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KRITISCHES CHRISTENTUM

 

Nr. 410/411                     September/Oktober 2017

 

 

 

PAPST FRANZISKUS IN KOLUMBIEN

Papst Franziskus besuchte vom 6. bis 10. September Kolumbien. Im Mittelpunkt der 20. Auslandsreise und fünften Lateinamerikareise von Franziskus stand die nationale Versöhnung nach dem jahr­zehnte­lan­gen blutigen Konflikt zwischen dem Staat und der linken FARC-Guerilla. Weitere Themen des Besuchsprogramms in vier Städten waren der Einsatz der Kirche für die Armen, der Schutz bedrohter Natur­räume, innerkirchliche Erneuerung, Menschenrechte und soziale Gegensätze in Kolumbien.

Franziskus ist nach Paul VI. (1968) und Johannes Paul II. (1986) der dritte Papst, der Kolumbien besucht hat. Neben großen Gottesdiensten in der Hauptstadt Bogota, in Villavicencio, Medellin und Cartagena gab es Begegnungen mit den Spit­zen des Staates sowie mit Vertretern der Kirche Lateinamerikas. Außerdem sprach Franziskus zwei ermordete katholische Priester als Märtyrer selig. Der Papst reiste auf Ein­la­dung von Präsident Santos und den kolumbianischen Bischöfen in das südamerikanische Land. Eine Begegnung mit Vertretern der FARC war offiziell nicht vorgesehen.

Die Erwartungen an den Papstbesuch waren hoch. Nach über fünf Jahrzehnten bewaffnetem Kampf hoffen viele Kolumbianer auf eine fried­liche Zukunft. Im Juni 2016 schloss die Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos Calderón ein Friedensabkommen mit der größ­ten Guerilla-Gruppe, der FARC. Vier Jahre dauerten die Verhandlungen in der kubanischen Haupt­stadt Havanna. Bei einer Volks­ab­stim­mung im Oktober 2016 bekam das Abkommen allerdingskeine Mehrheit. Es wurde nach­ver­handelt, und schließlich billigte das kolum­bia­nische Parlament Ende 2016 das Abkommen. Santos erhielt dafür im Dezember 2016 den Friedens­nobel­preis.

Einige Punkte des Abkommens wurden bereits erfolgreich umgesetzt, wie etwa die Entwaffnung der FARC und ihre Umwandlung in eine politische Partei (ab 2018 kann sie für die nächsten zwei Wahl­perio­den automatisch 10 Vertreter ins Parlament entsenden, ab 2026 müssen sie ihre Mandate normal bei Wahlen gewinnen). Die UNO bestätigte Ende Juni, dass alle Waffen abgegeben wurden. Anfang des Jahres wur­­­den die Guerilleros dazu in 26 Entwaffnungszonen umgesiedelt. Seit Februar dieses Jahres verhandelt die Regierung mit der zweit­größ­ten Rebellengruppe ELN. Kurz vor dem Papstbesuch wurde eine Waf­fen­ruhe vereinbart. Sie dürfte eine der ersten Früchte der Visite von Franziskus in Kolumbien sein.

Allerdings sind in Kolumbien auch die Probleme bei der Umsetzung des Friedensabkommens nicht zu übersehen. Immer noch ist nicht klar, wie es wirklich zu der von der Regierung versprochenen Landre­form kommen soll. Und es gibt ein Wiedererstarken rechtsextremer para­mili­tä­rischer Organisationen, die nun in den ehemaligen Rebellengebieten wüten, wo die Zahl der Morde seit dem Friedensschluss sogar ge­stiegen ist. Dazu kommt, dass ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, zu dem zusätzliche Finanzmittel für die Umsetzung des Friedensabkommens (jährlich 2,5 Milliarden für die nächsten 15 Jahre) gebraucht wer­den, die Konjunktur stockt, was vor allem auf fallende Rohstoffpreise zurückzuführen ist. Die Wirtschaftskrise bedroht auch die bereits erreichten Fortschritte bei den Prokopfeinkommen, die seit 2014 wieder zu­rück­gehen.

Bogotá

Papst Franziskus stellte seinen Besuch in Kolumbien unter das Motto „Machen wir den ersten Schritt…“ Das bezog sich natürlich auf sein Haupt­anliegen, Versöhnung und Vergebung nach dem jahrzehntelangen bewaffneten Konflikt voranzubringen. Bei seinem Treffen mit Prä­si­dent Santos sprach er sich für Gesetze aus, die auch die Ursachen struktureller Armut beseitigen. Nur so sei ein Aufbau in Frieden und Ge­rech­tigkeit möglich. In der ersten Rede seiner Reise in das südamerikanische Land appellierte er beim Treffen mit Vertretern der Regierung und des öffentlichen Lebens an die Verantwortlichen: „Hören Sie auf die Armen und die Leidenden. (...) An ihnen lernt man wirklich Lek­tio­nen des Lebens der Menschlichkeit und der Würde.“ Franziskus zitierte ausführlich aus „Hundert Jahre Einsamkeit“ des kolumbianischen Li­te­­ratur-Nobelpreisträgers Gabriel García Marquez und er machte auch deutlich, dass er ohne Unterzeichnung des Friedensabkommens nicht nach Kolumbien gekommen wäre.

