morsbach sich bisher vor allem als Romanautorin einen Namen gemacht. Große Beachtung fand ihr 2004 erschienener Roman „Gottesdiener“ über einen Priester in Niederbayern. „Mit Einfühlungsvermögen, Milieukenntnis und ohne je in denunziatorische Billigkeit ab­zu­schmie­ren, entsteht das nüchterne Bild einer Glaubenslandschaft, deren Blütezeit sich nur als schaler Abglanz in die Gegenwart gerettet hat“, ur­teilte die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG. In „Justizpalast“, 2017 erschienen, zeichnete Morsbach – wenn auch in fiktiver Form – ein umfassendes Bild vom System der Rechtsprechung in Deutschland. Das Buch trug ihr, noch im selben Jahr, höchstes Lob, auch von „Fachseite“ ein: „Ich habe nie einen literarischen Text gelesen, in dem über die Justiz und ihren Alltag, über ihre Protagonisten, über ihr We­sen und Walten, über Sein und Schein, Anspruch und Wirklichkeit so kenntnisreich, so umfassend erfassend und so packend geschrieben wur­de wie von unserer Preisträgerin“, erklärte Heribert Prantl in der Laudatio zum Wilhelm-Raabe-Preis.

 

Warum also nun ein Essay? Im Vorwort zu „Der Elefant im Zimmer“ schreibt Morsbach: „Man hat mich gefragt, warum ich, die Roman­auto­rin, das Thema nicht fiktiv behandle. Antwort: Die erkundeten Milieus waren so exotisch und die Verwicklungen so reich an Widersprüchen und be­­stürzenden wie komischen Pointen, dass ich sie als Erfinderin nicht hätte toppen können. Auch hätte mir niemand geglaubt.“

 

Thema des Essays ist die Frage: Wie kommt es zu Machtmissbrauch und welche Strategien der Gegenwehr gibt es? Morsbach geht dieser Frage an­hand dreier exemplarischer Fälle nach, die sie genau untersucht – und beantwortet! Dabei richtet sie ihr Augenmerk weniger auf den eigent­li­chen Missbrauch als auf die Krisen, die der Aufdeckung folgten.

 

Die erste Begebenheit betrifft den Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Österreichs aus dem Jahr 1995, in dessen Mittelpunkt der da­ma­lige Kardinal Hans Hermann Groër stand. Im zweiten Fall, dem sogenannten „Modellbau“-Fall, geht es um einen politischen Skandal aus der jün­geren Geschichte Bayerns. In den dritten Fall war Petra Morsbach selbst verwickelt, er spielte sich – von der Öffentlichkeit zunächst weit­ge­hend unbemerkt – in den Jahren 2010/11 an der Akademie der Schönen Künste in München ab. Im Folgenden soll nur vom ersten dieser drei Fäl­le die Rede sein.

 

Der Fall Groër liegt nun schon mehr als 25 Jahre zurück. Er löste damals in Österreich, nicht nur innerhalb der Kirche, einen Riesenskandal aus. Den Stein ins Rollen brachte ein junger Mann, der im Wiener Nachrichtenmagazin PROFIL seinen ehemaligen Religionslehrer des se­xu­el­len Missbrauchs beschuldigte. Spektakulär an dem Fall war die Person des Beschuldigten: Dr. Hans Hermann Groër, damals 76 Jahre alt, war in­zwischen Kardinal und Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz, der ranghöchste katholische Kleriker der Republik.

 

In der Auseinandersetzung um pädosexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Österreichs, die das Land noch lange nach den ersten Schlag­zeilen in Atem hielt und Kardinal Groër schließlich zum Rücktritt vom Vorsitz der Bischofskonferenz zwang, spielte das Nachrichten­ma­ga­zin PROFIL noch einmal eine wichtige Rolle. 1998, drei Jahre nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Vorwürfe gegen Groër, erstellte der damalige Herausgeber und Chefredakteur von PROFIL, Hubertus Czernin, eine Dokumentation des Konflikts: Das Buch Groër, Klagenfurt 1998, Wieser Verlag. Es versammelt in chronologischer Folge die entscheidenden Zeugnisse, nahezu ohne Kommentar.