Bei einer großen Messe in Bogotá hat der Papst die kolumbianische Gesellschaft zu einem gemeinsamen Neuanfang aufgerufen. Zum Ab­schluss seines ersten Besuchstages nahmen über 1,3 Millionen Gläubige an der Messe unter freiem Himmel im Simon-Bolívar-Park teil. Ko­lum­bien sei ein fruchtbares, an sich reiches Land – allerdings getrübt von Ungerechtigkeit, Korruption, Missachtung und der „Finsternis des Ra­­chedurstes und des Hasses“, betonte Franziskus. Der Papst rief auch die Amtsträger der katholischen Kirche auf, sich mehr für den Frie­dens­­prozess einzusetzen.

Villavicencio

Am zweiten Besuchstag wandte sich der Papst bei einer Messe in Villavicencio an jene, die Vorbehalte gegen das Friedensabkommen hegen. „Je­­de Friedensanstrengung ohne aufrichtiges Engagement für die Versöhnung ist zum Scheitern verurteilt“, warnte das Kirchenoberhaupt. „Ver­­söhnung bedeutet, jedem Menschen die Türe zu öffnen, der die tragische Realität des Konflikts erlebt hat.“ Wer als Opfer die ver­ständ­li­che Versuchung der Rache überwinde, mache den Aufbau des Friedens glaubwürdig, so der Papst in seiner mehrfach von Applaus un­ter­bro­che­nen Predigt. Allerdings bedeute das nicht, Unterschiede und Konflikte unter den Teppich zu kehren. Ebenso wenig heiße es, Un­ge­rech­tigkeit zu legitimieren oder sich ihr zu fügen.

Bei einem großen Versöhnungstreffen in Villavicencio hat Papst Franziskus Opfern und Tätern des Bürgerkriegs für ihre sehr persönlichen Zeug­­nisse gedankt. Er sei hier, um den Menschen zuzuhören und von ihnen zu lernen, sagte er sichtlich bewegt in einem Park der Großstadt, die einst ein Epizentrum des Konflikts war. Anders als bei der katholischen Messe am Vormittag nahmen bei dem Gebetstreffen auch Ver­tre­­ter anderer Konfessionen und Religionen teil. Zentrale Akteure der Begegnung waren vier Zeugen des Bürgerkrieges, die schilderten, wel­ches Leid sie erlebt oder auch selbst anderen zugefügt haben. Auch den Tätern Schritte vorwärts zuzugestehen sei für alle eine Her­aus­for­­derung, bekannte Franziskus. „Es ist schwer, den Wandel derer zu akzeptieren, die grausame Gewalt angewendet haben", ging er auf die ver­­breitete Skepsis ein, die dem Friedensprozess gegenüber herrscht. Ebenso schwierig sei es, den Kreislauf von Hass, Gewalt und Ge­gen­gewalt zu durchbrechen. Aber alle seien Opfer dieses Kreislaufs, unschuldige wie schuldige.

„Es gibt Hoffnung auch für die, die Böses getan haben“, erklärte der Papst. „Heilen wir den Schmerz und nehmen jeden Menschen auf, der Straf­taten begangen hat, sie bekennt, bereut und sich zur Wiedergutmachung verpflichtet." Allerdings, so der Papst am Ende, sei es unver­zicht­bar, der Wahrheit Genüge zu tun. Im „Regenerationsprozess der Täter“ müsse „Gerechtigkeit walten“. Nur dürfe dies nicht zur Rache füh­ren, sondern zu tragfähiger Versöhnung und Vergebung.

Am gleichen Tag hat der Anführer der kolumbianischen Ex-Guerilla FARC und jetzige Parteichef der „Alternativen Revolutionären Kraft des Volkes“ (spanische Abkürzung ebenfalls FARC), Rodrigo Londono Echeverry, Franziskus um Vergebung für das Leid gebeten, das sei­­ne Organisation in über 50 Jahren Bürgerkrieg verursacht habe. „Ihre wiederholten Hinweise auf die unendliche Barmherzigkeit Gottes be­we­­gen mich dazu, Sie um Vergebung anzuflehen für jegliche Träne oder jeden Schmerz, den wir dem Volk Kolumbiens oder einem seiner Mit­glieder verursacht haben“, schrieb er in einem am 8. September in kolumbianischen Medien veröffentlichten Brief an den Papst. Londono alias „Timochenko“ bat um Entschuldigung dafür, dass er den Papst aus gesundheitlichen Gründen nicht persönlich treffen könne. Er ver­si­cher­te ihm jedoch, dass die FARC „jeglichem Ausdruck von Hass oder Gewalt“ abschwören wollten und die feste Absicht hegten, ihrerseits all jenen zu verzeihen, die bisher ihre Feinde waren. „Wir empfinden die Reue, welche nötig ist, um unsere eigenen Fehler zu sehen und um al­le Opfer unserer Handlungen um Vergebung zu bitten“, so der Oppositionspolitiker, der bis vor einem Jahr Rebellenchef war.

Die Grundabsicht seiner Gruppierung sei eine gute gewesen, strich „Timochenko“ hervor: Man habe Gerechtigkeit für die Ausgeschlossenen und Verfolgten Kolumbiens sowie die Überwindung von Ungleichheit und Benachteiligungen angestrebt. Dankbar zeigte er sich für Äuße­run­gen des Papstes, wonach Gott die Ausbeutung armer Länder durch reiche ebenso missfalle wie die Verweigerung von Vielfalt oder die Miss­achtung der Menschenwürde durch Gewinnstreben.

Seiner Bewunderung für Franziskus verlieh Londono sehr starken Ausdruck. „Seit Sie den ersten Schritt in mein Land gesetzt haben, spüre ich, dass sich endlich etwas ändern wird“, so der „Maximo Lider“. Der Papst hinterlasse einen tiefen Eindruck in der Geschichte des Lan­des, mo­bilisiere alle Bevöl­kerungsteile und gebe ihnen eine Botschaft, auch sorge er für „Tränen der Emotion bei Männern, Frau­en und Kin­­dern... Nur ein Heiliger wie Sie bringt das zustande“, schrieb „Timochenko“.

Medellín

An seinem dritten Besuchstag hielt der Papst eine Messe in der zweitgrößten Stadt des Landes, Medellín. Hier ist der Sitz des Latein­ame­ri­ka­­nischen Bischofsrates und hier tagte dessen 2. Vollversammlung im Jahr 1968, die die „Theologie der Befreiung“ quasi „kirchenoffiziell“ mach­te. Zugleich galt Medellín viele Jahre auch als Hochburg des internationalen Drogenhandels. In seiner Predigt vor mehr als 1 Million Mess­besuchern sagte der Papst, die Christen sollten sich nicht zu sehr auf Normen und Gesetze fixieren. Er rief die Gläubigen zu einer Nach­fol­ge auf, die das Wesentliche im Blick hat, die sich erneuert und sich engagiert. Die Kirche in Kolumbien müsse sich „mit größerer Kühn­heit in der Ausbildung von missionarischen Jüngern engagieren“, die „etwas wagen, handeln und sich einsetzen“. „Erneuerung verlangt Op­fer und Mut“, betonte Franziskus – für Kolumbianer bedeute dies, die Liebe Gottes besonders durch Gewaltlosigkeit, Versöhnung und Frie­den zu bezeugen.

Cartagena

Zum Abschluss seiner Kolumbienreise hat Papst Franziskus die Menschen des Landes noch einmal eindringlich zu Frieden, Versöhnung und zum Einsatz für die Menschenrechte aufgerufen. In seiner Predigt bei einem Gottesdienst im Hafen von Cartagena am Sonntagnachmittag sag­te er: „Wenn Kolumbien einen stabilen und dauerhaften Frieden will, muss es dringend einen Schritt tun in Richtung Gemeinwohl, Chan­cen­­gleichheit, Gerechtigkeit, Achtung der menschlichen Natur und ihrer Bedürfnisse.“ Der Einsatz für Frieden und Versöhnung gelinge aber nur, wenn man bereit sei, sich auch den Schattenseiten des Lebens zu stellen, sagte der Papst vor Hunderttausenden Gläubigen. Mit einem Pa­­zi­fismus „aseptischer Legalität“ sei es nicht getan. Man könne nicht in Frieden zusammenleben, „ohne nichts mit dem zu tun zu haben, was das Leben korrumpiert und es gefährdet“. Auch gutwillige Menschen könnten nicht verhehlen, dass einige in Sünden verharrten und die Ge­mein­schaft verletzten. Als Beispiele erwähnte Franziskus Drogenhandel, Umweltzerstörung, Ausbeutung von Arbeitskräften, Fi­nanz­spe­ku­la­tion, Prostitution, Menschenhandel, Missbrauch und Sklaverei.

Zuvor hatte der Papst in Cartagena die Wallfahrtsstätte des Nationalheiligen Petrus Claver (1580 – 1654) besucht. Der Jesuit hatte sich im 17. Jahrhundert für die schwarzen Sklaven eingesetzt, die im Hafen aus Afrika ankamen. Claver wählte als seinen Leitspruch „Sklave der Schwa­rzen für immer.“ In Anspielung auf dieses Motto rief der Papst die Kolumbianer auf, zu „Sklaven des Friedens“ zu werden. Und er zi­tier­te erneut García-Márquez: „Jetzt ist es Zeit zu begreifen, dass man die­ses kulturelle Unglück nicht mit Blei und nicht mit Geld beheben kann, sondern mit einer Erziehung zum Frieden“. Der Heilige Petrus Claver sei ein „Patron der Menschenrechte“ gewesen, der für die Wür­de der Schwarzen und Sklaven eingetreten sei. Aber unter den Tausenden von Christen seien es damals nur eine Handvoll Menschen ge­we­sen, die sich wie Claver der herrschenden Kultur entgegenstellten. In diesem Zusammenhang stellte er auch bezüglich der heutigen Kirche in Ko­lumbien die Frage: „Wieviel haben wir unterlassen, als wir zuließen, dass die Barbarei im Leben unseres Volkes Gestalt annahm?