 

Petra Morsbach nun stützt sich in ihrem Buch auf diese Chronik, eine „Fundgrube“: „Die Hunderte Mitteilungen, Briefe, Interviews, Zeugen­aus­sagen, Zeitungsartikel, Presseerklärungen, Aufrufe, Flugblätter, kanonischen Ermahnungen, Verdikte und Berichte ergeben nicht nur einen kol­lektiven Wahrnehmungs- und Deutungskrimi, sie speichern auch die Emotionen der Schreibenden.“ Und sie kommt zu dem Schluss: „Das entscheidende Drama – der Machtmissbrauch – spielte sich im irrationalen Bereich ab, in Verleumdung und Heuchelei, Selbsttäuschung und Täu­schung. Ohne deren Untersuchung ist hier nichts zu lernen. Und zu ihr liefern die Dokumente den Schlüssel: Denn der Mensch sagt immer mehr, als er meint.

 

Ihren Beitrag zur Erhellung dieses Dramas nennt Petra Morsbach darum eine „literarische Erkundung“. In Form einer „kommentierten Er­zäh­lung“ geht es ihr darum, an realen Beispielen „die Spuren der Macht freizulegen“. Zugleich beleuchtet sie die Sprache, in der die Konflikte ge­führt worden sind. Dabei stellt sich heraus: Die Schriftwechsel speichern nicht nur die volle Energie des Konflikts, sondern offenbaren auch tiefer liegende Motive – etwa bei den ertappten Mächtigen – Ängste, Zweifel und Verdrängungen, hinter denen sich oft ein verblüffend exaktes Bewusstsein der Rechtsverletzung zeigt, die im Schriftsatz wütend abgestritten wird.

 

Die Beschreibung des Falles durch Petra Morsbach liest sich spannend wie ein Krimi. Und in der Tat ging es um die Aufdeckung von Ver­bre­chen, deren Aufklärung in aller Öffentlichkeit sich über mehr als drei Jahre hinzog. Morsbach schont in ihrem ebenso scharf wie einfühlsam ana­lysierenden Essay weder Täter noch Opfer. Doch macht sie kein Hehl daraus, dass sie sich auf der Seite der „Unmächtigen“ sieht. Deren Pro­test, der oft großen persönlichen Mut erforderte, war im Fall Groër nicht vergeblich: Ein innerer Prozess ist in Gang gekommen, der in klei­nen Schritten für die Kirche in Österreich einen Kulturwandel bewirkte. Immer mehr Priester, Mönche, Journalisten und Gläubige erkannten, dass die christliche Botschaft auch von ihren höchsten Repräsentanten missbraucht werden kann und dass die „Unmächtigen“ gefordert sind, diesen Missbrauch zu verhindern. Dabei machten sie die „Erfahrung, dass das Aussprechen der Wahrheit wirksamer ist als das Getöse des Ap­pa­­rats“.

 

Den passenden Titel für ihr Buch fand Morsbach übrigens in der englischen Me­ta­pher: the elefant in the room – der Elefant im Zimmer. Das Gefährlichste an der Macht sei nämlich, dass sie peinlich ist und verleugnet wird. „Sie füllt den Verhandlungsraum nahezu komplett aus, doch alle müssen so tun, als spiele sie keine Rolle, und diese akrobatische Heuchelei bindet einen Großteil ihrer Konzentration und Kraft.“ In der Me­tapher, so Morsbach, sei vielleicht schon die Lösung enthalten: „Ein Elefant ist ein Elefant und sonst nichts, weder Gott noch Gespenst. Man kann ihn sogar mögen. Nur übersehen sollte man ihn nicht.“ Damit hat sie gewiss recht.

 

Klemens Roloff (Journalist, Bonn)