Am Schluss seines Besuches wiederholte der Papst sein Anfangsmotto: „Machen wir den ersten Schritt!“ und erläuterte: „Den ersten Schritt ma­­chen“ bedeute,  auf den Anspruch zu verzichten, Verzeihung zu erlangen, ohne zu verzeihen, und geliebt zu werden, ohne zu lieben.“ Und Fran­ziskus schloss mit dem Aufruf: „Kolumbien, dein Bruder braucht dich. Geh ihm entgegen und bring ihm die Umarmung des Frie­dens, frei von aller Gewalt, ,Sklaven des Friedens für immer’“.

Vergebung und Versöhnung waren die Worte, die der Papst am häufigsten benutzte“, kommentierte die Tageszeitung „El Tiempo“ die fünftägige Reise. Sie habe keine Wunder gebracht, dafür könnte sie zum Startschuss eines nationalen Versöhnungsprozesses werden, glaubt Kolumbiens wichtigstes Blatt. Das allein wäre schon eine ganze Men­ge, wenn dem ersten Schritt nun weitere folgen würden.

Adalbert Krims

 

 

USA: KIRCHEN GEGEN TRUMPS EINWANDERUNGSPOLITIK

In den USA ist ein Konflikt zwischen der Regierung und den Kirchen über die Einwanderungspolitik ausgebrochen. Die Trump-Admini­stra­tion hat die Beendigung des «Deferred Action for Childhood Arrivals» (DACA)-Programms innerhalb von 6 Monaten angkündigt. 2012 führ­te der damalige Präsident Barack Obama mit einer präsidialen Verfügung dieses Programm ein, das Kinder illegal eingereister Einwan­de­rer vor Abschiebung schützen soll. Dieser Präsidialakt Obamas, für den er damals keine Mehrheit im Kongress hatte, war bei den Repu­bli­ka­nern umstritten. Trump hatte im Wahlkampf nicht nur dessen Aufhebung, sondern die Ausweisung aller illegalen Einwanderer angekün­digt. Für die TeilnehmerIn­nen am DACA-Programm gelten folgende Kriterien:

* Sie waren vor ihrem 16. Geburtstag in die USA eingereist und bei Inkrafttreten der Verfügung im Juni 2012 jünger als 31 Jahre.

* Sie hatten wenigstens 5 Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt.

* Sie besuchten eine High-School oder hatten diese abgeschlossen.

* Sie hatten sich keines schweren Verbrechens schuldig gemacht.

Die Entscheidung der Trump-Regierung, DACA innerhalb von 6 Monaten zu beenden, ist bei der Katholischen Bischofskonferenz auf schar­fen Widerspruch gestoßen: „Heute hat unsere Nation das Gegenteil von dem getan, wozu die Heilige Schrift uns aufruft. Es ist ein Schritt zurück von den Fortschritten, die wir als Land machen müssen.“ Die Erklärung wurde vom Präsidenten der US-Bischofskonferenz, Kar­di­nal Daniel N. DiNardo von Galveston-Houston, dem Vizepräsidenten, Erzbischof José H. Gomez von Los Angeles, dem Vorsitzenden der Migrationskommission, Bischof Joe S. Vásquez von Austin und dem Vorsitzenden der Unterkommission für die Einwanderer-, Flücht­lings- und Reisenden-Pastoral, Bischof Joseph J. Tyson von Yakima, unterzeichnet. Die Bischöfe bedauerten die am 5. September von Justizminister Jeff Sessions verkündete Entscheidung als einen „herzzerreißenden Moment in unserer Geschichte, der das Fehlen von Barmherzigkeit und gutem Willen und eine kurzsichtige Vision für die Zukunft zeigt.“ Die TeilnehmerInnen an dem Programm seien „fest ver­woben mit unserem Land und unserer Kirche und sind in jeder menschlichen und sozialen Hinsicht amerikanische Jugendliche“. Die ka­tho­lischen Bischöfe fügten hinzu, dass die Kirche „schon lan­ge mit Stolz und Bewunderung beobachtet (hat), wie die DACA-Jugend ihr täg­­liches Leben mit Hoffnung und der Entschlossenheit lebt, zur Gesellschaft beitragen: weiterhin zu arbeiten und für ihre Familien zu sor­gen, weiterhin im Militär zu dienen und weiterhin eine Ausbildung zu erhalten. Jetzt, nach Monaten der Angst und Sorge um ihre Zukunft, sind diese tapferen jungen Menschen von der Deportation bedroht.“ „Diese Entscheidung ist unakzeptabel“, betonten die Bischöfe „und ent­spricht nicht dem, was wir als Amerikaner sind“.

In einem Pastoralschreiben der Jesuitenprovinz von Kanada und den USA an die Betroffenen schrieb deren Präsident, P. Timothy Kesicki S. J.: „Ihr seid zu uns für Bildung gekommen, Ihr seid für pastorale und spirituelle Begleitung gekommen und wir haben Euch willkommen geheißen – nicht wegen Eurer Nationalität –, sondern weil ihr unsere Brüder und Schwestern in Christus seid. Keine Regierung kann diesen heiligen Bund auseinanderreißen“. P. Kesicky rief den Kongress dringend für eine rasche und dauerhafte Lösung auf und fügte hinzu: „aber mehr denn je verpflichten wir uns, dem  Gesetz Gottes zu folgen, das uns auffordert, den Fremden zu lieben und uns erinnert, dass unsere Vorfahren im Glauben einst fremd waren in einem fremden Lande.“

Der „Evangelical Immigration Table“, eine Koalition evangelikaler Organisationen und Leiter, die für eine Einwanderungsreform plädiert, die „mit biblischen Werten vereinbar ist“, schrieb Briefe an Trump und die Führung des Kongresses, in denen gefordert wird, dass DACA zu­mindest so lange in Kraft bleibt, bis der Kongress eine dauerhafte Gesetzgebung gefunden hat. „Wir tragen eine besondere Ver­ant­wor­tung für diese Einwan­derer, weil sie Amerika viel zu bieten haben. Sie wurden ohne ihre Zustimmung hierher gebracht und in den meisten Fäl­len sind die USA die einzige Heimat, die sie gekannt haben“, schrieben die evangelikalen Führer an Präsident Trump. „Wir wissen, dass die­se jungen Leute, die in gutem Glauben vorgegangen sind, keine Bedrohungen für Amerika darstellen. Mit der Beteiligung an DACA ha­ben sie sich bereits einer Durchleuchtung bezüglich krimineller Aktivitäten und potenzieller Bedrohungen der nationalen Sicherheit unter­zo­gen“.

Pfarrer Samuel Rodriguez, Präsident der National Hispanic Christian Leadership Conference (die als größte christliche Bewegung der spa­nisch-sprechenden US-Bürger betrachtet wird) und Mitglied der evangelikalen Beratergruppe von Präsident Trump, äußerte sich in einer Er­klä­rung enttäuscht über die Entscheidung der Regierung: „Ich bin enttäuscht, dass diese Schutzmaßnahmen enden und ich habe diese Ent­täu­schung direkt gegenüber dem Weißen Haus zum Ausdruck gebracht“. Rodriguez for­derte ein rasches Handeln des Kongresses und sag­te, er und seine Organisation „beabsichtigen nicht, dass ein einziges Mitglied des Kongresses eine gute Nachtruhe hat, bis sie garantieren, dass unsere Jugendlichen sich einfach ausruhen können“. Und Rodriguez fügte hin­zu: „Viel zu lange waren die hispanischen Jugendlichen in diesem Land politisches Faustpfand unsere mächtigen Politiker. Das ist eine Beleidigung für die Heiligkeit des Lebens, es ist un­mensch­lich und die hispanische Gemeinschaft wird sich nicht mehr länger dafür her­ge­ben. Unsere gewählten Kongressabgeordneten haben immer wie­der ihr Interesse an der hispanischen Gemeinschaft versprochen, aber nun haben sie sich dafür entschieden, nichts zu tun. Wir werden nicht zwischen Demokraten und Republikanern unterscheiden, sondern zwischen jenen, die für Recht und Gerechtigkeit stehen und jenen, die das nicht tun.“

Auch die Nationale Vereinigung der Evangelikalen (NAE) forderte den Kongress zu raschem Handeln auf: „Die Amerikaner mögen un­ter­schied­l­iche Ansichten über die breiteren Fragen der Einwanderungspolitik haben, aber die meisten stimmen zu, dass jene, die als Kinder in die­ses Land gebracht wurden – und die hier aufgewachsen sind –, nicht für die Handlungen ihrer Eltern bestraft werden sollten“, sagte NAE-Präsident Leith Anderson, der sich für eine umfassende Reform des Einwanderungssystems aussprach, bei der aber der Schutz der Kin­der ein wichtiger Aspekt sein müsse.

Auch die Presbyterianische Kirche verurteilte die Ankündigung, DACA aufzuheben: „DACA hat rund 800.000 Personen Sicherheit und Schutz vor Haft und Deportation ge­bracht. Das Programm hat jenen den Rücken gestärkt, die durch Lücken in unseren Gesetzen verletzbar ge­macht wurden“. Davon, dass sie ihre Bildung und berufliche Ausbildung verbessern konnten, habe auch die US-Wirtschaft profitiert. Auch die Presbyterianische Kirche sprach sich für eine ge­rechte Reform der Einwanderungspolitik aus, bei der auch die Härten der Fa­mi­lien­trennung sowie die Gründung von Familien in den USA berücksichtigt werden müssten.

Auch die Episkopalkirche stellte sich ausdrücklich auf die Seite der von der Ausweisung bedrohten Jugendlichen, „dieser jungen Frauen und Män­nern, die als Kinder in die USA gebracht wurden und die hier aufgewachsen sind und deren primäre kulturelle und nationale Identität ame­rikanisch ist“. In der Stellungnahme der Episkopalkirche heißt es u. a.: „Für jene von uns, die Jesus Christus folgen, stehen die christ­li­chen Werte auf dem Spiel. Menschliche und liebevolle Fürsorge für Fremde und Ausländer ist eine heilige Pflicht und ein moralischer Wert für jene, die dem Weg Gottes folgen wollen. In seinem Gleichnis vom Jüngsten Gericht spricht Jesus jene selig, die den Fremden auf­ge­nom­men haben und verdammt jene, die das nicht getan haben (Matthäus 25:35 und 25:43)“, heißt es in einem Schreiben des Leitenden Bischofs und Primas der Episkopalkirche, Michael B. Curry, und der Vorsitzenden des Abgeordnetenhauses der Episkopalkirche, Pfarrerin Gay Clark Jennings.

Die Leitende Bischöfin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika (ELCA), Elizabeth A. Eaton, drückte in einem Pastoralschreiben ihre „Trauer über das Ende des DACA-Programms“ aus. „Wir beten heute für jene, die an diesem unangemessenen Rückschlag, der mit dem En­de dieses Programms verbunden ist, leiden werden. Als Lutheraner betrachten wir die Familie als eine unverzichtbare soziale Institution und stehen fest gegen eine Politik, die die Trennung von Familien verursacht“.

Die Vereinigte Methodistische Kirche bezeichnete die Beendigung von DACA als nicht nur „unzumutbar“, sondern als „gegensätzlich zu mo­­ralischem Handeln und Zeugnis“. Jede Reform der Einwanderungsgesetzgebung müsse „den Wert, die Würde und den angeborenen Wert und die Rechte der Einwanderer“ betonen.

Die „Gesellschaft der Freunde“ (Quäker) nannte die Entscheidung von Präsident Trump „grauenhaft und unnotwendig“. „Das Leben von na­he­zu 800.000 Menschen wird nun drastisch verändert im Bemühen, ein Wahlkampfversprechen zu erfüllen. Diese Maßnahme bringt Mil­lio­nen von Einwanderern und ihre Familien in Gefahr und trägt nichts dazu bei, Amerika groß zu machen. DACA war wirksam um si­cher­zu­stel­len, dass junge Menschen, die bereits Teil unseres gesellschaftlichen Gefüges sind, die Möglichkeit haben zu arbeiten und ihre Träume zu ver­folgen.“

Quellen:„America Magazine“, 5. 9. 17;  „Christian Post Reporter“, 5. 9. 17; „Think Progress“, 5. 9. 17

 

BUCHTIPP

Thomas Kaufmann: Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation. Ch. Beck Verlag, München 2016, 508 Seiten; € 27,80.

Zum 500jährigen Jubiläum der Reformation erschien vom Göttinger Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann eine anschauliche Schilderung nicht nur des Lebenswerks des Reformators Martin Luther, sondern auch seiner Zeit, der Reformation und deren späterer Rezeption. Der Autor fasst Kirchengeschichte im umfassenden Sinne auf, und in diesem Sinn sprengt er die konfessionellen und die kirchlichen Grenzen. In meiner folgenden Betrachtung möchte ich nicht eine Inhaltsangabe wiedergeben, sondern auf Themenkreise des Buches hinweisen, die so­wohl eine zentrale Bedeutung als auch eine nachhaltige Wirkung haben.

1. Ein großes Verdienst des Buches ist, dass der Autor ein Licht wirft auf das ganze historische Umfeld und die Reformation als Teil der all­ge­meinen Geschichte schildert. Prof. Kaufmann stellt klar, dass mit Luthers Reformation nicht eine neue historische Epoche begann, aber oh­ne sie die Geschichte anders verlaufen wäre. Er verweist darauf, dass Luther nicht der einzige Reformator war, denn schon vor ihm hatte es verschiedene kirchliche Reformbewegungen gegeben, und dass erst die politischen Konstellationen der lutherischen Reformation ihre sin­gu­läre Bedeutung gegeben haben. In diesem Zusammenhang verweist der Göttinger Professor auf den Humanismus und auf den Buch­druck, die beide maßgeblich die Reformation gefördert und getragen haben. Für ihre rasche Verbreitung sorgte besonders der Buchdruck durch zahlreiche illustrierte Flugblätter, von denen einige als Illustrationen das Buch schmücken. Luther hat meisterhaft dieses moderne Kom­munikationsmittel für seine weit verbreiteten Netzwerke und für die Verbreitung des reformatorischen Gedankengutes verwendet mit­tels seiner gedruckten Predigten, Briefe und anlassbezogenen Schriften. Die Bedeutung der Sprache und der Schrift rückt der Autor in die Nä­he einer theologischen Schule, die bei Luther „das Sprachereignis“ unterstreicht. Sicherlich geht das auf Kosten der gesellschaftlichen und öko­nomischen Aspekte.

2. Zentrale Gestalt des Buches ist aber Luther. Der Autor schildert ihn von seinen „stürmischen Jahren“ an bis hin zum sogenannten alten Luther, als die innerreformatorischen und theologischen Konflikte bereits virulent waren. Der Autor stellt Luther als eine ambivalente Ge­stalt vor. Diese Ambivalenz hat verschiedene Gesichter. Auf der einen Seite war Luther ein Mann des Mittelalters, aber auf der anderen Sei­te hat er durch seine Konzentration auf das Gerechtwerden durch Gnade zur „Entzauberung der Welt“ (Max Weber)  beigetragen. Auf der einen Seite stand er für Freiheit, aber auf der anderen Seite wandte er sich vehement gegen Täufer und ganz besonders gegen aufständische Bau­ern. Er war ein Mann „zwischen Gott und Teufel“, wie ihn der holländische Kirchenhistoriker Heiko Oberman beschrieb. Überall sah er den Teufel am Werk, aber das hinderte ihn nicht auf der anderen Seite, fröhliche und zuversichtliche Kirchenlieder zu dichten und zu kom­po­nieren. In seinen jungen Jahren war er den Juden gegenüber freundlich eingestellt, aber im Alter gebärdete er sich als wüster Judenhasser.

3. Die Reformation war nicht allein das Werk Luthers, wie das in der Vergangenheit oft so dargestellt wurde , sondern es waren mehrere Ge­stalten, die –  teilweise in Abweichung zu Luthers Anschauungen –  an der Reformation beteiligt waren. Dazu zählen etliche seiner Mit­strei­ter, wie Melanchthon, aber auch jene Theologen, von denen er sich besonders in der Abendmahlsfrage unterschied, wie Zwingli und Calvin. Man kann sagen, dass die beiden Schweizer die städtische und Luther die landesfürstliche Reformation repräsentierten. Dies be­ding­te kulturelle und auch gesellschaftliche Unterschiede. Auch die römisch-katholischen Reformbewegungen nach dem tridentinischen Konzil stellt Kaufmann dar. Er sieht in ihnen – im Gegensatz zur früheren Kirchengeschichtsschreibung – in erster Linie „katholische Reformen“ und erst in zweiter Linie „Gegenreformation“. Der Autor befasst sich auch mit den „Dissenten und Nonkonformisten“ der Reformation, die man früher  allgemein als den „linken Flügel der Reformation“ bezeichnete. Dazu zählt er die Täufer, die Mystiker, die Spiritualisten und die An­ti­trinitarier. Diese Bewegungen wurden sowohl von allen Kirchen als auch von den politischen Mächten blutig verfolgt, obwohl gerade von ihnen die ersten Anstöße zu den späteren Menschenrechten und der allgemeinen Toleranz ausgingen.

4. Nach Prof. Kaufmanns Schilderung war die Reformation eng mit den politischen Komponenten verbunden. Hier werden von ihm beson­ders zwei Faktoren in den Vordergrund gestellt: Erstens  die Bedrohung des „lateinischen Europa“ –  wie Kaufmann statt „Abendland“ in sei­­nem Buch schreibt    durch das Osmanische Reich nach der Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453. Die Nachgiebigkeit des Kaisers und der Reichsstände den Evangelischen gegenüber seien zum Teil von dieser Warte her zu erklären. Zweitens: Die Reformation wurde maß­­geblich gefördert durch die antirömischen Affekte der Fürsten. Zum Beispiel wäre Luther ohne die schützende Hand des Kurfürsten Friedrich von Sachsen  Opfer der Reichsacht geworden. Der Augsburger Religionsfriede 1555 mit seiner Hauptthese „cuius regio eius re­li­gio“ war das Ergebnis einer multireligiösen Einstellung von Ferdinand I. gegenüber der monoreligiösen Vorstellung seines Vorgängers Kaiser Karl V. Dieser Religionsfriede bewirkte später die Zersplitterung Deutschlands in verschiedene Fürsten­tümer, die wiederum zur bleibenden Staats­nähe der Evangelischen Kirche führte. Kaufmann schreibt von einer „Verstaatlichung“ der Kirche, wie er die Dualität von Thron und Al­tar bezeichnet. Die Nachfahren Luthers haben seine sogenannte Zwei-Reiche-Lehre für diesen Status herangezogen. Die Refor­mier­ten Kir­chen als Frucht der städtischen Reformation haben mehr Wert auf kirchliche Autonomie gelegt, und die dissenten Gruppen lehnten über­haupt jegliche Staatsnähe ab.

5. Kaufmann schreibt ausführlich über die Rezeption Luthers im Verlaufe der Jahrhunderte. Besonders die Reformationsjubiläen wider­spie­gel­­ten den Geist der jeweiligen Epoche. „Auch bei der 500-Jahr-Feier 2017 wird das kaum anders sein“, bemerkt der Autor. Im Verlaufe der Ge­schichtsschreibung hat Luther tiefe Spuren hinterlassen, denn der deutsche Geist fand immer mehr in Luther seine Verkörperung. Es ist zur allgemeinen Überzeugung geworden, was der  Autor so zusammenfasst: „Eine deutschere Gestalt als Luther hat es schwerlich ge­ge­ben“. Kein Wunder, dass die NS-Parole „von Luther zu Hitler“ einen breiten Anklang fand, leider auch in den Kirchen. Der Autor be­schreibt, wie die großen deutschen Philosophen des 19. Jahrhunderts, wie Fichte und Hegel, Luther sahen. Es ist schade, dass der Autor Marx nicht er­wähnt, obwohl dieser seine zentrale Aussage vom „Opium des Volkes“ mit Luthers Rechtfertigungslehre konkretisierte. Es ist interessant, dass, nachdem am Anfang des 20. Jahrhunderts der evangelische Theologe Ernst Troeltsch Luther ins Mittelalter abschob, als Ent­gegnung darauf die Luther-Renaissance entstand. Dabei spielte auch die Niederlage Deutschlands nach dem Ersten Weltkrieg eine Rolle. Als Ge­gen­be­wegung darauf wirkte die Barth’sche dialektische Theologie. Es ist auch schade, dass der Autor unter den verschiedenen von ihm auf­ge­zähl­ten Theologen Bonhoeffer nicht erwähnt, der sehr kritisch von der „billigen Gnade“ sprach. Auch auf die Luther Rezeption in an­deren Län­dern Europas und auch in den USA kommt Kaufmann zu sprechen, und er erwähnt auch, dass nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bun­des­republik Deutschland, in der Zeit der Wiederaufbauphase, gerne an Luthers Wort vom Apfelbäumchen erinnert wurde, wo­hin­ge­gen in der DDR im Verlaufe der Zeit aus Luther als dem „Fürstenknecht“ und „Fürstenreformator  eine „wichtige Gestalt der deutschen Ge­­schich­te“ wurde.

6. Zum Abschluss möchte ich einige Themenkomplexe aufgreifen, die bei mir Fragen ausgelöst haben. Erstens: Luthers Judenfeindschaft nur als Altersangelegenheit zu sehen, greift meines Erachtens nach zu kurz. Denn – wie einige Theologen in jüngster Zeit entdeckt haben – haben vie­le von Luthers Nachfahren aus seiner Rechtfertigungslehre verhängnisvolle Konsequenzen gezogen. Die Rechtfertigung aus dem Glauben und nicht aus dem Gesetz führte nämlich bei vielen zur Ablehnung des alttestamentlichen Gesetzes und überhaupt des gesamten Alten Te­sta­mentes. Und hier wurde also schon der Boden bereitet für Antisemitismus und Judenhass. Zweitens: Etliche deutsche Kirchenmänner, die den NS-nahen Deutschen Christen angehörten, haben aus dieser Ideologie die Konsequenzen gezogen und haben neben dem Wort Gottes die Begriffe Volk und Rasse zur Grundlage christlichen Lebens erklärt, und damit haben sie aus dieser ihrer Überlegung heraus den Weg „von Luther zu Hitler“ „theologisch“ bejaht. Dieser Slogan blieb daher nicht nur eine Parteiangelegenheit. Drittens: So wie in fast allen kir­chen­historischen Werken –  und somit auch in Kaufmanns Buch  – wird die Reformationsgeschichte der ost­europäischen Länder nur als Ap­­pendix behandelt, obwohl alle von ihnen ih­ren eigenständigen Beitrag zu der europäischen Reformationsgeschichte zugeleistet haben: So hat die tschechische Reformation ihre Verbindung zu der hussitischen und taboritischen Tradition; die polnische Reformation entstand in einer Adelsrepublik, und die ungarische Reformation erlebte ihre Entfaltung und Autonomie un­ter der osmanischen Herrschaft. Viertens: der Haupttitel des Buches „Erlöste und Verdammte“ hinterlässt selbst Fragen. Hat er mit der dualistischen Einstellung der damaligen Zeit zu tun, in der zwischen Kirche und Welt, Gut und Böse, Schwarz und Weiß, Gläubigen und Ungläubigen scharf unterschieden wurde?  Oder weist der Titel auf Luthers eigene Ambivalenz hin bzw. auf seine dialektische Einstellung, wie er sie in den Sätzen ausgedrückt hat „simul iustus et piccator“ oder „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan; ein Christenmensch ist ein dienst­ba­rer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“?

Die Ausführungen des höchst anregenden Buches, verbunden mit diesen Fragen  – und vielleicht noch anderen! –  animieren stark zum Le­sen. Der Autor hat in seinem Herangehen an die Reformationsgeschichte diese als etwas Offenes, nicht Abgeschlossenes dargestellt. Denn er be­endet sein Schlusskapitel „Epilog – der Zauber des Anfangs“ mit dem an Ernst Bloch anmutenden Satz: „Diese Reformation steht noch aus“.

Balázs Németh